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musik

Bild: Mariinsky Orchestra/Alexander Shapunov

Valery Gergiev: «Wie verbindet man die Reinheit der Liebe, auch die Liebe für das Leben und für die Kunst, mit der tragischen

 

Der Dirigent Valery Gergiev im Gespräch über Peter Tschaikowsky und Anton Bruckner
Versteckte 
Botschaften
Er gilt als Meister des russischen Repertoires. Mit seinem Mariinsky Orchester 
aus St. Petersburg bereist Valery Gergiev im Rahmen der Migros-Kulturprozent-
Classics Anfang Mai die Schweiz, um alle Sinfonien von Peter Tschaikowsky 
aufzuführen. Zugleich schreitet sein Bruckner-Zyklus unter Gergiev mit den 
Münchner Philharmonikern voran. M&T-Autor Marco Frei traf den Dirigenten 
in München zum Gespräch.
Valery Gergiev dirigiert Bruckner mit den Münchner Philharmonikern in der Stiftskirche St. Florian bei Linz.

Marco Frei

«Die Antwort auf die 
grossen, tiefen Fragen, 
die sein Leben berühren, ist in seiner Musik selber enthalten»

M&T: Valery Gergiev, für den Musikforscher Constantin Floros, langjähriger Leiter des Instituts für Musikwissenschaften in Hamburg, gibt es zwischen Peter Tschaikowsky und Anton Bruckner eine ganz zentrale Gemeinsamkeit. Beide hätten in ihren Sinfonien innere, mehr oder weniger geheime, zurückbehaltene Programme versteckt. Stimmen Sie dem zu?

Valery Gergiev: Ich bin mir sicher, dass beide keine abstrakte Musik komponiert haben. Beide hatten jeweils sehr interessante Lebensläufe. Wenn jemand, noch dazu ein Sinfoniker wie Bruckner, die Orgel spielt, ist das allein schon ungewöhnlich. Man blickt buchstäblich empor zu Gott, lebt für eine «höhere
Ordnung», glaubt fest daran, dass irgendwann das Erschaffene zu Gott 
gehört. Es geht nicht um das «alltägliche Geschäft». Tschaikowsky wiederum hat fantastische Sinfonien, Opern, Ballette und Instrumentalkonzerte komponiert, weil sein Leben so reich an Erfahrungen war: gerade in den dunklen Momenten. Man hört es ganz besonders in der sechsten Sinfonie, der sogenannten «Pathétique», oder in «Pique Dame». Er kann die Verbindung zwischen Leben und Musik beschreiben, was auch für Bruckner gilt. Niemand weiss von uns, ob und wie es nach dem Leben weitergeht. Manche spüren das Schicksal, das nächste Ziel. Das gilt für Bruckner wie für Tschaikowsky, wenn auch in sehr 
unterschiedlicher Weise.

 

M&T: Wenngleich die Sinfonik Bruckners nicht nur das Religiöse berührt, sondern auch Richard Wagner oder die Programmmusik von Hector Berlioz und Franz Liszt …

Valery Gergiev: … natürlich, weil Bruckner ein grosser Orchestermeister ist. Er denkt nicht einfach: «Lasst uns das Orchester wie eine Orgel klingen.» Das wäre sehr gefährlich. Vielmehr hat er einen grossen sinfonischen Zyklus hinterlassen. Im Herbst gastierten wir mit den Münchner Philharmonikern im Chorherrenstift St. Florian in Österreich, wo Bruckner wirkte. In diesem Raum mit seiner spezifischen Akustik wird unmittelbar deutlich, wie sehr Bruckners «Kathedrale des Klangs» nicht von der Hand zu weisen ist. In St. Florian führt man seine Sinfonien mit einem ganz anderen Gefühl auf. Vor acht oder neun Jahren war ich erstmals in St. Florian, auch am Grab von Bruckner. Man wird dort sehr still und ehrfurchtsvoll, spricht sehr leise. Und das gilt auch für die Musik. Kein Werk schreit dort.

 

M&T: Warum tragen die ersten drei Sinfonien
von Tschaikowsky die Untertitel «Winterträume», «Kleinrussische» und «Polnische»?

