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theater

Reinhard Werner / Burgtheater

Simon Stones Version von Henrik Ibsens «John Gabriel Borkman», eine Koproduktion von Basel und Wien

 

Zwischen Burgtheater und «Tatort» – das künstlerische Pendlerleben des Schauspielers Roland Koch
«Wien war ein Sehnsuchtsort»
Am Theater Basel konnte man ihm während der letzten Spielzeiten des Öfteren begegnen, ansonsten vor dem Fernseher: Der aus der Schweiz gebürtige Burgtheater-Schauspieler Roland Koch spricht im Interview über seinen Lebensweg, die Zürcher Jugendunruhen von 1981, den politischen Namensvetter – und seine «Tatort»-Rollen.

Thomas Trenkler

M&T: Wie geht es Ihnen denn in der Pandemie?

Roland Koch: Eigenartig. Wenn ich mich in der Stadt bewege, verspüre ich den Drang, nach Hause zu gehen. Der öffentliche Raum bedeutet für mich nicht mehr Freiheit, sondern Beklemmung. Die Massnahmen machen etwas mit mir. Ich hab‘ mein Raum-Körper-Gefühl verloren, weiss nicht mehr, wo die Rampe, der Abgrund ist. Das Kaffeehaus, der Gesprächsraum schlechthin, ist weg. Wir beide müssen uns konspirativ in einem desinfizierten Raum im Burgtheater treffen. Und wir müssen uns darüber einig werden, ob wir beim Gespräch unsere Masken ab nehmen. Das ist schon sonderbar. Als ich kam, hat mich der Pförtner – wie immer – gefragt: «Grüss dich! Na, wie geht’s dir?» Normalerweise antwortet man: «Eh gut.» Eben weil es eine Floskel ist. Aber jetzt funktioniert sie nicht mehr. Ich hab‘ gesagt: «Wenn ich das wüsste!»

M&T: Ihre Website heisst «rolandkochschauspieler.de». Braucht es den Zusatz «Schauspieler», um eine Verwechslung auszuschliessen?

Roland Koch: Die Website mache nicht ich, das macht eine Erzieherin aus Hannover, die mich seit meiner Zeit am dortigen Schauspiel mit dieser Seite begleitet. Sie hat von mir keinerlei Direktiven und kann gerne ihrem Hobby frönen. Und ich gucke gerne bei ihr nach, denn sie weiss über meine Termine, Lesungen zum Beispiel, oft besser Bescheid als ich. Aber ja, es kommt immer wieder zu Verwechslungen. Es gibt zum Beispiel einen Fussballtrainer Roland Koch. Er hat es nie in die erste Liga geschafft. Ich habe immer versucht, das nicht als Omen zu nehmen. Dann gibt es einen Schriftsteller Roland Koch, der doch schon einige Bücher geschrieben hat. Und dann gibt es den ehemaligen Ministerpräsidenten von Hessen, der sogar als Kanzlerkandidat zur Diskussion stand. Das war eine harte Zeit für mich!

M&T: Warum denn?

Roland Koch: Er galt als CDU-Rechtsaussen und war daher ein Feindbild. 2008/2009 drehte ich in Hessen die Serie «Geld.Macht.Liebe» – und er rief mich an. Er würde gerne ein Gespräch mit mir führen, weil wir doch Namensvettern sind. Wir haben uns dann zum Abendessen in der Orangerie von Bad Homburg getroffen. Ich nahm mir vor, gleich zu Beginn mein Unbehagen über seine rechtslastige Politik zu äussern, denn sonst hätte ich keinen Bissen runtergebracht. Und das habe ich auch getan: «Es ist doch ein Wahnsinn, was für einen Wahlkampf Sie führen! Sie spielen absichtlich mit dem Feuer!» Er antwortete: «Sie haben vollkommen recht! Aber wo soll ich die fehlenden fünf Prozent holen, um die Mehrheit zu erhalten? Links von der CDU? Geht nicht. Ich kann die Stimmen nur vom rechten Rand holen.» Ich war fassungslos: «Sie können doch nicht gegen Ihre Überzeugung Wahlkampf machen!» Und er sagte, dass Politik eben auch ein Geschäft sei. Manchmal müsse man, um das Gute zu ermöglichen, das Schlechte tun. Seine Offenheit erstaunte mich. Wir sprachen viele Stunden und tranken viele Flaschen. Mittlerweile ist es still um ihn. Zurzeit bin ich der Einzige mit dem Label «Roland Koch».

M&T: Sie wurden 1959 in Uezwil geboren. Ich gestehe, diesen Namen noch nie gehört zu haben.

