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Bild: Tanzfestival Steps/Caroline Minjolle

Isabella Spirig: «Ich habe festgestellt, dass der Tanz, dem weitläufig ein eher feminines Image nachgesagt wird, hauptsächlich v

 

Das Migros Kulturprozent Tanzfestival Steps bringt die internationale Szene in die Schweiz
Wer bin ich – 
und welche Mission habe ich?
Blauer, wolkenloser Himmel, graue Felsen, im Hintergrund ein Gletscher. Eine Passhöhe im Engadin. Mitten im Bild eine junge Frau, in Turnschuhen und gelben Hosen. Ihr Oberkörper liegt parallel zum steinigen Untergrund in der Luft, das eine Bein steht am Boden, das andere ist in die Höhe gestreckt. Es sieht aus, als würde sie einen riesigen Schritt tun wollen. Das Plakat des Migros-Kulturprozent Tanzfestival Steps lässt zwei Welten verschmelzen. Da ist die archaische Berglandschaft einerseits – und die Tänzerin andererseits, die sich in diese Landschaft einfügt. Dieses Bild ist eine gute Metapher für die Thematik der diesjährigen Ausgabe von Steps, das auf Bühnen in der ganzen Schweiz stattfinden wird: Identität. Was bedeutet Identität? Wie wichtig ist sie in unserer Gesellschaft? Und was hat der Tanz damit zu tun? Ein Gespräch mit der künstlerischen Leiterin Isabella Spirig.

Valerio Meuli

M&T: Frau Spirig, Sie setzen «Identität» als Thema für ein Tanzfestival. Warum?

Isabella Spirig: Dazu kam es durch die Zusammenarbeit mit dem Tanz-Ensemble in Luzern. Ich habe deren künstlerische Leiterin, Kathleen Mc Nurney, gefragt, ob sie Lust hätte, das Festival mit einer Produktion zu eröffnen – und einige Wünsche geäussert.

M&T: Welche Wünsche?

Isabella Spirig: Der Eröffnungsabend sollte nur von Frauen choreografiert werden. Und mindestens eine dieser Frauen sollte eine Schweizerin aus der freien Tanzszene sein. Mc Nurney hat mich dann gefragt, warum es mir so wichtig sei, das Festival mit einer reinen Frauenproduktion zu beginnen.

M&T: Und was haben Sie geantwortet?

Isabella Spirig: Einerseits, weil Frauenförderung im Tanz schon länger eines meiner Hauptanliegen ist. Ich achte darauf, in welchem Verhältnis Frauen und Männer stehen – in der Berufswelt, im Leben allgemein – und mich interessiert besonders, wie es im Tanzbetrieb aussieht. Ich habe festgestellt, dass der Tanz, dem weitläufig ein eher feminines Image nachgesagt wird, hauptsächlich von Männern dominiert wird. Wenn ich ein Festival mit grossen Namen programmieren wollte, dann könnte ich innerhalb fünf Minuten eine Liste zusammenstellen – auf der dann hauptsächlich Männer stehen würden. Doch wo sind die Frauen? Ich möchte ihnen mehr Raum geben, weil ich das Gefühl habe, dass sie untervertreten sind. Aber es gibt noch einen zweiten Punkt.

M&T: Welchen?

Isabella Spirig: Es gibt männliche und weibliche Sichtweisen auf die Dinge. Selbst in der heutigen Welt lebe ich als Frau anders als die meisten Männer. Die Unterschiede sind zwar nicht mehr so stark wie vor hundert Jahren, aber verschwunden sind sie längst nicht. Ich habe mich also mit Mc Nurney über diese Themen unterhalten. Und irgendwann kam dann der Punkt, wo wir gemerkt haben, um was es uns eigentlich geht: um Identität.

M&T: Was bedeutet Identität für Sie?

Isabella Spirig: Eine Frage ist zentral für mich: Wer bin ich? Und daraus folgen andere Fragen: Woher kommt man, wie ist man aufgewachsen? Hatte man Geschwister oder nicht, haben sich die Eltern getrennt oder nicht? An welchem Ort wächst man auf, welche Sprachen werden um einen herum gesprochen? Dann gibt es für mich aber noch einen zweiten wichtigen Aspekt, der identitätsbildend ist, nämlich die Frage, welche Rolle man selbst in der Gesellschaft spielt. Welche Mission habe ich? Habe ich überhaupt eine Mission?

