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Marianna Bednarska – von Anfang an offen und kreativ im Umgang mit allem, was mit Musik zu tun hatte
«Viele starke Emotionen»
Neugier, Offenheit, Hunger auf Neues – diese Tugenden hat Marianna Bednarska auf ihre Fahne geschrieben. Während sie mit einem Bein noch im Studium steht, macht das andere schon erste Schritte in eine internationale Karriere. Als aktuelle Gewinnerin des Prix Credit Suisse Jeunes Solistes gibt sie diesen Sommer ihr Debut bei Lucerne Festival.

Stephan Thomas (Text) & Priska Ketterer (Bilder)

«Die Perkussion 
inspiriert Komponisten rund um den Erdball»

Der Prix Credit Suisse Jeunes Solistes ist beileibe nicht der erste Preis, den die junge Perkussionistin Marianna Bednarska einheimst. Aber zweifellos einer der wichtigsten, bringt er ihr doch neben einer stattlichen Börse ein Debutkonzert beim Lucerne Festival. Das ist für sie ein erweitertes Heimspiel, denn die 1993 in Polen geborene Bednarska studiert im Moment noch an der Haute Ecole de Musique de Genève bei Philippe Spiesser.

Die Perkussion weckt beim Publikum, auch beim relativ informierten, gewisse Assoziationen, wohl manchmal auch Klischees. Berechtigte? «Solodarbietungen mit Perkussion oder Ensemblestücke mit einem hohen Anteil an Schlagzeug bedeuten oft eine grosse Überraschung für das Publikum, denn Perkussion wird oft mit einem Set aus Trommeln und Becken assoziiert, wie wir das von der Band kennen. Die ganze Palette des klassischen Schlagzeugs beeindruckt mit ihrer grossen Vielfalt an Farben, Ausdrucksmöglichkeiten und spezifischem Repertoire. Mit ihren melodischen Möglichkeiten können Marimba oder Vibraphon ein Auditorium genauso entzücken wie Violine oder Klavier. Für die meisten steht indessen die Perkussion schon für das rhythmische Element.»

Mit Erwartungshaltungen verschiedener Art ist Marianna Bednarska auch in ihrem Musizieren konfrontiert. «Ich finde es sehr aufregend, wenn ich das klassische Schlagzeug als autonomes Phänomen vorstellen darf. Auch das dazugehörige Repertoire zwischen klassischen Schlagzeugstücken, Transkriptionen, Kompositionen mit Elektronik oder Performances im Sinne von Perkussions-Theater. Da ist meist viel Neues für das Publikum drin. Am meisten freut es mich indessen zu sehen, wie sich die Leute in dieses Neue hineinziehen lassen, wie viel an guten Emotionen und Schwingungen da entsteht. Es freut mich zudem wahrzunehmen, wie positiv man auf eine Frau am Schlagzeug reagiert – ist dies doch in den Augen vieler immer noch eine männliche Domäne. In Musikerkreisen hingegen ist dies längst völlig normal.»

Als Schlagzeugerin muss man, so denken wir uns, wegen der Beschaffenheit des Repertoires ausserordentlich offen, neugierig und flexibel sein. Die ausschliessliche Pflege von mehr oder weniger historischer Musik, wie es beispielsweise auf dem Klavier grundsätzlich möglich ist, dürfte beim Schlagzeug keine Option sein. Marianna Bednarska stimmt dem zu. «Tatsächlich muss man als Schlagzeugerin völlig flexibel und offen für neue Erfahrungen und Anregungen sein. Das betrifft zunächst die Vielfalt der Instrumente an sich, dann aber auch die grosse Bandbreite an Spieltechniken auf jedem dieser Instrumente – ein wenig so, als müssten Geiger zugleich das Spiel auf Bratsche, Cello und Kontrabass beherrschen. Der andere Aspekt ist das Repertoire: Die Perkussion inspiriert Komponisten rund um den Erdball, die laufend das Grundrepertoire um neue Ideen bereichern. Dazu gehört, dass man als Perkussionistin manchmal auch Schauspielerin und Choreografin ist; ferner muss man bisweilen improvisieren, sprechen, singen, mit Elektronik und Video interagieren. Dennoch spielt für uns auch die Musik vergangener Epochen eine grosse Rolle. So stimmt etwa der Tonumfang der Marimba exakt mit jenem des Cellos überein, was uns in die Lage versetzt, Johann Sebastian Bachs Cellosuiten eins zu eins wiederzugeben. So oder so wird wohl jeder Perkussionist auch als Arrangeur tätig sein. Alle diese Erfahrungen sind hilfreich, eine eigene musikalische Sprache zu finden.»