Valery Gergiev: Es ist wichtig zu wissen, warum Tschaikowsky akzeptierte, dass sie so genannt wurden. In der dritten gibt es viele Tanzcharaktere, zum Beispiel die Polonaise. Manches wirkt wie Ballettmusik. Vielleicht wurde diese Sinfonie deswegen «Polnische» genannt, weil das ein polnisches Kolorit suggeriert. Allerdings hat Tschaikowsky auch in anderen Werken brillante Polonaisen eingebaut, etwa in der Oper «Eugen Onegin» oder im Ballett «Dornröschen». Niemand würde deswegen diese Werke «polnisch» nennen. Es ist also sehr subjektiv. Das Leben Tschaikowskys war dramatischen Wandlungen ausgesetzt. Als er die erste komponierte, war er noch in den 20ern. Vielleicht konnte sein sinfonischer Zyklus nur so beginnen, mit den «Winterträumen». Natürlich erinnert das an die «Winterreise» von Franz Schubert: eine Art indirekte Assoziation, die sehr gut passt.

M&T: Weil Tschaikowsky von einem eher früh­romantischen, spätklassischen Profil kommt: fernab von spätromantischer Grösse, wie es seine späteren drei Sinfonien suggerieren?

Valery Gergiev: In der ersten möchte Tschaikowsky sehr wohl gross und breit sein. Das hört man im Finale. Dort sind die Quellen einer grossen Sinfonik deutlich vorhanden. In gewisser Weise mag das beeindrucken. Weitaus beeindruckender jedoch sind in den drei frühen Sinfonien eben nicht so sehr die Finalsätze. Die unglaublichen Gemälde entwirft hier Tschaikowsky mehr in den langsamen Sätzen oder den Scherzi. In der ersten und zweiten ist das wirklich grossartig. Der Marsch im langsamen Satz der zweiten entwirft fast schon ein märchenhaftes Bild. Gegen Ende seines Lebens hat das Tschaikowsky wieder aufgegriffen, im «Nussknacker» oder in «Dornröschen» und sogar in der sechsten. Die Walzer-Eleganz in der «Pathétique» ist unglaublich. Andererseits ist in den späteren Sinfonien die klassische Gestalt der Sinfonik präsent, ganz besonders in der vierten, aber auch in der «Pathétique» sowie der fünften. Das lässt sich vergleichen mit der Fünften von Beethoven, die als «Schicksals­sinfonie» eine zentrale Rolle spielt in den letzten drei Sinfonien Tschaikowskys.

 

M&T: Apropos «Schicksalssinfonie» und «Walzer-
Eleganz»: Inwieweit äussert sich hier ein tiefer Konflikt zwischen dem Ich und der Welt, was in der deutschen Romantik generell ein ganz zentrales Thema ist? Ist dies das grosse Thema in den letzten Sinfonien Tschaikowskys?

Valery Gergiev: Auf jeden Fall. Die Welt rund um Tschaikowsky spielte eine enorme Rolle für dessen Leben und Schaffen. Was ich aber auch höre, ist eine grossartige Chemie zwischen dem Ballettkomponisten und dem Sinfoniker Tschaikowsky. Das ist so interessant, weil sich in der Sinfonik erschliesst, was er in seinen Balletten übernimmt und weiter ausführt. Der «Nussknacker» ist wirklich ein Wunder. Ich bin manchmal sehr traurig darüber, dass diese Musik oftmals lediglich als Begleitung oder Unterstützung des Tanzes aufgeführt wird. Sie wurde jedoch geschrieben, um den Tanz zu leiten, ja, buchstäblich erst zu ermöglichen und zu erschaffen. Das funktioniert wie eine grosse Sinfonie: ein fantastisches Fest der Instrumente. Die Soli darin sind einfach atemberaubend.

 

M&T: Andererseits berührt die «Pathétique» auch Tschaikowskys Ouvertüre «Romeo und Julia». Jedenfalls stammt das Kopfmotiv aus dem ersten Satz der «Pathétique» aus dem 
Allegro giusto von «Romeo und Julia». Was 
bedeutet das?

Valery Gergiev: Die Frage ist: Was ist die tragische Kraft von «Romeo und Julia»? Es geht um die Schönheit der Jugend, die Reinheit von zwei jungen Seelen, die Schönheit des Menschlichen zweier
Menschen. Die Reinheit ihrer Liebe stösst auf Konflikte in der Welt: auf Hass, Eifersucht, Machtspiele. Tschaikowskys sechste ist in mehrfacher Hinsicht ein 
finales Statement. In ihr kehrt Tschaikowsky zu diesen Kernfragen seines eigenen Lebens zurück: Wie verbindet man die Reinheit der Liebe, auch die Liebe für das Leben und für die Kunst, mit der tragischen Wirklichkeit? Darum geht es in der sechsten.

