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Manfred Honeck: «Wenn ich an der Tradition klebe und das Feuer verliere, dann macht Tradition überhaupt keinen Sinn.»

 

Der österreichische Dirigent Manfred Honeck ist ICMA-«Artist oft the Year» 2018
«Wir brauchen Zeit»
Manfred Honeck ist erfolgreich wie nie: Mit «seinem» Pittsburgh Symphony Orchestra hat er für die Aufnahme von Schostakowitschs fünfter Sinfonie soeben den Grammy in der Kategorie «Best Orchestral Performance» bekommen. Und im April wird er in Katowice als «Artist of the Year» der International Classical Music Awards geehrt. Im Gespräch bekennt er sich zu akribischer Reflexion, einem wachen Umgang mit Traditionen und zur spirituellen Kraft von Musik.
Manfred Honeck: «Für mich ist der Gehalt hinter der Musik wichtiger geworden als das reine Zusammenspiel.»

Andrea Meuli (Text) & Priska Ketterer (Bilder)

«Spiritualität bedeutet 
mir viel mehr»

M&T: Es hat alles etwas gedauert: Zweimal 
waren Sie bereits nominiert, beim dritten Mal nun
hat es mit einem «Grammy» geklappt. Zudem werden Sie als «Artist of the Year» der International Classical Music Awards ausgezeichnet. Sind Sie ein Langstreckenläufer?

Manfred Honeck: (Lachend) … mit meiner Gewichtszunahme kann ich das überhaupt nicht bejahen …, aber ernsthaft: In einer gewissen Hinsicht, wenn 
es um Ausdauer geht, dann bin ich schon ein Langstreckenläufer. Umgekehrt treibt mich die Neugierde auch immer wieder dazu an, innezuhalten, etwas Besonderes wahrzunehmen, etwas Neues zu lernen. Zu sehen, wo es neue Einflüsse gibt, auch neue Komponisten kennenzulernen, ist mir in meinem Leben ganz wichtig geworden. Ebenso beschäftigt mich die Erhaltung gewisser Traditionen und das Verständnis dafür.

M&T: Können Sie das mit einem Beispiel er­läutern?

Manfred Honeck: Wenn ich etwa eine Johannespassion mache, ist es mir natürlich wichtig zu wissen, wie Bach selber
diese Werke aufgeführt hat. Oder ein anderes Beispiel: Bei Mahler sprechen wir von österreichischer Tradition – aber von welcher Tradition sprechen wir eigentlich? Was hat er denn gemeint damit, wenn er bestimmte Floskeln einbaut? Wie wurde das damals gespielt? Auf welche Typen rekurrierte er etwa in seinen verschiedenen Ländlern? Mit solchen Fragen habe ich mich intensiv beschäftigt in den letzten Jahren – weil es mir ein Anliegen ist und meine Interpretationen enorm beeinflusst hat. Dabei stelle ich mir immer die Frage: Welche Rolle spielt die Tradition in meinem Leben, und welche Rolle hat sie in Gustav Mahlers Leben gespielt? Ich erinnere mich sehr gerne an eine Aussage Mahlers: «Die Tradition ist die Bewahrung des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.» Dieser Satz hat mich nie losgelassen: Wenn ich an der Tradition klebe und das Feuer verliere, dann macht Tradition überhaupt keinen Sinn. Daher muss ich bereit sein, Traditionen zu verändern und aus diesem Bewusstsein heraus vielleicht auch eine neue Flexibilität zu entwickeln. So gesehen kann ich den Langstrecken­läufer nicht ganz hundertprozentig unterschreiben… Denn ich bin auch bereit, gewisse Umwege zu gehen, gewisse Ausflüge zu wagen, um etwas Neues zu bewegen.

M&T: Kann diese akribische Reflexion, das 
wache und bewusste Einbeziehen des Umwegs, ein Grund dafür sein, dass Ihre Karriere sich kontinuierlich, aber eher leise und vielleicht auch etwas bedächtiger entwickelt hat?