M&T: Und, haben Sie eine?

Isabella Spirig: Ich arbeite an einer Schaltstelle, um Kunst auf die Bühne zu stellen. Ich denke, man sollte Utopien auf die Bühne bringen, neue Ideen, andere Denkmuster. Das bedeutet für mich, dass ich eine Vielfalt anbieten und dem Publikum die Möglichkeit geben möchte, darüber zu reflektieren.

M&T: Sie wollen die Menschen durch Tanz zum Nachdenken bringen?

Isabella Spirig: Ja, damit ist aber auch die Frage verbunden, wie man das erreichen möchte. Gehe ich missionarisch vor, spielerisch, diskret? Ich finde Tanz interessant, weil er Menschen nicht nur über den Intellekt anspricht. Tanz ist eine unmittelbare Kunstform, zielt auf die Gefühlsebene. Viele Menschen in der Schweiz – ich sage absichtlich ‚in der Schweiz‘, in Frankreich zum Beispiel ist es anders – haben beim Tanz oftmals die Angst, eine Aufführung nicht zu verstehen, vor allem bei zeitgenössischem Tanz.

M&T: Weshalb ist die Angst, Tanz nicht zu verstehen, in der Schweiz grösser als in Frankreich?

Isabella Spirig: Weil wir in der Schweiz keine Tanztradition haben. In Frankreich gibt es eine jahrhundertealte Tradition, schon am Königshaus wurde getanzt. Ein anderes Beispiel: In Israel tanzen die Menschen bei jedem Fest, dort ist es natürlich, zu tanzen, sich durch Bewegung auszudrücken. In der Schweiz gibt es schon lange keine Volkstänze mehr – abgesehen von Trachtenvereinen.

M&T: Was empfehlen Sie den Menschen, um diese Tanzphobie zur Seite zu legen?

Isabella Spirig: Mit offenem Herzen Vorstellungen besuchen. Und: Der Intellekt ist nicht der einzige Zugang zur Kunst. Du «verstehst» nicht immer alles sofort, aber du erlebst etwas, du findest etwas anziehend, abstossend, bist genervt oder berührt, es passiert etwas.

M&T: Wir leben in einer Zeit, in der an vielen identitätsstiftenden Strukturen gerüttelt wird: Begriffe wie «Geschlecht» oder «Heimat» werden in Frage gestellt, Religionskritik steht an der Tagesordnung. Was bedeutet Identität im 21. Jahrhundert? Kann die Kunstform Tanz identitätsstiftend sein?

Isabella Spirig: Bei mir persönlich stiftet Tanz Identität, ja. Ich komme aus einer typischen Schweizer Familie. Da ich früh zu tanzen begonnen habe, bin ich aber schon als junger Mensch automatisch mit Menschen anderer Nationalitäten in Kontakt gekommen. Das hat mich wiederum geprägt, ich musste mich immer schon mit anderssprachigen Menschen verständigen, ein bisschen Englisch, ein bisschen Französisch, mit Händen und Füssen – und beim Tanzen vor allem auch durch Bewegung. Wenn ich über Identität nachdenke, ist mir ein Wort sehr wichtig, die Zugehörigkeit. Zu Menschen, die deine Stärken zum Vorschein bringen und deine Schwächen akzeptieren.

M&T: Um nochmals über den grösseren Rahmen zu sprechen: Wie findet der moderne Mensch seine Identität?

Isabella Spirig: Nehmen wir die Religion. Sie sagt dir, was gut und was schlecht ist, sie gibt dir Halt. Wenn die Religion im Leben vieler Menschen nun nur noch eine Nebenrolle spielt oder ganz wegfällt, was gibt dann Halt? Das muss jeder Mensch für sich selbst herausfinden. In meinem Fall ist es, wie gesagt, die Zugehörigkeit – ähnliche Wertvorstellungen – und dann schon auch die Kultur, der Tanz, der für mich quasi eine Religion ist.

