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Moritz Hasse / Berliner Ensemble

Am Berliner Ensemble kommt niemand in Versuchung, zu nahe platziert zu werden.

 

Bleiben die Besucher im Schneckenhaus oder ist der Hunger nach Kultur grösser?
Wie wird der Sommer?
«Roaring Twenties» oder «postcoronare» Depression? Ist nach der Pandemie vor der Pandemie? Herrscht das Prinzip Hoffnung oder grenzenloser Optimismus? Die Auguren unter den Viro-, Epidemio-, Soziologen und anderen Wissenschaftlern sind sich so uneins wie die Kulturschaffenden selber, wie sich das Kulturleben entwickeln wird.

Reinmar Wagner

Trotz anziehender Impfzahlen ist er noch nicht gesichert, der Festivalsommer 2021. Die Schweizer Kulturbranche war überrascht, als der Bundesrat am 14. April Veranstaltungen für ein Publikum von 50 drinnen und 100 draussen erlaubte. Ein mutiger Schritt angesichts von Fallzahlen über 2000 täglich, hörte man vielerorts. Noch weiss niemand, ob er zu mutig war, oder ob wir vielleicht gar bald wieder Open-Air-Konzerte und Sportanlässe mit Tausenden von Zuschauern erleben werden.

Die Theaterund Konzertveranstalter der Schweiz waren zwar überrascht – aber nicht für lange. Innerhalb zweier Tage erschienen vielerorts Spielpläne für 50 Besucher, darunter an manchem Theater attraktive Reigen von Premieren, die in den Lockout-Phasen zwar geprobt, aber höchstens virtuell hätten gezeigt werden können. Eine Möglich keit, von der grosse Häuser durchaus Gebrauch gemacht hatten: Marthalers Gluck-«Orpheus» und «Hoffmanns Erzählungen» am Opernhaus Zürich, ein neuer «Rosenkavalier» von Barrie Kosky in München, ein «Parsifal» von Kirill Serebrennikov in Wien mit dem Kundry-Debüt von Elina Garanca. Aber besser als nur fürs Internet spielt es sich für Publikum, und auch wenn der Applaus bei 50 Besuchern arg dünn klingt, ist es doch Applaus. Ist also der Sommer gerettet?

Wilde Zwanzigerjahre?

Optimistisch ist der Berliner Philosoph Wilhelm Schmid und hofft auf die Ekstase, die der Askese folgen wird: «Wir haben in der Zwischenzeit eine Ahnung entwickelt, was der Sinn des Lebens sein könnte: es zu feiern!» Und er schlägt für die verbliebenen wenigen Monate der Askese vor, eine Liste anzufertigen, was wir alles feiern wollen. «Zeitlich hätte Corona nicht günstiger platziert werden können. Wie vor 100 Jahren nach der Grippe-Pandemie stehen wilde Zwanzigerjahre bevor.»

Aber was die Goldenen Zwanziger des zwanzigsten Jahrhunderts betrifft, so kommt sogleich Einspruch von den Wirtschaftshistorikern, zum Beispiel von Werner Plumpe aus Frankfurt: «Die ‚Goldenen Zwanziger‘ waren eine Scheinblüte. Diese Zeit ist uns wegen ihres Glamours bis heute symbolisch präsent, aber in Wahrheit hat es diese goldenen Jahre in Deutschland – zumindest ökonomisch – nicht gegeben. Es herrschte im Vergleich zur Kaiserzeit eine relativ hohe Arbeitslosigkeit, im Durchschnitt über zwei Millionen. Nach der Währungsreform 1924 gab es eine Stabilisierungskrise. 1925 lief es noch gut, aber schon 1925/26 geriet die Konjunktur wieder ins Stocken. Die Politik reagierte keynesianisch mit steigenden Ausgaben, dadurch kam es in der Folgezeit zu hochdefizitären Staatshaushalten. 1927 und 1928 waren nochmals gute Jahre, dann aber trübte sich das konjunkturelle Umfeld endgültig ein. Im Herbst 1929 brach die Weltwirtschaftskrise aus. Das klingt alles zusammengenommen nicht übermässig golden.»

Nicht mal die Wirtschafts-Auguren sind sich einig. Zehn Jahre wird es dauern, sagt die Hilfswerke-Vereinigung Oxfam, bis die Menschen den Lebensstandard von vor der Pandemie wieder erreicht hätten. Damit hat sie natürlich eine Perspektive, die auch die ärmsten Länder mit umfasst, die mit den Folgen der Pandemie viel stärker und länger zu kämpfen hätten als die Industrieländer. Für die sehen Ökonomen schon wieder rosig: Das Schweizer Seco prognostiziert ein kräftiges Wirtschaftswachstum von drei Prozent im Jahr ab dem Moment, in dem die Einschränkungen des öffentlichen Lebens aufgehoben worden sind.