Roland Koch: Uezwil ist mein Heimatort, geboren und aufgewachsen bin ich in Muri, ein Dorf, wenige Kilometer entfernt. Dort ist die Verwaltung des Bezirks. Berühmt ist Muri übrigens durch die Benediktinerabtei mit der Habsburger-Gruft. Daher gibt es eine Verbindung zu Wien; auch Zita, die letzte österreichische Kaiserin, wurde in der Abtei aufgebahrt, bevor man sie in der Kapuzinergruft beigesetzt hat. Und ich bin dort zur Schule gegangen. Die Prägung durch den katholischen Hintergrund war gross. Bis heute erkläre ich mir die Welt mit all dem, was ich damals, bis zu meinem 18. Lebensjahr, in Muri erfahren habe.

M&T: Sie gingen dann nach Zürich, um Ethnologie, Psychologie und Philosophie zu studieren. Schauspieler war noch keine Idee?

Roland Koch: Nein. Ich wusste gar nicht, was das ist. Bei uns daheim gab es keine Verbindung zu dieser Art von Hochkultur. Zum Schauspiel kam ich durch eine Art Auslese: Ich merkte, das kannes nicht sein – und das auch nicht. Bis ich eben in diese Nische geraten bin. Ich habe ja zuerst Lehramt studiert und hätte mir wohl in Muri eine Existenz aufbauen können. Das war auch der Wunsch meiner Umgebung: «Du bischt a sehr a guate Lehrer, du kannscht rede!» Warum soll man dann nicht bleiben und sich nicht einbringen? Aber ich merkte, wie sich der Sack zuzog, wie es eng wurde. Ich musste entfliehen – übersiedelte zuerst in den Nachbarsort, tauchte später in der Anonymität von Zürich ab und konnte nicht mehr habhaft gemacht werden. Ich fing dann mit dem Studium an. Niemand rund um mich konnte sich vorstellen, dass man damit jemals Geld verdienen könne. Die Berufe mussten ja erst erfunden werden. Aber es war eine interessante Zeit. Denn Mario Erdheim hat die Ethnopsychoanalyse begründet. Die Frage war: Was können wir von den anderen Gesellschaften lernen? Und dann, 1981, ist das ethnologische Seminar in den Mittelpunkt von «Züri brännt» gerückt, weil sich die Studenten mit der «Bewegung» verbunden haben. Die Utopie war, die Stadtregierung in Bedrängnis zu bringen. Es gab fast bürgerkriegsähnliche Zustände, jedes Wochenende mussten die Schaufenster verbarrikadiert werden. Es war ein singuläres Ereignis in dieser ansonsten sehr zivilisierten Welt. Aber der Putsch scheiterte schnell. Denn je mehr Menschen auf die Strasse gingen, desto mehr Polizei stand ihnen gegenüber. Da wurde ungeheuer aufgerüstet, die Bewegung mehr oder weniger erstickt. Es folgte eine ungeheure Frustration: Wie soll es weitergehen, wenn es keine Vision von einer Teilhabe an gesellschaftlichen Vorgängen mehr gibt? Ich geriet in einen schweren Konflikt, überlegte sogar, die Seite zu wechseln und Jurist zu werden. So bin ich wieder geflohen – nach Paris. Dort traf ich zum ersten Mal Leute, die mit Schauspielerei zu tun hatten, denn sie besuchten die «École internationale de théâtre Jacques Lecoq».

M&T: Auch Sie schrieben sich ein?

Roland Koch: Ja, aber das war nicht die geeignete Ausbildung für mich. Ich wollte einfach in dieser Stadt sein – und habe dann begonnen, eine Rolle zu spielen: die Rolle eines Schriftstellers, der kurz davor ist, ein Werk zu schreiben. Ich verpasste mir einen existenzialistischen Touch, rauchte Gauloises, besorgte mir auf dem Flohmarkt eine Olivetti. Es war also alles da für den Akt des Schreibens. Aber ich wusste nicht, was ich schreiben sollte. Ich schrieb nur zwei Sätze: «Es regnete nicht. Es goss.»

M&T: Mehr wurde es nicht?

Roland Koch: Es ging nur um den Habitus. Das war vielleicht ein erster Hinweis darauf, was ich wollte: nicht ein Schriftsteller sein, sondern einen zu spielen. Einen Schriftsteller mit Schreibhemmung. Man muss rauchen und trinken vor lauter Unglück, weil einem nichts einfällt. Ich glaube, ich habe das Wort «Schreibsperre» damals ziemlich gut verkörpert. Ich hatte allerdings keine Zuschauer, ich habe nur für mich gespielt – und für meine Kollegen, die auch bei Jacques Lecoq eingeschrieben waren, aber nicht auf die Schule gingen, die auch auf der Suche nach einer Bestimmung waren. Und diese Stadt hatte das «À bout de souffle»-Flair dazu: Man dachte, man könnte das ganze Leben so zubringen. Mit wenig Geld. Aber dann riet mir jemand, es auf der Schauspielschule in Zürich zu probieren.

