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musik

Bild: Piergab / Warner Classics

«Je solider mein Fundament, desto sicherer wurde meine Höhe.»

 

Spitzentöne und die Freude am Pikanten – die französische Sopranistin Sabine Devieilhe
Wenn Koloraturen lachen können
Eine Stimme von ungeahnter Vielseitigkeit: Mit Rameau ist sie gestartet, bei Mozart hat sie lange verweilt und bleibt ihm natürlich immer noch treu. Jetzt aber gilt das Interesse der französischen Koloratursopranistin Sabine Devieilhe auch der französischen Romantik: Auf ihrer neusten CD widmet sie sich Liedern von Fauré, Debussy, Ravel und Poulenc.
«Händel ist Medizin für meine Stimme.»

Reinmar Wagner

«Gesungen habe ich immer, schon als Baby»

Es war einer der besten Gags, der je auf einer Klassik-CD veröffentlicht wurde, ein besonders gelungener Coup, den Sabine Devieilhe 2015 auf ihrer Mozart-CD präsentierte. Natürlich, sie singt grandios, sie hatte zudem ein wunderbar komponiertes Programm zusammengestellt, das viele unbekannte Seiten von Mozart zeigt. Gewidmet ist es den drei Weber-Schwestern, die Mozart 1777 in Mannheim kennenlernte, drei offenbar nicht nur bezaubernde, sondern musikalisch-sängerisch auch überaus versierte junge Damen. In diesem Haus trat die Liebe in sein Leben. Die drei Weber-Schwestern waren es, die Mozarts Genie befeuerten, und diese CD erzählt von den Liebesverwirrungen und dem musikalischen Glück, das Mozart mit Constanze (seiner späteren Gattin) und ihren Schwestern Aloysia (seiner ersten grossen Liebe) und Josepha (der Königin der Nacht aus der ersten «Zauberflöte») erlebte. Versammelt sind da zum Beispiel das «Solfeggio» Nr. 2 KV 393 oder die Arie «Popoli di Tessaglia», die Mozart für Aloysia schrieb und die noch einen Ton höher steigt als die berühmte Rache-Arie aus der «Zauberflöte».

Und da ist auch das «Et incarnatus est» aus der grossen c-Moll-Messe, das Mozart seiner Constanze zugedacht hatte: Dieser empfindsam gestaltete Credo-Satz über den Mensch gewordenen Erlöser ist ein Leuchtturm in Mozarts Kirchenmusik. Es bleibt nichts zu sagen danach. Eigentlich – aber nach 20 Sekunden, erklingt erneut die Stimme von Sabine Devieilhe. Sie singt – «Leck mich am Arsch», es ist der Kanon KV 231, in den sogar das Orchester Pygmalion von Raphaël Pichon einstimmt und nach übermütigen Improvisationen der Sängerin auch noch das Finale der «Jupiter-Sinfonie» beisteuert. Es ist ein sogenannter «Hidden Track», eine Seltenheit in der Klassik, ein Titel, der im Booklet und in der Track-Liste nicht angezeigt wird. Was aber die französische Sopranistin damit exemplarisch zeigt: Sie hat begriffen, wie Mozart tickte, illustriert mit schlagender Direktheit die Bandbreite dieses Genies zwischen der unbändigen Lust am Vulgären und der edelsten Empfindsamkeit im musikalischen Ausdruck höchster und letzter Dinge.

Das passt zu dieser Sängerin. Sie verfügt nicht nur über eine wunderbar vielseitige Stimme, sie mag auch die Vielseitigkeit des Repertoires. Sie liebt das Spiel mit Kontrasten und mit unterlaufenen Hörerwartungen. Und sie weiss sehr genau, was sie tut: «Ich habe in meiner Karriere zehnmal mehr nein als ja gesagt.» Unter anderem auch dem grossen CD-Label Erato, das für ihre Debüt-CD französisches Opernrepertoire vorschlugen. Sie aber bestand auf Rameau, den sie als Cellistin schon kannte und für den sie auch die Erfahrungen der Aufführungspraxis mitbrachte. Zusammen mit dem Flötisten Alexis Kossenko und dessen Barockensemble Les Ambassadeurs feierte sie «Le Grand Theatre de l’Amour» – und weckte damit weit mehr Interesse, als sie es mit einem Dutzend-Rezital hätte tun können.

