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musik

Bild: Marco Borggreve

Francesco Piemontesi: «Erstaunlich, dass die Originalklang-Bewegung Chopin ausgelassen hat.»

 

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Vom Singen auf dem Klavier

Reinmar Wagner

M&T: Die Klavierkonzerte von Chopin gehören zu den meistgespielten im Repertoire. Was überlegen Sie sich, um sich von Ihren Kollegen abzuheben?

Francesco Piemontesi: Ich muss sagen, ich höre nicht sehr viel CDs und vergleiche mich kaum mit meinen Kollegen. Sondern ich versuche aus der Partitur meine Interpretation zu finden, aus den Harmonien, der Form, den kontrapunktischen Verläufen, aber auch den musikalischen Charakteren, Emotionen und Stimmungen. Das alles wächst über Monate und Jahre zusammen. Dazu kommen die Inspirationen von Orchestern und Dirigenten. Beethovens drittes Konzert zum Beispiel habe ich schon sehr oft gespielt, mit traditionellen Dirigenten, aber etwa auch mit Originalklang-Spezialisten wie Roger Norrington, und ich versuche, aus jedem Treffen die faszinierendsten Aspekte mitzunehmen: Da bin ich eine Art musikalische «gazza ladra» («diebische Elster»). So arbeite ich gerne, aber wenn man anfängt, den grossen Interpreten der Vergangenheit nachzueifern, führt das eher zu einer Erstarrung, und man bekommt wahrscheinlich ein bisschen zu viel Angst.

M&T: Sie haben um Chopin lange einen Bogen gemacht.

Francesco Piemontesi: Richtig, das ist der einzige von den grossen Klavierkomponisten, den ich lange nicht gespielt hatte. Einerseits hatte ich das Gefühl, nicht genug zu sagen zu haben in dieser Musik, und zweitens sind die Freiheiten verschwunden, wie wir sie aus historischen Aufnahmen der Schüler Chopins kennen – dass zum Beispiel die Hände nicht zusammenspielen, weil das polyphoner wirkt und die Rubati wie Wellen entstehen. Heute sehe ich einen ziemlich sterilen, uniform gewordenen Stil in der Chopin-Interpretation, und das ist weit weg vom ursprünglichen Geist dieser Musik. Das ist mir zu beschränkt angesichts der historischen Dimensionen, die zeigen, in welche Richtung das Spiel damals gegangen ist. Erstaunlich, dass die Originalklang-Bewegung Chopin ausgelassen hat. Vielleicht weil sie stark von den Instrumentalisten und Dirigenten ausging, nicht von den Pianisten.

M&T: Auf der anderen Seite spielen Sie auch Bach und Händel auf dem modernen Flügel. Welche Vorteile sehen Sie darin?

Francesco Piemontesi: Ich sehe, ganz ehrlich, eher Nachteile. Ich habe trotzdem versucht, mich so weit es geht dem Cembaloklang anzupassen. Es gibt ja berühmte Pianisten, die behaupten, Bach hätte gerne einen modernen Flügel gehabt und die Möglichkeiten des Pedalspiels sicher hoch geschätzt. Ich glaube eher, dass seine Stücke wunderbar auf das Cembalo passen. Ich hatte das Glück, mit Ton Koopman arbeiten zu können, und habe so viel gelernt in der Kunst der Differenzierung, der Arpeggien oder wie man Stimmen hervorhebt. Ich finde es richtig, Bach und Händel vom Cembaloklang her anzugehen und natürlich auch mit Verzierungen zu arbeiten. Das war ja praktisch verboten lange Zeit: Urtext und sonst nichts. Koopman dagegen kann richtig improvisieren mit dieser Musik.

M&T: Können Sie sich vorstellen, Mozart oder Schubert auf dem Hammerflügel zu spielen?

Francesco Piemontesi: Ja, auf jeden Fall. Es ist nicht ganz einfach, ein Instrument zu finden, das auch singt. Zwar hat Edwin Fischer auch auf einem ganz schlechten Klavier singen können. Aber es gibt bestimmte Grenzen: Wenn ein Ton nach einer Sekunde weg ist, dann kann man wenig machen. Klavierspielen ist ja eigentlich eine Täuschung: Man muss aus diesem mechanischen Monster eine Gesangslinie erschaffen.

M&T: Das klingt, als ob sie klangliche Gestaltungsmöglichkeiten beim Klavier vermissen?

Francesco Piemontesi: Vielleicht. Auf jeden Fall versuche ich, mir ständig Stimmen vorzustellen. Elisabeth Schwarzkopf mit den «Vier letzten Liedern» von Strauss, das ist für mich in jeder Hinsicht perfekter Gesang, und das versuche ich jeden Tag zu erreichen und das Mechanische zu vergessen. Fischer ist darin sehr weit gekommen auch Maria Joao Pires mit Mozart hat ein sehr schönes Legato entwickelt.

M&T: Auf der anderen Seite erhalten sie mit dem Klavier die ganze Bandbreite der Harmonik.

Francesco Piemontesi: Das ist der Aspekt, der mich am Klavier am meisten fasziniert: Man hat nie das Legato einer Klarinette, oder die Präzision eines Schlagzeugs oder das Glissando einer Geige, aber man schafft es, das Orchester nachzuahmen. Die sechste Beethoven-Sinfonie in der Fassung von Liszt, das macht mir riesig Spass.

 

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Ausgabe: 09 - 2019