Am Ende des Anfangs

Auch der Arzt und Soziologe Nicholas Christakis von der Yale University ist optimistisch, wie er der NZZ sagte, aber nicht für diesen Sommer, sondern erst für 2024. Und auch ihm steht die kulturelle Aufbruchstimmung der «Goldenen Zwanziger» vor Augen: «Ende 2023, Anfang 2024 beginnt die postpandemische Phase. Das Leben kehrt zu einer Art Normalität zurück. Es könnte sogar so aussehen wie die Roaring Twenties, die Goldenen Zwanziger des vergangenen Jahrhunderts nach der Spanischen Grippe. Nach der langen Zeit des Eingeschlossenseins werden Menschen sich in das gesellschaftliche Miteinander stürzen: in Nachtklubs, Bars, Restaurants, Theater, Kinos, Sportstadien. Sie werden wieder Geld ausgeben. Während der Pandemie hat sich die Sparquote rasant erhöht, weil die Leute Angst haben. Es könnte einen Boom sondergleichen geben, der Erfindergeist wird spriessen.»

Und auch diese Perspektive muss der Mediziner Christakis relativieren: «Diese frohe Botschaft setzt voraus, dass nicht neue Varianten des Virus uns abermals ins Unglück stürzen. Mikroben sind älter als die Menschheit. Es gibt Milliarden von ihnen, und es macht ihnen nichts aus, zu sterben. Sie können blitzschnell mutieren und unsere Verteidigungslinien durchbrechen. Gegen sie können wir eigentlich nur unseren Verstand aufbieten. Der muss sich nicht unbedingt in pharmazeutischer Aufrüstung offenbaren. Es genügen die einfachsten Waffen, zum Beispiel zwei Meter Abstand halten Ich bin ein Optimist, der an das Gute im Menschen glaubt. Aber wir sind in diesem Kampf nicht am Anfang vom Ende, sondern am Ende des Anfangs.»

Tatsächlich sind es vor allem ökonomische Sorgen, die auch bei vielen Kulturschaffenden die Euphorie stark bremsen. Die Regisseurin Karin Beier, Intendantin am Schauspielhaus Hamburg, befürchtet zum Beispiel, dass die unweigerlich auf die Pandemie folgende Rezession die verwundbarsten Teile der Bevölkerung treffen wird. Und die Kultur. «Was wir lernen können», schreibt sie: «Demut angesichts der Verletzlichkeit unserer Gesellschaft. Improvisieren, flexibel reagieren, damit wird Kreativität freigesetzt und es schweisst zusammen.» Und zu den von der Kulturwelt noch in der ersten Lockdown-Welle spielerisch-neugierig und kreativ aufgenommenen Möglichkeiten der Sozialen Medien und Internet-Streaming-Formaten sagt Beier: «Digitale Formate können nur überbrücken und ergänzen. Theater lebt im direkten Kontakt. Es ist einer der wenigen öffentlichen Räume, in denen gesellschaftlich relevante Fragen – auch das destruktive wie utopische Potenzial der Pandemie – auf künstlerische Art thematisiert und erlebbar gemacht werden. Live und mit Zuschauern.»

Neubau, nicht Wiederaufbau

Andere sehen in den digitalen Möglichkeiten auch Chancen für die Kultur und die Gesellschaft: Laut Daniela Ingruber von der Donau-Universität Krems werde die Rolle von Medien (auch von Sozialen Medien) in der Coronakrise oft per se als negativ dargestellt, was jedoch falsch sei. Ähnlich wie Kultur könnten auch Medien eine «heilende» Funktion ausüben und ein Gemeinschaftsgefühl und Räume schaffen, wo Menschen zusammenkommen.

Mitte April gründeten 15 deutschsprachige Theater und die Akademie für Theater und Digitalität Dortmund das «Theaternetzwerk.digital», darunter die Staatstheater Augsburg, Braunschweig, Kassel und Saarbrücken, die Münchner Kammerspiele, das Thalia-Theater, das Theater Dortmund, das Wiener Volkstheater und das Theater Chur. Ziel ist der Erfahrungsaustausch und Wissenstransfer: «Das Digitale wird als Erbe dieser Zeit auch in einer post-pandemischen Theaterlandschaft seinen Platz behalten. Von einem Gegensatz zwischen digital und analog zu sprechen, ist damit nicht mehr zeitgemäss. Wir wollen den digitalen Wandel aktiv und mit den Mitteln der Kunst gestalten; wir möchten uns neue Spielund Handlungsräume erschliessen, wollen den physischen Bühnenraum ins Digitale erweitern und neue Formen der Zusammenarbeit testen.»

Und der Regisseur Ersan Mondtag, schon immer experimentellen Theaterformen zugeneigt, plädierte auf der «Nachtkritik»-Plattform für den Neubau des Theaters, nicht für einen Wiederaufbau und für den «freien Blick auf das, was wir vermissen». Um gleich eine Antwort zu geben: «Das Theater, das ich vermisse, hat es nie gegeben.»

Zukunft der Kultur-Krücken

Was wird bleiben vom Leben in den Zeiten des Virus? Homeoffice, Online-Shopping, Zoom-Meetings. Davon sind alle überzeugt, dass man nach der Pandemie vermehrt den Nutzen solcher Möglichkeiten sieht, sowohl bei den Unternehmen wie bei den betroffenen Menschen selber. Aber Online-Konzerte, gestreamte Opern, Theater auf dem Computer-Monitor? Werden diese Kultur-Krücken aus der Pandemie-Zeit auch dann ihre Daseinsberechtigung behalten, wenn man wieder ohne Angst ins Theater, in die Konzertsäle gehen darf?