Bald schon sang sie mit den Arts Florissants unter Emmanuelle Haïm oder den Musiciens du Louvre unter Marc Minkowski, Jean-Claude Malgoire lud sie ein für Bellinis «Sonnambula» und Rameaus «Platée» – wo sie natürlich «La Folie» sang. Das barocke Repertoire hat sie stets gepflegt, sehr gerne auch immer wieder Händel, der für sie «Medizin für ihre Stimme» ist. Aber auch Delibes indische Prinzessin Lakmé und Mozarts Königin der Nacht, die zu Paradepartien wurden, die «sternflammende Königin» zuletzt auch in der umstrittenen Inszenierung von Romeo Castellucci in Brüsel (auf Arte noch bis 12.10. zu sehen). Andere akrobatische Müsterchen für diese bewegliche Stimme waren etwa die Marie in Donizettis «La Fille du Régiment» (auch am Opernhaus Zürich) oder die Zerbinetta in Strauss’ «Ariadne auf Naxos».

Danach, nach Rameau und Mozart, liess sie sich mit der CD «Mirages» dann doch ein auf die Welt der französischen Oper. Lakmé natürlich, die Ophélie aus Ambroise Thomas «Hamlet»-Oper, Thaïs und Mélisande. Zusammen mit Les Siècles – dem Originalklang-Orchester unter François-Xavier Roth –, Alexandre Tharaud und Marianne Crebassa entfesselte sie ein sängerisch wie orchestral faszinierendes, facettenreiches Panorama französischer Opern- und Liedwelten um die Jahrhundertwende.

Vie de Bohème

Ifs heisst das Städtchen im Calvados, in der Normandie, wo ein flämischer Name wie Devieilhe (ausgesprochen wie «Dewielle») eher selten ist. 1985 wurde Sabine hier geboren. Im nahen Caen ging sie dann aufs musische Gymnasium. «Da spielte ich Cello im Orchester und im Streichquartett und sang im Chor, aber ich wusste noch nicht, in welche Richtung das gehen könnte.» Erst in Rennes, wo sie Musikwissenschaft und Cello studierte, nahm sie auch ernsthaft Gesangsunterricht, bei einer «veritablen Diva», die ihr nicht nur die Grundlagen beibrachte, sondern nach drei Jahren auch einen Schlussstrich zog: «Du musst nach Paris, ans Conservatoire.» Also zog sie in die Hauptstadt, wohnte in einer klitzekleinen Wohnung im fünften Stock, wo für das Cello-Spielen kaum Platz war. Umso mehr genoss sie das Leben der Bohème, und je mehr sie sang, desto stärker rückte das Singen auch in den Mittelpunkt ihres musikalischen Interesses.

Gesungen hatte sie immer schon, wie sie sagt. Schon als Baby und als Kind und damit die Eltern genervt, die das ewige Gesumme kaum aushielten. Noch während sie studierte, hatte sie schon einen Vertrag als Lakmé in der Tasche, naheliegend, denn mit Spitzentönen hatte sie nie die geringste Mühe, und die berühmte «Glöckchenarie» ist für Koloratursoprane das französische Pendant zur «Königin der Nacht». Sie ist tatsächlich eine veritable Koloratur-Gurgel: Höchste Höhen, irrwitzige Beweglichkeit und eine unverschämte Freude an diesen akrobatischen Kunststückchen, die so weit geht, dass eine unschuldige Virtuosen-Linie urplötzlich in ein unverschämt hämisches Lachen ausarten lassen kann.

Die Spitzentöne waren immer da, sagt Sabine Devieilhe. «Ich dachte aber immer, wenn ich erwachsen bin, werde ich an Gewicht zulegen und meine Höhe wird verschwinden. Das Gegenteil aber war der Fall: Je älter ich wurde, je mehr ich zulegte an Gewicht und Mittellage und Tiefe, kletterte meine Stimme noch höher hinaus. Je solider mein Fundament, desto sicherer wurde meine Höhe. Und damit spiele ich überaus gerne, es macht mir grossen Spass, meine Grenzen auszutesten, vor allem in den Da Capos, da ist dieses Spiel ja schon quasi mit einkomponiert.» Und diese Koloratur-Spitzen sind nicht wie bei gewissen Kolleginnen eindimensional monochrome, mit grösster Anstrengung erreichte Limiten-Töne, sondern die Devieilhe kann sie mühelos auch noch variieren, das Vibrato anpassen, die Dynamik nach Belieben gestalten. Paradigmatisch dafür steht die Königin der Nacht auf ihrer Mozart-CD: Attacke, Attacke, Attacke, da ist es wirklich die Rache der Hölle, die hier zum Kochen gebracht wird, dabei bleibt sie blitzsauber in jedem einzelnen Ton, vorbildlich unterstützt von Raphaël Pichon und seinem formidablen Originalklang-Ensemble Pygmalion.