Manfred Honeck: Mit Sicherheit. Ich bin eher einer, der sich viel Zeit für das Studieren nimmt. Ich behaupte auch, dass mein Repertoire nach wie vor nicht sehr gross ist. Und ich habe spät mit 
Dirigieren begonnen, mit 33, als ich das Orchester der Wiener Philharmoniker verliess. Erst da hat mein Dirigenten­leben wirklich begonnen. Das steht in keinem Vergleich zu heutigen Karrieren, wenn man sieht, dass Dirigenten bereits vor zwanzig beginnen und mit 25 Jahren schon grosse Orchester dirigieren. Keine Frage, eine Sinfonie zur Aufführung bringen können Achtzehnjährige umwerfend, die bringen auch einen Sacre fantastisch hin. Wir können die Technik erlernen, aber wenn das 
alles bleibt, was ein Dirigent zu bieten hat, dann ist es auf Dauer eben zu wenig, und es kann einem geschehen, dass man in ein Loch fällt, in eine Krise gerät oder sich an den Erfolg gewöhnt. Daher hat mich die Frage immer interessiert, was wir als Dirigent denn eigentlich brauchen? Mir ist klar, dass es unweigerlich auch musikalische Weisheit braucht. Und mit achtzehn oder zwanzig Jahren kannst du diese Geheimnisse in der Musik noch nicht erfahren haben. Das geht nicht. Wir brauchen Zeit.

M&T: Nimmt ein Orchester einem älteren Diri­genten eher etwas ab als einem jungen, un­erfahrenen?

Manfred Honeck: Ein junger Dirigent wird von den Musikern schon deshalb etwas anders beobachtet, weil er eben jung ist. Und man darf auch nicht vergessen – das ist mir in Chicago so geschehen – da sitzt einer vor mir, der schon unter Fritz Rainer mit dabei war und der diese Tschaikowsky-Sinfonie schon hundertmal unter den verschiedensten Dirigenten gespielt hat! Und nun kommt ein Manfred Honeck und will etwas Neues hineinbringen – da muss dieser Musiker doch zuerst einmal an mich glauben. Gott sei Dank konnte ich ihn mit meinen Ideen überzeugen. Heute, fünfzehn, sechzehn Jahre danach, gehe ich mit demselben Konzept zu einem Orchester. Aber ich werde mich eher auf die wichtigen Dinge konzentrieren und mit meiner gewonnenen Erfahrung in kürzerer Probenzeit die Dinge so bekommen, wie ich sie hören möchte. Menschenkenntnis ist ja enorm wichtig für einen Dirigenten. Es kann durchaus sein, dass ein junger Dirigent sich nicht getraut, gewisse Dinge anzusprechen. Mit zunehmender Erfahrung fällt es einem leichter, die Hürden der Angst zu nehmen.

M&T: Haben Sie das selber erfahren?

Manfred Honeck: Wenn ich heute zu einem Orchester komme, das ich vor langer Zeit schon einmal dirigiert habe, dann treffe ich eine ganz andere Situation an: Sassen damals lauter ältere, meist sehr viel ältere Menschen vor mir – so sind es heute oft viel jüngere Musiker, denen ich ein Vater sein muss. Das ist ein anderes Verhältnis, das hat sich völlig
verschoben.

M&T: Diese Musikerinnen und Musiker erwarten also etwas von Ihnen …

Manfred Honeck: … auf jeden Fall. Zum Beispiel, dass man ihnen gewisse Geschichten mitgibt. Das war beispielsweise so, als ich Dvorˇáks Achte mit der Tschechischen Philharmonie aufführte. Die spielen Dvorˇák in Prag ja rauf und runter; und auf ihren Tourneen hört man dauernd die Siebte, Achte oder Neunte. Das Orchester kennt diese Musik auswendig, trotzdem bin ich hingegangen, um sie auf ihre eigene Identität, auf den tschechischen Klang aufmerksam zu machen, ihnen das zu vermitteln, was den Charakter dieser Musik ja ausmacht. Das ist etwas, was ich heute als etwas älterer Musiker diesen Menschen in Prag vielleicht mitgeben kann – dass sie den Kontext anders wahrnehmen und damit die eine oder andere Stelle plötzlich anders klingt.

