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musik

Harald Hoffmann

 

Der Geiger und Orchesterleiter Daniel Hope über das Kulturleben nach Corona und Filmprojekte mit dem Zürcher Kammerorchester
«Was für ein Alltag!»
Seit der Saison 2016/17 leitet der Geiger Daniel Hope als Music Director das Zürcher Kammerorchester (ZKO). Welche positiven Aspekte er der Zeit ohne Liveauftritte abgewinnen konnte, welche neuen Wege die Erfahrungen aus der Pandemie öffnen könnten und wie Filmmusik für «sein» Orchester zu einem Hotspot der kommenden Saison werden soll – im Gespräch.

Andrea Meuli

M&T: Daniel Hope, wird das Kulturleben noch einmal so sein, wie es bis vor zwei Jahren war?

Daniel Hope: Das ist eine berechtigte Frage und nicht leicht zu beantworten. Meine Vermutung ist, dass es nicht das Gleiche sein wird. Natürlich hoffe ich, dass wir dorthin kommen, wo wir einmal waren. Vieles hängt von der Erholungsphase ab, wie Künstlerinnen und Künstler sich fühlen werden, wie sie reagieren können – aber auch wie sie unterstützt werden. Ich glaube, wir haben alle gemerkt, dass es viele Missverständnisse zwischen Kulturpolitik und selbständigen Künstlern gab. Die Frage bleibt offen, ob diese Wunden heilen können – ich hoffe es. Von meiner Lebenseinstellung her bin ich eher Optimist, daher hoffe ich sehr, dass wir alle zusammenfinden, um dies zu erreichen. Dass es nicht zu einem Kampf kommt. Meine Sorge ist, dass durch die ganze Zerstörung der Strukturen in dieser Pandemie Kunst und Kultur noch mehr abgespaltet werden. Und das wäre tragisch.

M&T: Könnte es sein, dass wir in dieser Zeit nicht nur vieles verloren oder zumindest aus den Augen verloren haben, sondern dass es durch den Zwang, sich zu überdenken, auch zu neuen Ideen kommt, die neue Wege eröffnen?

Daniel Hope: Es gab ein paar positive Dinge in dieser Krise. Aber natürlich bin ich mir bewusst, dass ich aus einer sehr privilegierten Position spreche: Ich bekam die Chance, sehr viel Neues zu kreieren und zu bewegen. Ich habe jedoch viele Freunde, welche diese Möglichkeiten nicht hatten. Ich kann daher nur für mich sprechen, wenn ich positive Signale erwähne. Davon gab es ein paar. Interessant aus der Sicht eines rei senden Solisten war die Kurzfristigkeit. Diese hatten wir zuvor in der Planung der Veranstaltungsbranche in der klassischen Musik komplett verloren.

M&T: Das haben Sie als Gewinn erlebt?

Daniel Hope: Das habe ich als grossen Gewinn erlebt! Ich konnte jemanden anrufen und fragen: Kommst du morgen in meine Sendung, und wir spielen zusammen? Oder ein Veranstalter ruft mich an und offeriert mir, nächste Woche zu spielen – nicht in drei Jahren...! Das bedeutet eine Umstellung im Kalender, aber auch im Kopf – was ich eigentlich durchaus positiv sehe. Auf der andern Seite verstehe ich natürlich auch, dass wir als Musiker wie als Veranstalter eine Planungssicherheit brauchen. Aber diese neue Flexibilität ist nicht nur schlecht. Wenn man sich vielleicht einen Teil davon bewahren könnte, ohne dass die Basis darunter leiden muss, wäre ich dafür.

M&T: Um wieder etwas mehr spontane Lust in den Betrieb zu bringen?

Daniel Hope: Ich weiss nicht, ob man von Lust sprechen kann, aber auf jeden Fall weniger Routine. Spontaneität ist ein ganz wichtiger Teil unserer Musik und von allem, was wir kreieren. Es ist nicht immer einfach zu sagen: In drei Jahren an diesem Tag spiele ich dieses Stück. Klar, es ist ein Luxusproblem – man muss die Konzerte zuerst einmal bekommen. Aber dennoch auch sagen zu können: Was machen wir morgen? Was machen wir in zwei Wochen? – das wäre ein Gewinn. Die Herausforderung wird sein, Veranstalter für solche Ideen zu finden. Denn deren vordringlicher Gedanke ist es jetzt, wieder auf die Beine zu kommen. Doch wie gehen wir das in Zukunft an – machen wir zwei statt drei Konzerte? Gibt es künftig ein neues Konzertformat ohne Pausen? Das sind Fragen, die sich jeder stellen muss.