Sicher, man hat gemerkt, dass man nicht unbedingt eine physische DVD herstellen muss, mit Schachtel und Booklet, dass man auch Einnahmen haben kann, wenn man seine Produktionen nur auf seiner Webseite anbietet. Aber dieses Geschäftsmodell haben Plattformen wie Medici-TV oder Idagio auch schon vor der Pandemie durchaus erfolgreich gepflegt. Der Schweizer Ökonom Thomas Straubhaar glaubt, dass sich Online-Einkaufen stärker etablieren wird, und er erwartet Verhaltensänderungen bei Flugreisen. «Bei Kultur, Sport und Freizeit aber bin ich zuversichtlich, dass die Menschen so schnell wie möglich wieder zum Status quo ante zurückkehren.»

Ähnlich sieht es Paavo Järvi, Chefdirigent des Zürcher Tonhalle-Orchesters. Aber er denkt auch an eine ökologische Verantwortung der Orchester in Bezug auf Reisen und Tourneen: «Dazu gehört auch die Idee, dass die Orchester vermehrt für das Publikum vor Ort spielen. Es geht darum, auch ökologisch verantwortungsbewusst zu handeln, indem man nicht so oft zu weltweiten Veranstaltungsorten fliegt. Das ist verständlich, aber wir werden weiter Anschluss in der Welt suchen, um unsere Musik zu anderen Orten zu bringen. Es wird nicht einfach sein, diese Denkweise zu ändern. Jedes Orchester und jeder Solist möchte reisen. Da müssen wir herausfinden, auf welche Weise das ökologisch verantwortungsvoller möglich ist.» Und eines habe er gelernt aus der Pandemie, sagt Järvi, nämlich das Publikum mehr zu schätzen: «Das Publikum ist so wichtig in einer Konzertsituation. Beethovens ‚Eroica‘ zu spielen – und dann gibt es am Ende keinen Applaus und nichts... Das ist so stimmungslos, das ist einfach nicht so, wie es sein sollte.»

Neue Kulturwelten

Hat der Wiener Politologe Michael Wimmer mit seiner Behauptung recht, dass die grossen bürgerlichen Kulturinstitute, die alle aus dem 19. Jahrhundert stammen – Opernhäuser, Museen, Konzertsäle, Theater – durch Corona an das Ende ihrer Bedeutung gelangt sind und abgelöst werden von viel breiter abgestützten, volatileren, beweglichen und natürlich in digitalen Netzwerken organisierten Kulturformen? Mag sein, dass in der Businesswelt die Budget-Erleichterungen von Zoom-Meetings im Vergleich zu Flugund Hotelspesen in Zukunft tatsächlich dazu führen, dass man weniger in der Welt herumjettet. Aber für uns private Kulturkonsumenten oder einfach simple Touristen?

Wir haben es ja jetzt ganz nett gefunden, einen Sommer lang ein wenig in Graubünden oder im Berner Oberland zu wandern. Aber jetzt wollen wir doch gerne mal wieder nach Paris, London, Barcelona, New York oder dorthin, wo wir noch nie waren. Und wir wollen dort Oper hören, in der Bastille und nicht auf dem Bildschirm aus der Bastille, wir wollen dort die Mona Lisa sehen, umringt von ein paar Dutzend Touristen aus aller Welt, obwohl wir den ganzen Leonardo viel schärfer und in viel besserer Vergrösserung am Bildschirm in Augenschein nehmen könnten. Nein, Herr Wimmer, die grossen Kultur-Leuchttürme werden durch Corona nicht untergehen, sie werden eher noch viel heller strahlen, weil wir jetzt ein Jahr lang gemerkt haben, dass wir sie tatsächlich vermissen, wenn sie nicht ganz einfach über ein verlängertes Wochenende erreichbar sind.

Und die kleinen Kultur-Leuchttürme in ihren städtischen Nischen, in der ländlichen Peripherie? Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass für sie nicht dasselbe gilt. Das Dorftheater in der Mehrzweckhalle hat doch nichts von seiner sozialen Funktion eingebüsst, sobald man wieder gefahrlos hingehen kann. Die Kulturschaffenden, Seismographen der Gesellschaft, werden das Corona-Thema natürlich in vielfältiger Form aufgreifen. Das haben sie schon immer gemacht. Wir haben jetzt – in der Schweiz zumindest – mit ein wenig Geld, mit guten Absichten und vielen auch wirklich brauchbaren Ideen und Modellen versucht, sowohl die Kulturschaffenden wie die Institutionen durch die Pandemie zu bringen. Mag sein, dass das nicht in jedem Einzelfall gelungen ist. Aber um die Kultur als Ganzes brauchen wir uns wirklich keine Sorgen zu machen. Der Untergang des Abendlandes muss noch einmal verschoben werden.

Ausgabe: 05 - 2021