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Versuch einer Ehrenrettung

Versuch einer Ehrenrettung

Reinmar Wagner

 

Zum zweiten Mal in der Intendanz David Pountney rissen die Bregenzer Festspiele den Schleier von der vergessenen Oper eines polnisch-jüdischen Komponisten. Nach Mieczyslaw Weinbergs «Passagierin» 2010 diesen Sommer von der Shakespeare-Vertonung «The Merchant of Venice» von André Tchaikowsky.

Dass man in Venedigs Welt des Handels, der Banken und des Geldes Tresore verwendet, liegt auf der Hand. Aber auch in Belmont, dem utopischen Gegenentwurf, wo Liebe und die Schönen Künste regieren, da stehen in der Inszenierung von Keith Warner Tresore: Um Portia zu gewinnen, müssen die Bewerber aus drei Kästchen auswählen. Nur eines öffnet den Weg zu ihrem Herzen. Warners Misstrauen dieser Idylle gegenüber weicht dann allerdings im Epilog, den er vor kitschigem Vollmond (ohne Tresor) spielen lässt. Zuvor hat sich Shylock im Brunnen ertränkt.

Warner inszenierte neben solchen eher fragwürdigen Einfällen mit einer brillanten Personenführung und sehr solidem Handwerk, das insbesondere der Gerichtsszene atemberaubende Intensität verlieh. Und mit einer ganz grossen Portion britischem Witz, der vor allem die pantomimischen Bewerber um Portias Hand gekonnt und unterhaltsam der Lächerlichkeit preisgab.

Für diese Szenen schrieb André Tchaikowsky spritzige Ballettmusik, und den schönsten Abschnitt komponierte er für Lorenzo und Jessica, die in einem wunderschönen Duett die Kraft der Musik besingen. Auch sonst gibt es einige sehr gelungene, atmosphärisch dichte oder in ihrer dramatischen Ausgestaltung packende Abschnitte in dieser Oper, etwa wenn Shylock sich rechtfertigt oder wenn Portia als verkleideter Jurist an seine Menschlichkeit appelliert. 

Vieles aber ist auch ungeschickt und weist Längen auf. Zu viel Respekt hatten Tchaikowsky und sein Freund John O’Brien, der ihm Shakespeares Vorlage zu einem Libretto kürzte, vor den Worten des verehrten Dichters. Mut zu radikaleren Kürzungen und dem Ausdehnen emotionaler Höhepunkte, wie sie nun einmal zur Oper gehören, wären dem Stück besser bekommen.

Im durchwegs guten Sängerensemble mit zahlreichen Hauptrollen beeindruckte vor allem Adrian Eröd als Shylock. Besondere Akzente setzten auch Kathryn Lewek als Jessica und Charles Workman als Bassanio. Die Wiener Symphoniker wirkten präsent und gut vorbereitet vom Dirigenten Erik Nielsen, der rhythmisch und dynamisch das Geschehen stets im Griff hatte. Nicht jede der vielen solistischen Linien war perfekt ausgeformt, andererseits gerieten an einigen Stellen atmosphärisch dichte Stimmungen im Orchestergewebe. 

Andere hingegen verrieten, dass Tchaikowsky das Stück nie gehört hat. Er hätte sonst korrigierend eingegriffen, zum Beispiel die Begleitung Antonios reduziert, den er durchaus passend in seiner Melancholie als Countertenor besetzte, aber oft zu dick instrumentiert begleitete. Andere Gesangslinien wiederum erhielten zu wenig Kontrast und Gegengewicht im oft kammermusikalisch bis sparsam geführten Orchester, was vor allem im parlandolastigen ersten Akt zu gewissen Längen führte. 

Auch eine klarere charakterliche Zeichnung der Gesangspartien würde dem abhelfen. Vielfach singen alle Figuren recht ähnlich strukturierte Sprünge und Koloraturen. Eher ins Reich der Anekdoten gehören eine Handvoll Zitate, das aufgesetzteste: Wenn zum ersten Mal vom Verlobungsring die Rede ist, erklingt pompös Wagners Leitmotiv aus dem «Ring des Nibelungen». 

André Tchaikowsky, als Kind unter diesem Tarnnamen dem Warschauer Ghetto entkommen, war ein begnadeter Pianist, hochvirtuos, legendär seine Fähigkeiten im Blattspielen und Auswendiglernen. Kein Geringerer als Arthur Rubinstein förderte ihn nach Kräften. Aber Tchaikowsky legte nicht das geringste Interesse an den Tag, die sozialen und gesellschaftlichen Erwartungen an einen Klaviervirtuosen zu erfüllen. Immer wieder stiess er Gönner, Publikum und Kollegen vor den Kopf. 

Seine wirkliche Leidenschaft scheint eher das Komponieren gewesen zu sein. Zwei Klavierkonzerte, zwei Streichquartette, eine Reihe von Liedern und anderen Werken mit Klavier und weiteren Instrumenten und eben die Shakespeare-Oper «The Merchant of Venice» umfasst sein schmales Oeuvre. Ausser dem hochvirtuosen Klavierkonzert op.4, das gelegentlich gespielt wird, ist das alles vergessen. Am meisten in Erinnerung geblieben ist André Tchaikowsky mit einer skurrilen Geschichte: Per Testament vermachte er seinen Schädel der Royal Shakespeare Company mit der Bestimmung, dass er in Shakespeares «Hamlet» als Requisit verwendet werden solle. Wenn Shakespeare tatsächlich ein Antisemit gewesen sei, wäre es ihm eine grosse Freude, wenn ein jüdischer Schädel in Shakespeares «Hamlet» herumgeistere. Erst 2008 allerdings kam es dazu: David Tennant spielte Hamlet mit Tchaikowskys Schädel.

 

 

André Tchaikowsky: «Der Kaufmann von Venedig». Uraufführung 18. Juli 2013. ML: Erik Nielsen, R: Keith Warner, mit Adrian Eröd, Magdalena Anna Hofmann, Kathryn Lewek, Charles Workman u.a.

 
Ausgabe: 10 - 2013