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musik

Vesselina Kasarova über Zwänge des heutigen Opernbetriebs und ihre ungebrochene Freude am Singen
«Was will ich mehr?»
Vesselina Kasarova kann auf eine glanzvolle Karriere zurückblicken, mit allen Grossen des Opern- und Konzertbetriebs hat die Mezzosopranistin zusammengearbeitet, lang ist die Liste ihrer Einspielungen. Beeindruckend umfangreich und vielseitig auch das Repertoire, welches sie auf den grossen Bühnen der Welt verkörperte. Zürich war dabei stets ein besonderer Brennpunkt. Im Januar steht sie mit Wagners «Wesendonk-Liedern» auf dem Podium mehrerer grosser Schweizer Konzertsäle.

Andrea Meuli

«Heute sind es die Intendanten, die alles diktieren»

«Ich habe versucht, authentisch und flexibel zu sein»

 

M&T: Vesselina Kasarova, Sie stehen schon sehr lange auf der Bühne oder auf dem Podium. Gibt es Momente, in denen das Singen keinen Spass mehr macht?

Vesselina Kasarova: Na ja, es gab immer wieder solche Momente. Schwierige Situationen hat jeder zu bewältigen. Aber ich bin ein positiver Mensch, der immer wieder aufgestanden ist und weiter gemacht hat. Ich habe versucht, authentisch und flexibel zu sein. Deshalb habe ich immer wieder einen Weg gefunden, es gab keinen Moment, an dem ich ans Aufhören dachte.

M&T: Das heisst, das Feuer brennt noch immer, Sie haben noch immer Freude am Singen?

Vesselina Kasarova: Auf jeden Fall! Wäre das nicht so, glaube ich nicht, dass ich so viele Jahre bis heute geschafft hätte.

M&T: Vielen jungen Sängerinnen oder Sängern von heute mag eine Karriere wie Ihre vorbildlich erscheinen. Was ist für junge Sänger heute anders als in jenen Jahren, da Sie begonnen haben?

Vesselina Kasarova: Schon in meiner Generation – neben Vorbildern wie Mirella Freni oder Edita Gruberova – hatten wir am Anfang so etwas wie Angst vor dem Ungewissen. Alle dachten wir: Was macht man mit uns? Aber wir konnten mit Regisseuren und Dirigenten, vor allem auch mit Intendanten arbeiten, die sich überlegten: Was kann diese oder jene Sängerin nach fünf oder zehn Jahren singen? Heute leben wir in einer sehr viel schnelleren Zeit, nicht nur im Opernbetrieb. Das gilt für die ganze Geschäftswelt, für euch Journalisten ja auch! Man ist gezwungen, schneller zu sein, schneller zu reagieren. Das erzeugt einen gewissen Druck. Überlegt man sich da noch, ob ein Sänger eine Partie singen kann, nicht nur stimmlich? Kann er sie richtig verkörpern? Da bin ich mir nicht sicher. Ich habe da grosses Glück gehabt.

 

M&T: Was war anders?

Vesselina Kasarova: Wir brauchten nur auf unsere erfahrenen Kolleginnen und Kollegen schauen. Wenn man ein wenig intelligent war, wurde einem klar, dass diese Sänger auf eine vierzigjährige Karriere zurückblicken konnten. Immerhin, dreissig Jahre sind es bei mir nun auch schon.

M&T: Für die Jungen von heute sind nun Sie die erfahrene Kollegin…

Vesselina Kasarova: Immer wieder rufen mich junge Sänger an und fragen mich um Rat. Da merke ich, wie sehr sie das brauchen – ob sie müde und ausgelaugt sind oder eine Partie singen müssen, vor der sie sich fürchten und Angst haben, überfordert zu werden. Aber sie müssen. Früher hat man sich über eine Entwicklung von Sängern viel mehr Gedanken gemacht.

M&T: Ist das so? Hat man von allem Anfang an einen Aufbau im Auge gehabt?

Vesselina Kasarova: Ich denke schon. 1988 war ich als Studentin bei Karajan in Wien, er schickte mich zu Ioan Holender. Und der hat mir sofort gesagt: «Vesselina, du musst zurück zu Mozart und Rossini und nicht Verdi singen!» Mir wurden damals bereits Verträge für Verdi angeboten, so für einen «Don Carlo» 1989 mit Mirella Freni in Bordeaux.

M&T: Ein riskantes Unterfangen für eine blutjunge, unerfahrene Sängerin…

Vesselina Kasarova: Ja, tatsächlich. Viele identifizieren mich mit Mozart und Rossini, doch mein Weg schien damals in eine andere Richtung zu laufen. Ich bin dankbar darüber, wie es gekommen ist – so kann ich noch heute ein Piano singen! (lacht) Andernfalls wäre ich schon eine Professorin an einem Konservatorium…

M&T: Haben Sie Schülerinnen oder Schüler?

Vesselina Kasarova: Selten, dafür bin ich noch zu aktiv und zu viel unterwegs.