M&T: In dieser Coronazeit wurden alle gezwungen, neue Wege zu suchen, nicht zuletzt auch medial. Ist diese erstmals so vielfältig erschlossene mediale Vielfalt ein Gewinn – oder bedeutet sie eher eine Banalisierung kultureller Wahrnehmung?

Daniel Hope: Für viele – inklusive für mich – war das Streaming eine Lebensrettung. Es eröffnete die Möglichkeit zu spielen, häufig zu spielen. Und man hat die Menschen weltweit erreicht, zu Millionen. Da konnten wir erkennen, welchen emotionalen Wert die klassische Musik in sich trägt und wie sehr dies, gerade in einer solchen Zeit, vermisst wird. Natürlich kann das niemals ein Ersatz für das Konzert sein. Wir wollen alle im Saal sein, wir wollen es knistern hören, wir wollen die Menschen sehen und sie abholen, wir wollen gemeinschaftlich denken. Aber in einer Zeit, da dies alles nicht möglich ist und du nicht einmal aus deiner Wohnung und deinem Zimmer hinausgehen kannst, bleibt dir nichts anderes übrig, als diesen Weg zu gehen. Und ich denke, das Streaming hat eine riesige Entwicklung gemacht in dieser Zeit, vom ganz einfachen Handyfernsehen bis hin zu wirklich hochwertigen Produktionen.

M&T: Diese Entwicklung ging sehr rasch, von den ersten Balkonübertragungen als Notlösung bis hin zu medial komplex aufbereiteten Übertragungen.

Daniel Hope: Genau. Und so ging es auch bei mir. Als der erste Lockdown kam und ich plötzlich 70 bis 120 Konzerte gestrichen sah, da fielen nicht nur die physischen Konzerte weg, sondern auch die ganze künstlerische Planung, die man teils über Jahre hinweg gemacht hatte. Alles brach weg, auch die Festivals. Und man fiel unweigerlich in ein Loch und fragte sich: Was passiert jetzt? Denn niemand kannte eine solche Situation. Da fing ich an, mich im Internet zu orientieren: Was machen alle andern? Und da sah ich alle diese Übertragungen vom Balkon, aus der Garage und vom Küchentisch. Am Anfang fand ich das ein geniales Signal der Verbundenheit. Mit der Zeit störte mich jedoch der Klang. Es war ein Hilfeschrei, aber er konnte auf Dauer nicht jene Erfahrung auslösen, die wir haben, wenn wir in einen wunderschönen Konzertsaal gehen. So fing ich zu überlegen an, ob es nicht einen Weg geben könnte, Streamings so zu machen, dass die Musik wie in einem Konzertsaal erklingt.

M&T: Hat diese Pandemie auch das Publikum verändert?

Daniel Hope: Ich glaube, das werden wir erst sehen. Eine klare Antwort auf diese Frage ist noch zu früh. Ich hoffe jedoch und ich glaube auch stark daran, dass die Leute sich danach sehnen, wieder in den Konzertsaal zu kommen. Wir müssen sie einfach an der Hand nehmen und ihnen die Gewissheit geben: Es ist sicher, wir können kulturelle Veranstaltungen wieder durchführen. Es ist enorm, welche Mühe sich die Kultureinrichtungen weltweit gegeben haben, um Hygienekonzepte minutiös auszudenken und zu planen, die dann von der Politik oft völlig abgeblockt und verunmöglicht wurden. Tatsache bleibt, dass die Infektionsrate im Konzertsaal praktisch null war. Deshalb sind Konzertsäle wie Theater sichere Orte, und wir können nur hoffen, dass die Menschen das auch sehr bald wieder erleben dürfen.

M&T: Wie hat sich die Pandemie auf die künstlerische Interpretation ausgewirkt? Ganz direkt gefragt: Ist der Geiger Daniel Hope nach dem Corona-Einschnitt ein anderer als zuvor?