M&T: Das heisst, Ihre Autorität hat heute ein 
anderes Profil als am Anfang Ihrer Karriere?

Manfred Honeck: (Lachend) Darauf will ich ein bisschen hinaus. Das alles schliesst ja nicht aus, dass junge Dirigenten fantastische Musiker sein können. Aber jeder entwickelt und festigt im Lauf der Zeit seine Persönlichkeit. Über die Jahre hinweg schält sich etwas heraus, was man zuvor vielleicht bloss ahnen konnte. Für mich jedenfalls ist der Gehalt hinter der Musik wichtiger geworden als das reine Zusammenspiel. Es ist mir oft völlig egal, ob eine Stelle perfekt zusammenpasst, wenn der Gehalt stimmt. Spiritualität bedeutet mir viel mehr, auch wenn man heute oft davor zurückscheut, dies anzusprechen. Aber wie kannst du bei Bruckner Spiritualität ausblenden? Genauso wenig wie man seine Volkstümlichkeit ausblenden kann. Beides muss vorhanden sein, das habe ich vor dreissig Jahren vielleicht geahnt, jetzt nehme ich es als Interpret ganz bewusst in die Hand. Und werde daher eben in der Siebten den Landler noch klarer als österreichischen Landler interpretieren oder in der Vierten die Vogelstimmen des Zizibe noch deutlicher hören lassen – wie es Bruckner selber auch geschrieben hat. Und ich behaupte, dass es im ersten Satz der 
Siebenten eine Art ungarischer Musik gibt – fast in der Nähe eines Csárdás’. Das traut sich heute keiner so zu spielen, es ist jedoch angelegt. Und daher mache ich es auch, manchmal sind die Leute dann schockiert darüber – bei Bruckner ein Csárdás…? – Das ist doch nicht Bruckners Stil! Doch dann haben sie Bruckner nicht verstanden. Bruckner ist nicht nur ein religiöser Komponist, der von der Orgel her kommt und für die Kathedralen geschrieben hat. Er war 
genauso ein urvolkstümlicher Musiker, der Bratsche und Geige auf Hochzeiten gespielt hat, bevor er seine Komponisten­karriere eingeschlagen hat. Diese Dinge interessieren mich. Und ich kann sie heute viel schärfer herausarbeiten und den Musikern mit viel grösserer Freude vermitteln, als es mir vor dreissig Jahren möglich war.

M&T: Wie wichtig ist Anerkennung von aussen in Ihrem Metier?

Manfred Honeck: (Denkt nach) Sie ist immer weniger wichtig geworden für mich. Das hat mit Vertrauen in sich selber
zu tun. Auch in jungen Jahren war man zwar überzeugt von dem, was man vertrat, stellte sich aber dennoch immer wieder die Frage: Greift das jetzt auch? Verstehen die Musiker das? Versteht es das Publikum? Aber mit zunehmendem Alter wird einem bewusst, dass man völlig
unabhängig von Geschmacksrichtungen zu interpretieren bereit sein muss. Ich kann meine Interpretation eines Werkes
doch nicht danach ausrichten, ob es den Leuten so gefällt – das geht gar nicht! Meine Identität und meine Sichtweise kann ich nie aufgeben. Entscheidend muss jedoch immer sein, dass eine Inter­pretation vom Komponisten aus so richtig gedacht ist. Dann wirkt die Musik am besten.

M&T: Vermissen Sie die Oper?

Manfred Honeck: Das ist eine inte­ressante Frage. Ich habe die Oper ganz bewusst zurückgestellt. Das hat damit zu tun, dass der Music Director eines amerikanischen Orchesters einfach ganz
anders gefordert ist als in Europa. Es braucht wahnsinnig viel Zeit, all die Dinge wie Fundraising mitzutragen. Auch wollte ich mir die Zeit nicht mit Opernengagements zupflastern. Und Repertoireaufführungen zu dirigieren, lehne ich ab, obwohl ich verschiedene Angebote gehabt habe. Aber es interessiert mich nicht, irgendwo hinzugehen und eine Aufführung ohne Probe zu dirigieren. Ich muss und will mit einem Stück wachsen. Das kann auch eine Wiederaufnahme sein, allerdings muss eine gewisse Probenzeit vorhanden sein. Und bisher wollte ich diese anderthalb Monate Zeit, die es dafür jeweils braucht, nicht opfern.