M&T: Rückbesinnung auf das engste Umfeld, Beschäftigung mit sich selbst. Wirkt sich die Individualisierung auch darauf aus, was wir unter Identität verstehen?

Isabella Spirig: Natürlich ist auch bei der Identitätssuche ein Individualisierungsprozess zu beobachten. Letzten Endes glaube ich aber, dass nur die folgende Kombination wirklich identitätsstiftend sein kann: Du musst dich mit dir selbst beschäftigen, aber du kannst dich nur im Zusammensein mit anderen Menschen spiegeln.

M&T: Gilt diese Formel auch im Tanz?

Isabella Spirig: Tanz lebt genau das vor. Wenn man sich das Programm des diesjährigen «Steps» anschaut, sind da vor allem Kompanien, die in der Regel komplett durchmischt sind in Nationalität, Religion und Hautfarbe. Sie machen nichts anderes, als sich ständig Identitätsfragen zu stellen: Wer bin ich, welche Rolle habe ich in Bezug zu anderen, wie bewegen wir uns als Masse?

M&T: Was müssen Tänzerinnen und Tänzer können, um von Ihnen eingeladen zu werden?

Isabella Spirig: Beim Festival setzen wir voraus, dass die tänzerische Qualität stimmt, aber das ist Handwerk. Wir haben zwölf Kompanien dieses Jahr, und natürlich gibt es mehr als zwölf, die Qualität haben. Deshalb muss ich schauen, dass die Stücke zum übergeordneten Thema passen. Als Beispiel: Das Australian Dance Theatre kommt mit einem Stück ans Festival, das von der Sprache der Ureinwohner Australiens und deren Haltung gegenüber der Natur handelt. Interessant daran finde ich Folgendes: Wir wissen alle, dass Australien mit seinen Ureinwohnern insgesamt nicht souverän umgeht. Und dann gibt es Künstler, die betonen, dass das jedoch sehr wichtig ist, weil die Ureinwohner Teil der Identität des Landes sind. Ein anderes Kriterium, nach dem ich Produktionen einlade, ist die Vielfalt. Ich möchte möglichst verschiedene Tanzstile und -formate zeigen – und ich will die Schweizer Szene fördern.

M&T: Auch Inklusion ist ein Begriff, der immer wieder auftaucht, wenn man über Ihr Schaffen liest. Was verstehen Sie darunter?

Isabella Spirig: Inklusion bedeutet für mich, dass Menschen mit Behinderung genauso auf Bühnen gehören wie Menschen ohne Behinderung. Und auch hinter die Bühnen und in die Zuschauerräume. Warum? Weil Menschen mit Behinderung über eine grosse Lebenserfahrung verfügen. Sie sind mit anderen Umständen konfrontiert als sogenannt genormte Menschen. Und genau diese verschiedenen Perspektiven sind wichtig und interessieren mich, sie gehören in die Gesellschaft. Und weil sie in die Gesellschaft gehören, gehören sie auf die Bühne.

M&T: Sie haben also einen politischen Anspruch an Ihr Festival, wollen die Gesellschaft verändern.

Isabella Spirig: Ich habe einen gesellschaftspolitischen Anspruch, ja. Das heisst für mich aber auch, nicht missionarisch zu sein, nicht den Zeigefinger zu erheben, sondern Interpretationsspielraum offen zu lassen. Da wir beim Festival ein breites Publikum erreichen wollen, geht es mir darum, subtile Produktionen auf die Bühne zu bringen und nicht möglichst radikale Provokationsstücke. Auch wenn solche in anderen Kontexten durchaus angebracht sind.

M&T: Im Umgang mit der Identität gibt es Sonnen- und Schattenseiten. Sonnig ist es dann, wenn sich gesellschaftliche Minderheiten positiv über den Identitätsbegriff stärken können. Schattig wird es, wenn durch Identitäten wie Weiss-sein, Schweizer-sein eine Kultur des Vorurteils, des Ausschliessens, im schlimmsten Fall des Hasses und der Gewalt entsteht. Beleuchten Sie in Ihrem Festival beide Seiten?