Daniel Hope: Es hat mich auf jeden Fall verändert. Alleine dadurch, dass ich nicht mehr gereist bin. So war ich ein ganzes Jahr mehr oder weniger zu Hause und habe daher die Möglichkeit bekommen, meine kleinen Kinder aufwachsen zu sehen. Der kleinste Sohn hat in dieser Zeit das Sprechen und das Laufen gelernt, und ich konnte das Tag für Tag verfolgen. Wäre ich da auf Achse und auf Reisen gewesen, hätte ich das so nicht miterleben können. Diese Zeit hat einen schon verändert: mehr an einem Ort zu sein, auch mehr Zeit zu haben, sich in die Kunst zu vertiefen. So war ich während des Lockdowns auch sehr produktiv. Ich habe 150 Sendungen für Arte produziert, und mit dem Zürcher Kammerorchester haben wir zwei Plattenproduktionen eingespielt. Das Orchester konnte für eine gewisse Zeit auch weiterproben und -spielen – was unglaublich wichtig, ja, während einer gewissen Zeit lebensrettend für uns alle war. Wir haben letztes Jahr unseren Saisonabschluss und unsere Saisoneröffnung gespielt. Wenn auch nur fünfzig Menschen live mit dabei sein konnten, viele jedoch mit einem Stream. Man musste erfinderisch sein – was einen auch verändert hat. Ich habe schon immer gesagt, dass es ein grosses Privileg ist, Musik zu machen. Und in diesem Lockdown hat das jeder Mensch erkannt und man sollte es nie als selbstverständlich ansehen.

M&T: Jetzt geht es in eine neue Saison, mit dem ZKO ist es Ihre sechste. Filmmusik spielt darin erneut eine wesentliche Rolle. So gibt es ein Filmkonzert mit der berühmten Filmmusik von Bernard Herrmann zu Hitchcocks «Psycho». Ist Ihnen Filmmusik ein besonderes Anliegen?

Daniel Hope: Ich bin besessen von Filmmusik! Schon von kleinster Kindheit an. Vor acht, neun Jahren habe ich auch eine Schallplatte mit Werken von ins Exil geflohenen Komponisten eingespielt, die Hollywood musikalisch geprägt haben. Und Bernard Hermann ist ein Genie – sei es mit seiner Musik zu «Psycho», «The man who knew too much» oder zu den andern grossen Filmen von Hitchcock. Die Streicherklänge aus «Psycho» hat jeder im Kopf. Man sieht in der Szene eigentlich keine Gewalt, vielmehr ist sie inszeniert durch die Musik und den Schnitt von Hitchcock. Oft bin ich gefragt worden, ob ich mir vorstellen könnte, einen Film zu begleiten. Bisher habe ich es noch nie gemacht, es wird dies das erste Mal sein. Dass wir diese Symbiose schaffen, ist fantastisch – ich freue mich sehr darauf.

M&T: Diese Pioniere der Filmmusik von Korngold bis Herrmann haben die von ihnen vertonten Filme meist mit einem üppigen sinfonischen Klang unterlegt. Kann ein Kammerorchester diese Klangvorstellungen erfüllen?

Daniel Hope: Wir haben einen grossen üppigen Klang! Das habe ich gerade wieder erlebt, als das Orchester – ohne mich – das Streichquartett von Grieg in einer vergrösserten Besetzung gespielt hat. Das war fantastisch – mit einem richtig grossen, raumfüllenden Klang. Das ist etwas von vielem, was ich an unserem Orchester so bewundere: Die Möglichkeit, wenn es gebraucht wird, wie ein Sinfonieorchester zu klingen. Und handkehrum wie ein Barockorchester zu entschlacken und ganz fein zu spielen. Aber diese grossen Klänge haben wir, sonst hätte ich dieses Projekt nicht in unser Programm genommen. Dazu kommt, dass Herrmanns Partitur für «Psycho» nicht riesig besetzt ist. (Lachend) Es ist in diesem Sinne nicht ein Hollywood-Sound wie bei «El Cid»... Vielmehr setzt die Musik auf eine ganz präzise, eindringliche Wirkung. Diese Mischung war es, die mich herausgefordert hat.

M&T: In der nächsten Saison gibt es ein weiteres, spartenübergreifendes Filmprojekt mit dem Schauspielhaus Zürich. Der Stummfilm «Moby Dick» wird von der Regisseurin und Performance-Künstlerin Wu Tsang auf die Bühne gebracht. Und es wird eine eigens dafür komponierte Musik von Caroline Shaw geben. Haben Sie diese Verbindung hergestellt?

Daniel Hope: Ich kenne viele Komponistinnen und Komponisten, und wir arbeiten regelmässig mit Aufträgen. Auch während der Pandemie habe ich zwei Werke in Auftrag gegeben. So verfolgen wir – auch im Team – regelmässig, wer Zeit hätte, für uns ein Stück zu schreiben und wo das klappen könnte. Caroline Shaw und ihre Werke verfolge ich seit langer Zeit und bin begeistert von ihrer Musik. Allein die Idee, dass eine Komponistin oder ein Komponist zu einem bestehenden Film eine neue Musik schreibt, ist Teil eines lebendigen kreativen Prozesses. Wie sich das alles entwickelt, entfaltet und dann zur Aufführung kommt, ist besonders interessant für mich. War es immer.