M&T: Haben Sie deshalb begonnen, Opern­suiten einzurichten, damit Sie auf diese Musik dennoch nicht zu verzichten brauchen …

Manfred Honeck:  …auf diese Idee bin ich bisher gar nicht gekommen! Aber Sie sprechen da etwas an …

M&T: … immerhin betrifft es mit Strauss, Janácˇek und Dvorˇák Komponisten, die Ihnen nahe­stehen.

Manfred Honeck: Das ist richtig. Vielleicht hat es mit meiner Liebe zur Oper zu tun. Die lebt ungebrochen! Aber ich habe mir auch gedacht: Diese Musik ist so fantastisch, weshalb können wir sie nicht auch auf die Konzertbühne bringen? Ich liebe Elektra, ich habe sie lange
und oft in Wien gespielt, damals ja auch unter Abbado. Und immer dachte ich dabei: Mein Gott, das ist ja gigantisch, was Strauss da für sinfonische Klänge geschaffen hat – es wäre doch toll, wenn ich das auf das Konzertpodium bringen könnte. Gleichzeitig überlegte ich mir, weshalb Strauss zu diesem Werk keine Suite zusammenstellte, wie es sie vom Rosenkavalier gibt. Er hat wohl eine Fantasie zur Frau ohne 
Schatten geschrieben, es gibt den Tanz aus Salome – nichts jedoch aus Elektra, für mich eine der sinfonischsten Opern aller Zeiten. So bin ich dazu gekommen. Ähnlich ging es mit Dvorˇáks «Rusalka». Und die nächste Opernsuite mit 25 Minuten Dauer ist auch schon fertig …

M&T: Zu welchem Werk?

Manfred Honeck: Zu Puccinis «Turan­dot» – von der orchestralen Qualität dieser Musik bin ich ganz hingerissen! Aber es fehlt noch die Genehmigung der Enkelin des Komponisten, damit wir das Stück aufführen können.

M&T: Welche Kriterien muss eine Musik er­füllen, damit es Ihnen zum Bedürfnis wird, sie aufzuführen?

Manfred Honeck: Sie muss genial sein! Und sie muss mich und die Menschen emotional ansprechen. Ihr emotionaler Gehalt ist Voraussetzung. Und wenn ich davon spreche, dann meine ich wirklich die Musik selber. Denn eine einfache Melodie kann mich genauso berühren wie gross angelegte Orchestermusik. Denken wir an ein Lied, dessen Schlichtheit sehr tief gründen kann – ein einfaches Schubert-Lied kann die Welt bedeuten.

M&T: Sie werden dieses Jahr mit dem Award als «Artist of the Year» der International Classical
Music Awards ausgezeichnet. Genugtuung über diese Resonanz?

Manfred Honeck: Ich würde das nicht als Genugtuung bezeichnen, sondern als Dankbarkeit und auch Bestätigung dafür, dass ich den eigenen Weg immer unbeirrt weitergegangen bin und dabei nie gezweifelt habe, dass er für mich richtig war. Was die Erkenntnis einschliesst, dass der Prozess des Lernens nie zu Ende geht. Das wird mich beschäftigen bis zu meinem Tod. Aber es ist schön zu sehen, je mehr ich dirigiere, je mehr CDs erschienen sind, dass die Menschen verstanden haben, worauf ich hinaus will. Und vielleicht ist es mir gelungen, in den Zuhörern ein Bedürfnis zu wecken, diesen Weg des Entdeckens und des Erforschens heute eher mit mir zu gehen als vielleicht früher in meinen ersten Jahren als Dirigent. Das freut mich – und es macht mich dankbar. ■

Ein Gespräch mit Manfred Honeck über amerikanische Orchesterkultur und seine Zusammen­arbeit mit dem Pittsburgh Symphony Orchestra publizierte M&T in der Sonderausgabe zum Lucerne Festival 2017, S. 18–21.

Ausgabe: 03 - 2018