M&T: Das klappte ja auch.

Roland Koch: Aber mein Vorsprechen war eine mittlere Katastrophe. Denn in den Bewerbungsunterlagen wurden ein klassischer Monolog und eine eigene Szene verlangt. Ich hatte keine Ahnung, was man von mir wollte und ging völlig unvorbereitet hin. Die Professoren fühlten sich provoziert: «Was Sie hier machen, ist der blanke Unsinn!» Einer aber, der Schulleiter, erkannte, dass ich es einfach nicht besser wusste. Er gab mir eine konkrete Aufgabe, den Biff in «Tod eines Handlungsreisenden» von Arthur Miller, und sagte, ich solle in zwei Wochen wiederkommen. Dann starb mein Grossvater. Unmittelbar nach der Beerdigung musste ich zum Vorsprechen fahren. Ich spielte die Szene daher irgendwie bewusstlos, aufgelöst. Ich machte mir über die Wirkung keine einzige Sekunde lang Gedanken. In einer Situation, in der Wut angesagt gewesen wäre, ist dieser Biff, der Sohn des Handlungsreisenden, einfach implodiert. Und der ganze Schmerz war plötzlich da. Das war die Initialzündung. Da begriff ich, was Schauspielerei ausmacht: Es geht nicht um das Illustrative, sondern um die Gegenbewegung. Um das, was den Raum öffnet. Wenn im Text steht, dass sich die Figur ärgert, muss man nicht den Ärger spielen, sondern etwas anderes finden, um eine Spannung aufzubauen. Ich hab‘ das nicht immer geschafft, aber ich verstehe seither das Prinzip.

M&T: Nach der Schauspielschule haben Sie sich langsam hochgearbeitet: über Celle und Konstanz nach Hannover – und 1999 kamen Sie ans Burgtheater. Wegen Regisseur Andreas Kriegenburg?

Roland Koch: Die Begegnung mit ihm in Hannover war für mich entscheidend. Denn er verfolgt ähnliche Ansätze – und er hat einen ähnlichen Humor. Wir haben uns gegenseitig sehr befruchtet. «Kasimir und Karoline», «Ein Volksfeind» und «Fremdes Haus» waren für mich wegweisende Inszenierungen. Ich war damals in der Kategorie «Schauspieler des Jahres» hinter Ignaz Kirchner und Gert Voss nominiert – für mich ein Ritterschlag. Und Klaus Bachler, der ab 1999 das Burgtheater leiten sollte, sah mich beim Berliner Theatertreffen – eben im «Volksfeind». Er fragte mich, ob ich mir vorstellen könne, nach Wien zu kommen. Das konnte ich mir natürlich vorstellen! Denn Wien war ein Sehnsuchtsort. Auch wenn man keine Hoffnung hatte, ihn je zu erreichen. Wenn man in Celle angefangen hat, hat man über Nürnberg nachgedacht, aber nicht über Wien.

M&T: Für Sie war die Übersiedelung nach Österreich auch ein Neubeginn?

Roland Koch: Schon. Ich hatte Familie, war gerade in Trennung. Alles im schmerzhaften Aufruhr. Und hier hat sich das Leben neu aufgebaut.

M&T: Sie wurden heimisch?

Roland Koch: Man wird nie ein Wiener werden. Aber wenn ich von Wien rede, dann rede ich von «Zuhause». Die Stadt ist in vieler Hinsicht ein Genuss. Auch das Theater in Wien ist in erster Linie ein Genussmittel – und nicht eine Bildungsanstalt.

M&T: Bereits nach acht Jahren wurden Sie Ensemblesprecher. Wie kam das?

Roland Koch: Ich weiss es nicht genau. Ich wurde gefragt.

M&T: Und nach Bachler begann der grosse Konflikt mit Matthias Hartmann, der 2009 aus Zürich gekommen war und nicht haushalten konnte.

Roland Koch: Normalerweise muss man sich mit organisatorischen Banalitäten auseinandersetzen. Aber da ging es um etwas. Es gab eine ungute Stimmung im Haus. Und man ahnte, dass sich der Konflikt zuspitzen würde. Diese permanente Konfrontation war für mich auch eine Art von Lebensschule. Die Ensemblevertretung hat sich über Wochen jeden Morgen getroffen, um die Lage zu besprechen. Es ging ja nicht um seinen Kopf, wie Matthias Hartmann behauptete. Wir sagten ihm: «Du hast es in der Hand, die Sache zum Besseren zu wenden.» Aber er hat die Krise nicht genutzt, immer nur an sich gedacht. Und er hatte Panik davor, dass diese Auseinandersetzung ihn den Job kosten könnte. So war sein Scheitern letztlich selbstverschuldet.