M&T: Wie aktiv begleiten Sie den Kompositionsprozess?

Daniel Hope: Ich möchte dabei auch lernen. Es ist das Spannendste, wenn man ein Stück in Auftrag gibt: Du bekommst etwas und fängst dann an, es zum Leben zu erwecken. Da kristallisieren sich dann die Fragen heraus. Neulich habe ich ein Stück von Mark-Anthony Turnage uraufgeführt. Wegen der Pandemie konnten wir uns nicht sehen, weil er aus England nicht ausreisen durfte, und mir stellten sich ständig Fragen. So habe ich meine Proben mit dem Handy aufgenommen und ihm jeweils geschickt. Hunderte von SMS sind dabei hin und her gegangen. Wir haben auf dieser Kommunikationsebene intensiv an dem Stück gearbeitet und bis hin zum Konzert noch Dinge geändert. Diesen Austausch in einem Arbeitsprozess liebe ich: Vor deinen Augen entsteht ein Bild, das sich aber ständig ändert, bis man zu einem gemeinsamen Nenner kommt. Und bis die Musik sozusagen Teil eines Gesamtkunstwerks ist – wie in unserem Filmprojekt mit Caroline Shaw. Das bedeutet eine grosse Faszination.

M&T: Eine neue Erfahrung für Sie, das LiveBegleiten eines Films?

Daniel Hope: Ja, vollkommen. Und es ist komplex. Ein Soundtrack ist genau getimt, spielst du hingegen live, kannst du dir überhaupt keine Freiheiten erlauben. Bild und Ton müssen genau passen, oder die Emotion auf dem Bildschirm wird nicht getroffen. Das ist auch ein Kitzel, der es für alle interessant macht...

M&T: Sie sind auch ein aktiver Festivalgestalter, vor allem im Norden Deutschlands. Sind Festivals ein zukunftsfähiges Modell?

Daniel Hope: Ja, auf jeden Fall! Festivals sind für mich Inspirationsquellen. Yehudi Menuhin hat in seiner Autobiografie Sommerfestivals als die ideale Möglichkeit beschrieben, Urlaubszeit mit der Familie, mit Freunden zu verbringen und trotzdem Musik zu machen. Siebzehn Stunden am Tag zu arbeiten und trotzdem frisch zu sein. Das ist sehr auf den Punkt gebracht. In einer Scheune oder in der Natur zu spielen, und die Menschen kommen ungezwungen, bringen ihr Picknick mit und geniessen sozusagen den ursprünglichen Kontakt zur Musik – das ist ganz wichtig. Wir brauchen Festivals – jetzt mehr denn je!

M&T: Das bedingt allerdings, dass man sich auch die Formen und Inhalte neu überlegt. Zumal für eine Jugend, die andere Konzertformen und vielleicht auch -inhalte sucht?

Daniel Hope: Absolut! Wir brauchen ein lebendiges, waches Programmieren genauso wie ein vielfarbiges Repertoire. Und ebenso unabdingbar ist die Unterstützung junger Künstlerinnen und Künstler. Ein Festival, das jungen Künstlern keine Basis bietet, ist kein Festival für mich. Du musst jeder neuen Generation eine Plattform bieten – zu zeigen, wer als Nächstes kommt. Natürlich sind Stars auch wichtig, sie füllen die Säle und sichern dank der Sponsoren den ganzen Betrieb ab. Wunderbar, muss auch sein – aber die andern Aspekte sind die Wurzeln des Festivalgedankens, ihr Fundament. Dass das Publikum sagen kann: Da habe ich etwas Neues erfahren, da habe ich die oder den erstmals gehört. Ein Festival verbindet alle diese Menschen gleichzeitig als Festspielfamilie.

M&T: Was sich jedoch nicht nur über Exklusivität und Prestige verwirklichen lässt.

Daniel Hope: Nein, es geht um ein Erlebnis – von Klang, von Natur, von Gemeinschaft. Deshalb war Gstaad für mich so prägend. Ich bin da gross geworden. Dieses Festival bedeutete für mich sozusagen eine Alltagssituation. Aber was für ein Alltag! In dieser Alpenlandschaft, mit diesen Gerüchen und Klängen, und die Musik noch dazu! Wenn du aus dieser wunderschönen alten Kirche in Saanen rauskommst und du hörst da draussen zwischen den Kuhglocken Mozart, Beethoven und Brahms – wundervoll!

Ausgabe: 07-08 - 2021