M&T: Wir leben in einer medial extrem schnelllebigen Zeit. Ihre Website verzeichnet als letzte Neuigkeit die Premiere von «Don Carlo» im März 2012 am Opernhaus Zürich…

Vesselina Kasarova: … ich habe gar nichts mehr gemacht, ich wollte nicht.

M&T: Haben Sie sich von dieser Art medialer Präsenz abgewandt? Ist sie Ihnen unwichtig?

Vesselina Kasarova: (Überlegt) Ich weiss es nicht. Sehr wichtig ist es mir wirklich nicht. Ich war enttäuscht von gewissen Dingen. Und ich bin wie eine Schnecke, die sich zurückzieht. Ich bin sehr zurückhaltend, da ich oft gesehen habe, was und wie über uns Sänger geredet wird. A propos, es gibt viele Sänger, die keine Website haben.

M&T: Vielleicht braucht man diese Präsenz auch nicht.

Vesselina Kasarova: Absolut. Was die Jugendlichen heute mit all den sozialen Medien wie Facebook machen, ist nicht für mich. Ich bin zwar kein altmodischer Mensch, aber ich will nicht alles von mir zeigen.

M&T: Das ist ja auch legitim, erst recht, wenn es den privaten Bereich betrifft.

Vesselina Kasarova: Das sehe ich auch so. Dem einen gefällt meine Kunst, dem andern nicht. Das ist völlig in Ordnung, aber ich mag nicht darüber diskutieren. Das hat auch meine Website beeinflusst. Natürlich könnte ich auflisten, wo und in welchen Partien ich gerade auftrete. Das ist kein Problem, aber mehr mag ich nicht an die Öffentlichkeit bringen.

M&T: Ist daraus eine Verletztheit herauszulesen?

Vesselina Kasarova: Manche denken, dass ich das aus Protest nicht mitmachen würde, dass ich allenfalls Probleme mit Regisseuren hätte. Aber das ist nicht so. Ich habe noch nie Probleme mit Regisseuren gehabt. Das wissen jene, die mich kennen. Ich bin auf der Bühne eher wie ein Chamäleon! (Lacht)

M&T: Tatsächlich waren Sie immer eine intensive Darstellerin auf der Bühne und haben auch umstrittene Regiekonzepte mitgetragen. Sind die Regisseure gegenüber den Dirigenten mächtiger geworden in den letzten zwanzig Jahren?

Vesselina Kasarova: Nein, heute sind es die Intendanten, die alles diktieren. Es gab eine Zeit, da waren die Sänger am einflussreichsten, dann die Dirigenten und gewissermassen auf dem dritten Rang die Regisseure. Heute sind die Intendanten diejenigen, die alle Fäden in der Hand halten. Das ist meine Meinung.

M&T: Die Zürcher Oper war lange eines Ihrer Stammhäuser.

Vesselina Kasarova: Ja, stellen Sie sich vor, nur in meinen beiden ersten Jahren im Ensemble der Zürcher Oper, 1989 bis 91, habe ich hier 140 Vorstellungen gesungen, das sind 70 Vorstellungen pro Jahr! Das erscheint mir heute beinahe unvorstellbar. Danach war ich zwar freischaffend, aber dennoch mit sehr vielen Engagements und wunderbaren Herausforderungen am Opernhaus. Pereira hat mir so viel ermöglicht, ich konnte vieles ausprobieren. Ich schätze Zürich sehr, habe hier begonnen, am Theater haben mich damals alle so warmherzig aufgenommen und an mich geglaubt.

M&T: Unter der neuen Direktion ist der Kontakt abgebrochen. Warum?

Vesselina Kasarova: Ich weiss es nicht. Viele Künstler, die unter Pereira in Zürich gesungen haben, kommen nicht mehr, nicht nur Vesselina Kasarova. Leute aus dem Publikum fragen mich immer wieder, weshalb ich nicht hier singe. Sie denken, dass ich nicht will. Das ist nicht so, aber ich bin überhaupt nicht beleidigt und niemandem böse.

M&T: Das heisst, wenn man Sie anfragen würde, gäbe es keine Absage von vornherein?

Vesselina Kasarova: Nein, wenn mir eine Partie angeboten würde, die mir heute entspricht, würde ich mir das sehr wohl überlegen.

M&T: Wo muss man denn heute hinreisen, um Sie live zu erleben.

Vesselina Kasarova: Ich habe diesen Herbst eine Tournee mit der Wiener Staatsoper abgesagt, weil mein Vater gestorben ist. In Tokio hätte ich den Komponisten in «Ariadne auf Naxos» singen sollen. Noch in diesem Jahr singe ich «Christmas in Vienna», für ein Konzert an Silvester reise ich nach China – und im Januar kommt dann ja die Tournee mit Wagners «Wesendonk-Liedern» in mehreren Schweizer Städten und in Bologna. So geht es immer weiter.

M&T: Und was macht die Oper?

Vesselina Kasarova: In diesem Jahr steht sie im Hintergrund. Ich geniesse das Privileg, Konzerte zu singen. Ich habe so viel Glück gehabt in meinem Leben. Ich habe mehr erreicht als ich dachte oder gar erwarten durfte. Und meine Stimme ist noch immer intakt. Was will ich mehr? Es sind über fünfzig verschiedene Rollen, die ich gesungen habe. Und vielleicht kommt ja noch die eine oder andere hinzu. Zwei, drei Wünsche begleiten mich noch.