M&T: Das war 2014. Und dann hat das Ensemble Karin Bergmann vorgeschlagen, die bereits 1986 mit Claus Peymann ans Burgtheater gekommen war?

Roland Koch: Wir dachten, dass es in der Krise nicht darum gehen kann, einen neuen König zu küren. Es war wichtig, jemand zu haben, der in der Lage ist, Vertrauen zu schaffen. Der nicht selbst inszeniert und sich nicht für die Öffentlichkeit inszeniert. Da lag Karin Bergmann auf der Hand. Und sie hat es gut gemacht.

M&T: Sie beeindruckten zum Beispiel in «Diese Geschichte von Ihnen» – sowie in «John Gabriel Borkman» und «Hotel Strindberg» von Simon Stone. Gleichzeitig spielten Sie von 2015 an auch viel in Basel.

Roland Koch: Weil meine Frau dort engagiert war. Ich war mit Simon Stone in Kontakt gekommen – und machte nach «Hotel Strindberg» auch «Angels in America» und «Drei Schwestern» mit ihm. Aber ich wollte nicht fest nach Basel. Denn ich konnte mir – das ist vielleicht sentimental – nicht vorstellen, Wien aufzugeben. Ich handelte mir damit riesige Probleme ein. Denn ich flog gefühlt jeden dritten Tag nach Basel und wieder zurück. Das war ein unglaublich hektisches Leben! Und mein ökologischer Fussabdruck hat Kratergrösse.

M&T: Denn Martin Kušej, Direktor seit dem Herbst 2019, wollte, dass die Ensemblemitglieder ausschliesslich in Wien spielen.

Roland Koch: Mehr oder weniger. Ich verstehe den Ansatz. Und diese Vereinbarung schien mir auch kein Verzicht zu sein. Eben weil ich am Max-Reinhardt-Seminar Rollengestaltung unterrichte. Zudem ist meine Frau mittlerweile am Residenztheater in München. Ich fliege also nicht mehr, die Zugfahrt ist der reine Genuss.

M&T: Nebenbei traten Sie ab 2012 im «Tatort» auf. Wie wurden Sie Kommissar Matteo Lüthi, der am Bodensee ermittelt?

Roland Koch: Man suchte wohl einen Schweizer, der in Deutschland einen Namen hat, und einen geeigneten Antipoden zu Eva Mattes als Hauptkommissarin. Nach dem ersten Konstanz-«Tatort» dürfte man mit dem Resultat zufrieden gewesen sein. Und so ermittelten Matteo Lüthi und Klara Blum fünf Jahre lang.

M&T: Aber es folgten noch weitere «Tatorte»...

Roland Koch: Ich habe dann beim Luzerner «Tatort» einen Industriellen gespielt, der prompt erschossen wurde. Und ein halbes Jahr später wurde ich gefragt, ob ich in der «Tatort»-Folge «Züri brännt» den Leiter der Kriminalpolizei, Peter Herzog, spielen will. Ich dachte immer, es gibt dieses ungeschriebene Gesetz, dass man nicht beliebig die Seiten wechseln kann innerhalb eines Formats. Ich machte auch die Produzenten darauf aufmerksam. Aber sie störten sich nicht daran, dass ich als Hakenschlagender Hase da wie dort auftauche – als Oper, Täter und Ermittler.

M&T: Die Folge wurde im Oktober 2020 erstmals ausgestrahlt. Wohl kaum jemand hätte angenommen, dass Ihre Karriere als Chef der Kriminalpolizei danach bereits wieder Geschichte sein würde.

Roland Koch: Ja, man fand es richtig schade, dass sich Peter Herzog gleich bei seinem ersten Auftritt erschiesst. Auch für meine Mutter war das ein ganz schrecklicher «Tatort». Sie hoffte, dass es noch eine Wendung hin zu Guten gibt, dass er rehabilitiert wird. Sein Abgang war tatsächlich ein Knalleffekt. Ich fand das eine unglaublich gewagte Setzung: eine Figur derart stark einzuführen, um sie dann auszulöschen.

M&T: Interessanterweise ging es in diesem «Tatort» genau um das, was Sie aktiv miterlebt haben: die Krawalle in Zürich.

Roland Koch: Beim Lesen fiel mir auf, wie alt ich schon bin. Dieser «Tatort» ist ja ein Geschichtstermin! Und die Regisseurin war damals noch gar nicht auf der Welt! Ich hab‘ ihr natürlich Abende lang von damals erzählt. Und wir haben Dialoge abgeändert. Denn so, wie im Drehbuch, hat damals niemand gesprochen.

M&T: Wie geht es mit Ihnen und dem «Tatort» weiter?

Roland Koch: Ich weiss es nicht. Und wenn es nicht weitergeht, ist es auch nicht schlimm: Man hat es ja gehabt.

Ausgabe: 03 - 2021