Das gutturale R

Aber Sabine Devieilhe kann mehr als Akrobatik und Attacke. Sie beherrscht genauso sämtliche Nuancierungen der stimmlichen Schattierungen. Wenn sie französische Lieder singt, wird ihr Timbre zart und fein, der Fokus liegt stark auf dem Wort, und Textverständlichkeit ist eine wichtige Tugend für die französische Sängerin. Interessant dabei, und auch das ein Mittel zur besseren Verständlichkeit, wie sie betont, dass sie sich in älterer französischer Musik – vor Ravel – kein rollendes «r» erlaubt, sondern die französische gutturale Version dieses Konsonanten pflegt.

Dieser sehr bewusste Umgang mit den Mitteln des sprachlichen Ausdrucks zeigt sich auch, wenn sie deutsch singt. Zu hören zum Beispiel in einem Rezital mit Liedern von Richard Strauss im publikumsfreien Corona-Programm des Festivals in Aix-en-Provence, zu finden auf Arte (bis Januar 2021): Da zeigt Sabine Devieilhe nicht nur, dass sie wie wenige ihrer Landsleute mit den Vokalfarben und Konsonantenhäufungen des Deutschen problemlos zurechtkommt, sondern auch das stimmliche Gewicht und die dramatische Kraft für die weitgespannten Melodielinien etwa von «An die Nacht» mühelos zu gestalten versteht. Natürlich spielt sie daneben auch ihre Beweglichkeit wunderschön aus, etwa in «Ich wollt’ ein Sträusslein binden».

Solche Qualitäten kommen auch ihrer neusten CD zugute, die wiederum dem französischen Repertoire gewidmet ist, diesmal aber zusammen mit dem
Pianisten Alexandre Tharaud den Liedern von Fauré, Ravel, Debussy und Poulenc. Eine unendliche Palette an Farben böten diese Lieder, sagt Sabine Devieilhe: «Die Welt der französischen ‘mélodie’ ist so reichhaltig, dass Ale­xandre und ich lange und aufwühlende Sitzungen verbrachten, über seine vielen Schätze nachdenkend. Debussy und Ravel waren für mich absolut unverzichtbar. Als Nächstes auf der Liste standen Lieder von Fauré, ihrem geistigen Vater, und Poulenc mit seiner Vorliebe für das Pikante und Schrullige.»

Das Pikante kommt ihr bekanntlich sehr entgegen, und sie verschenkt hier nichts davon. Noch mehr aber weckt sie Bewunderung, wie sie etwa in Debussys «Ariettes oubliées» mit Farben à discrétion, mit viel Sinn für die Nuancen von Vibrato und Akzenten die feinsten Verästelungen dieser Miniaturen auslotet und darüber hinaus ein überaus waches Gespür auch für die Möglichkeiten von Sprache und Deklamation beweist. Eine perfekte Mélisande würde man sagen, und die Rolle kann sie sich auch auf der Opernbühne vorstellen, allerdings mit einem Blick auf die Grösse des Orchestergrabens: «Wenn da acht Kontrabässe sitzen, dann muss ich passen, aber ein Haus wie die Opéra comique, in dem die Oper uraufgeführt wurde, das würde meiner Stimme passen.» In Marseille hat sie inzwischen Debussys grandiose Frauenpartie auf der Bühne gesungen – sicher nicht zum letzten Mal. ■

Sabine Devieilhe live

  • Genf, Victoria Hall: Liederabend mit Alexandre Tharaud. Lieder von Debussy, Poulenc, Fauré, Ravel. 20. September 2020, 20.00 Uhr • München Staatsoper: Königin der 
Nacht in Mozarts «Zauberflöte». 
Ab 2. September   Die neue CD «Chanson d’amour». Ravel: 5 M&eacut ... Weiter
Ausgabe: 09 - 2020