M&T: Was braucht es denn, was ist die Voraussetzung, um eine Stimme so lange fit und agil zu behalten?

Vesselina Kasarova: Technik! Und dazu eine klug aufgebaute Karriere. Das sind die Voraussetzungen. Ich bin die Generation von Susan Graham, Angelika Kirchschlager und Cecilia Bartoli. Und wir sind noch alle dabei. Für eine grosse Karriere braucht man eine solide technische Grundlage sowie eine unverwechselbare Stimmfarbe, die man immer erkennt, dazu Charisma, Persönlichkeit und eine enorm starke Psyche, Flexibilität und Musikalität. Ich habe neben dem Singen eine professionelle Ausbildung als Pianistin. Ich glaube, das spielt eine wichtige Rolle. Es gibt heute viele junge Stimmen, aber die Frage ist, was sie singen und was sie später singen können. Doch die Versuchungen sind so gross heute.

M&T: Was ist denn bei Ihnen anders gelaufen?

Vesselina Kasarova: Ich hatte eine andere Karriere, ich bin ein anderer Typ. Es gibt heute zweifellos viele gute Sänger, doch die Frage ist: Wie lange kann ihre Karriere dauern? Viele Karrieren neigen sich heute bereits nach zehn oder fünfzehn Jahren dem Ende zu. Die Stimmen werden vielfach so überlastet, dass Operationen beinahe schon normal erscheinen. Das wird schon fast wie ein Lifting angesehen, das ist doch pervers. Ich erinnere mich nicht, dass das in den Zeiten meiner Anfänge auch so war. Ich selber habe es nie zugelassen, dass ich so lange krank gesungen habe, bis ich nicht mehr wusste, was mit mir geschieht. Natürlich gab es auch Sänger, die Blutungen und Blutergüsse bekamen, aber das waren seltene Fälle. Und wenn schon, waren sie bereits über fünfzig. Vor allem Frauen in ihren Wechseljahren konnten darunter leiden, da waren es eher hormonelle Probleme. Heute jedoch hört man von Sängern, die gerade mal dreissig sind und von solchen Problemen geplagt werden. Insofern bin ich sehr zufrieden, wie bei mir alles gelaufen ist. Ich konnte mit allen grossen Dirigenten arbeiten, einzig mit Solti hat es sich nicht ergeben. Heute geniesse ich einfach das Singen und bin auch ausgeglichener geworden. Ich muss niemandem etwas beweisen; ich gehe dorthin, wo man sich freut, wenn ich singe und wo ich mich auch gut fühle. Was will ich mehr?

M&T: Zum Beispiel die Erfüllung jener unerfüllten Wünsche, die Sie vorhin erwähnt haben…

Vesselina Kasarova: … das sind zwei oder drei Rollen, die ich mir heute wünsche, allerdings nur bei künstlerisch wirklich guten Angeboten, in keiner schnellen Produktion. Das eine wäre die Amneris in Verdis «Aida», eine Santuzza in «Cavalleria Rusticana» oder die Azucena im «Trovatore». Heute sind das Partien, die ich meiner Stimme zumuten kann.

M&T: Die haben Sie alle drei noch nie gesungen?

Vesselina Kasarova: Nein, aber über eine Azucena sprechen wir gerade mit einem Intendanten. Vielleicht wird es ja etwas und der eine oder andere dieser Wünsche erfüllt sich. Wir werden sehen. Auf jeden Fall denke ich, dass das richtige Partien für mich sind, aber vielleicht wollen manche Intendanten heute dafür eher junge Sängerinnen engagieren. Ich sehe ja, was die Generation nach mir alles singt, da dürfte manche Stimme ein kurzes Leben haben. Ich denke, der Betrieb zwingt die Leute dazu. Manager haben früher behutsam Karrieren aufgebaut und auf die Entwicklungsmöglichkeiten junger Sängerinnen und Sänger geachtet.

M&T: Im Januar singen Sie auf einer Tournee mit dem Orchester des Teatro Fenice aus Venedig Wagners «Wesendonk-Lieder». Haben Sie eine besondere Beziehung zu diesem Werk?

Vesselina Kasarova: Ich habe diese Lieder schon oft und überall gesungen. Es ist eine sehr anspruchsvolle Musik, die mich nicht nur als Sängerin herausfordert, viel allgemeiner sehe mich da als Musikerin. Man ist allein mit dem Orchester und dem Dirigenten – das ist spannend. Und eben ein Privileg!■

Migros-Kulturprozent-Classics

Orchestra Filarmonica della Fenice John Neschling (Leitung) Vesselina Kasarova (Mezzosopran) • Genf, Victoria Hall, 15. Januar 2017, 18:00 Uhr • Luzern, KKL, 16. Januar 2017, 19:30 Uhr • Zürich, Tonhalle, 17. Januar 2017, 19:30 Wer ... Weiter
Ausgabe: 01 - 2017