Isabella Spirig: Die Auflösung von identitätsstiftenden Strukturen kann die Menschen verunsichern. Und dies kann dazu führen, dass sich Menschen mit gefährlichen Ideen identifizieren. Natürlich nehme ich solche Tendenzen wahr. Ich habe dennoch nicht das Bedürfnis, diese Themen in ihrer negativen Radikalität zu besprechen. Viel eher möchte ich Beispiele auf die Bühne bringen, die Mut machen und neue Modelle vorleben, wie das Zusammenleben besser funktionieren könnte. Es geht darum, zu zeigen, dass Vielfalt Bereicherung und nicht Bedrohung bedeutet. ■

 

 

Tanzfestival Steps 2020

Tanz Luzerner Theater: «I am who I am»
Choreografien von Caroline Finn, Ella Rothschild, Jasmine Morand
Luzern (23.4., 8., 10.5.), Biel (5.5.), Bern (15.5.), La Chaux-de-Fonds (16.5.)

Xiexin Dance Theatre (China): «From IN»
Choreografie: Xie Xin
Monthey (10.5.), Lugano (13.5.), Winterthur (15., 16.5.)

Anton Lachky Company (Belgien): «LUDUM»
Choreografie: Anton Lachky
Zürich (24.4.), Biel (8.5.), Steckborn (10.5.) Lörrach D (13.5.), Annemasse F (15., 16.5.)

Gregory Maqoma / Via Katlehong (Südafrika): «Via Kanana»
Choreografie: Gregory Maqoma
Zürich (26., 27.4.), Vernier (29.4.), Pully (1.5.), Bern (3.5.), Basel (6.5.), La Tour-de-Trême (8.5.)

Compagnie Tabea Martin (Schweiz): «Nothing Left»
Choreografie: Tabea Martin
Basel (25., 26.4.), Zürich (29.4.), Lugano (1.5.), Bern (5.5.), Chur (6.5.), Poschiavo (9., 10.5.), La Chaux-de-Fonds (13.5.), Lausanne (15., 16.5.)

IT Dansa (Spanien): «Paisatges»
Choreografie: Akram Khan, Ramon Baeza/Montse Sanchez, Lorena Nogal, Sidi Larbi Cherkaoui, Alexander Erkman
Bern (27.4.), Schaffhausen (29.4.), Chiasso (2.5.), Neuchâtel (5.5.), Chur (8.5.), Zug (10.5.), Zürich (13.5.)

Cie Ioannis Mandafounis (Schweiz): «Faded»
Konzept: Ioannis Mandafounis
Luzern (24.4.), Bellinzona (26.4.), St. Gallen (28.4.), Baden (30.4., 1.5.), Solothurn, (13.5.), Delémont (15.5.)

Australian Dance Theatre: «The Beginning of Nature»
Choreografie: Garry Stewart
Biel (26.4.), Fribourg (29.4.), Bern (2.5.), Zürich (5.5.), Lörrach D (8.5.)

AXIS Dance Company (USA): «Radial Impact Tour»
Choreografie: Robert Dekkers, Jennifer Archibald, Marc Brew
Luzern (27.4.), Bern (29.4.), Zürich (1.5.), Schaffhausen (7.5.)

Portraits in Otherness (China/GB/Indonesien):
Choreografie und Tanz: Maya Jilan Dong, Dickson Mbi, Rianto
Pully (25.4.), Zug (29.4.), Bern (1.5.), Moutier (3.5.), Steckborn (5.5.)

New Zealand Dance Company: «Time»
Choreografie: Ross McCormack, Kim Jae-Duk, Victoria Columbus
Basel (24.4.), Mézières (26.4.), Zürich (7., 8.5.)

CCN Créteil et Val-de-Marne / Cie. Käfig – Mourad Merzouki (Frankreich): «Cartes Blanches»
Choreografie: Mourad Merzouki
Zürich (3., 4.5.), Porrentruy (6.5.), Basel (9.5.), Biel (11.5.), Neuchâtel (14.5.), Vevey (16.5.)

Ausgabe: 03 - 2020