Zweifellos war Marianna Bednarska durch ihren Werdegang zu solcher Flexibilität prädestiniert. «Ich entstamme einer musikalischen Familie, meine Eltern und Brüder sind alle Absolventen der Fryderyk Chopin Music Academy in Warschau. Musik hat von sehr früh an mein tägliches Leben bestimmt. Ich hörte bei mir zu Hause Klavier, Kontrabass, Akkordeon und Gitarre. Das hat meine Neugier und meinen Entdeckergeist geweckt. Ich war von Beginn an sehr offen und kreativ im Umgang mit allem, was mit Musik zu tun hatte. Als meine Talente auf diesem Gebiet offenkundig wurden, schickten mich meine Eltern an die Karol Szymanowski Music School nach Warschau, wo ich ein Klavierstudium begann.»

Dabei blieb es aber nicht. «Ich machte zwar rasche Fortschritte auf dem Klavier. Dennoch verspürte ich den Wunsch nach mehr Freiheit, die Musik mit dem gesamten Körper auszudrücken. Zufällig lud mich eines Tages meine Tante Krystyna Celminskis, die an einer Warschauer Musikschule Perkussion unterrichtet, an ein Konzert ihrer Schüler ein. Hier beeindruckte mich nicht nur die Vielfalt des Instrumentariums, sondern auch die Freude der Kinder, wie quirlig sie sich an ihren Instrumenten bewegten. Der faszinierende Ton von Xylofon, Vibrafon, Marimba und die Farben der Schlaginstrumente motivierten meinen Entscheid, in Zukunft auf die Perkussion zu setzen. Der Weg war vorgezeichnet, obwohl ich da noch sehr jung war.»

Gefragt, welche etablierten Komponisten sie für die wichtigsten auf dem Gebiet der Perkussion halte, antwortet Marianna Bednarska: «Eine komplexe Frage, denn man muss die Entwicklung des Schlagzeugparts, der Instrumente sowie aller Spieltechniken berücksichtigen. Auf diesem Gebiet könnte man Ludwig van Beethoven für seinen Einsatz der Pauken in den Symphonien nennen, oder Berlioz, der den Orchesterapparat im Gesamten, aber auch spezifisch die Behandlung des Schlagzeugs auf revolutionäre Weise erneuert hat. Dann Igor Strawinsky, der in seiner Histoire du Soldat die Multiperkussion erfindet, wo ein Schlagzeuger erstmals allein auf mehreren Schlaginstrumenten spielen muss. Wichtige Kammermusik mit Schlagzeug haben Pierre Boulez und John Cage beigetragen, der wie Karlheinz Stockhausen die Bedeutung des Schlagwerks bei Stücken des Musiktheaters ausgeweitet hat. Bei den Solowerken des 20. Jahrhunderts stehen sicher Iannis Xenakis, Georges Asperghis oder Vinko Globokar ganz vorne. Und Paul Creston, der die erste Komposition für Solo-Marimba und Orchester geschrieben hat.»

Wenn man als Solistin so erfolgreich ist wie Marianna Bednarska, dürfte eine Orchesterstelle – auch eine renommierte – für die Zukunft wohl kein Thema sein? «Danke für diese Einschätzung! Ich bin nach wie vor am Lernen und bin überzeugt, dass noch viele wunderbare Erfahrungen auf mich warten. Als Musikerin möchte ich für neue Möglichkeiten offen bleiben, nicht nur als Solistin, sondern auch als Orchestermusikerin, als Kammermusikerin und Lehrerin. Jede künstlerische Betätigung hat einen unvergleichlichen und unermesslichen Wert, trägt Schönheit in sich selber.»

Auf jeden Fall ist Marianna Bednarskas Konzertkalender bereits sehr gut gefüllt. Neben Deutschland ist dabei die Schweiz ein Schwerpunkt. Sind ihr diese beiden Länder, wo sie studiert hat und noch studiert, eine künstlerische Heimat geworden? «Beide Länder haben einen besonderen Platz in meinem Herzen, sie sind mit wunderbaren musikalischen Erfahrungen, Freundschaften und Erinnerungen verbunden. Dennoch denke ich nicht, dass ich musikalisch zu einem bestimmten Land gehöre. Alle Orte auf der Welt, die ich besuchen durfte, haben mich mit ihrer einzigartigen Kultur, Kunst und Atmosphäre beschenkt. Natürlich bleibe ich auch meinem Heimatland Polen treu verbunden. Dort ist meine Liebe zur Musik und zur Perkussion geboren.»

Nach Projekten, Wünschen und Hoffnungen für die kommende Zeit befragt, schaut Marianna Bednarska vor allem in die nächste Zukunft. «Ich hoffe, dass mein Auftritt am Lucerne Festival und die Musik, die ich da spielen werde, dem Publikum viele starke Emotionen bescheren und die Herzen erreichen wird. Das ist immer die wichtigste Botschaft, die ich vermitteln will.» ■

Ausgabe: 09 - 2019