 

M&T: Von Tschaikowsky stammen die Worte, er werde die Botschaft der sechsten niemals preisgeben. Sie sei versteckt und doch ganz klar. In der Musikwissenschaft wurde längst schon erörtert, dass die sechste wohl auch um die Homosexualität von Tschaikowsky und dessen furchtbare Konflikte deswegen kreist. Wie gehen Sie als Dirigent damit um?

Valery Gergiev: Ich denke, wir müssen einerseits den Menschen und andererseits den Künstler Tschaikowsky betrachten. Versuchen wir die versteckten Botschaften in Tschaikowskys Schaffen zu entschlüsseln, stossen wir an Grenzen – weil es keine klar definierte Sicht und keine einzelne Person gibt, welche diese Frage beantworten kann. Ähnlich verhält es sich mit Dmitri Schostakowitsch. Nach seinem Tod 1975 haben viele behauptet, dass seine Musik sowjetisch sei. Vielleicht geht es ja um Stalin oder Hitler, und seine Kriegssinfonien Nr. 7, 8 und 9 sind auch sehr stark. Doch ich betone immer wieder: Wir müssen dem Musiker und nicht dem Chronisten Schostakowitsch zuhören.

 

M&T: Obwohl 1997 ein Film mit den Kriegs­sinfonien Schostakowitschs unter Ihrer Leitung erschienen war, der Stalin gross und breit erörterte?

Valery Gergiev: Schostakowitsch hat keinen Bericht über den Zweiten Weltkrieg abgegeben. Er war ein Künstler, der emotional die Tragik seiner Zeit aufgesogen hat, das auf jeden Fall. Durch seine Musik hat er eine grossartige Antwort auf diese Zusammenhänge gegeben, genauso verhält es sich mit Tschaikowsky. Die Antwort auf die grossen, tiefen Fragen, die sein persönliches Leben berühren, ist in seiner Musik selber enthalten. Wir hören ganz klar das tragische Element 
in der «Pathétique».

 

M&T: Für viele Homosexuelle im heutigen Russland ist die sechste ein Symbol, angesichts einer homophoben Politik in dem Land. Auf einer höchst kontroversen Pressekonferenz in München 2013 haben Sie betont, dass man nicht so sehr über die Homosexualität Tschaikowskys reden solle, sondern über dessen Musik. Lässt sich das so einfach trennen?

Valery Gergiev: Die «Pathétique» kann auf viele Arten und Weisen gehört werden, ganz einfach auch als grosse Sinfonie. In allen gesellschaftlichen Schichten
geniesst Tschaikowskys Musik eine unglaubliche Popularität. Es eröffnen sich sehr unterschiedliche Dinge in dieser Musik, und das ist gut so. Manche hören darin schlicht Schönheit, anderen vermittelt sie Kraft und Energie, die tiefe Tragik jedoch erkennen wohl alle. Ich habe diese Sinfonie überall auf der Welt dirigiert – und stets spüre ich eine ganz unmittelbare, direkte Reaktion auf diese Musik. Und übrigens: Ich glaube nicht, dass es in Russland ein Problem mit Homosexualität gibt.

M&T: Der offen schwule Regisseur Kirill Serebrennikow wurde unlängst verhaftet und konnte deswegen eine Operninszenierung in Stuttgart nicht vollenden. Offiziell wird ihm Veruntreuung von öffentlichen Geldern vorgeworfen, aber laut russischen Kritikern, Künstlern und Intellektuellen geht es um Politik.

Valery Gergiev: Schauen Sie, Tschaikowsky ist durch viele unglückliche Momente in seinem Leben hindurchgegangen, hat furchtbar gelitten, und war auch nicht gerade glücklich verheiratet. Das alles machte einem Künstler, der damals im Zentrum der Aufmerksamkeit stand, das Leben schwer. Hätte er – ähnlich wie Bruckner – eine Art eigener Kirche, ein eigenes Refugium, gehabt, wäre er wohl nicht so früh gestorben und Tschaikowskys Musik erschiene uns heute vielleicht gelassener. Doch so erleben wir sie als Vulkan, zumal in der sechsten, fünften oder vierten. Diese Werke sind gekennzeichnet durch eine überkochende Energie, selbst in den freudvollen Momenten. Alles ist im Grunde überhitzt, zugleich jedoch von einer extremen Schönheit.

M&T: Sollte die «Pathétique» weniger bombastisch gegeben werden?

Valery Gergiev: Sie ist nicht bombastisch, aber sie besitzt eine enorme Energie! Selbst ein grossartiger Dirigent kann nicht den Höhepunkt im ersten Satz abmildern. Das will und muss beängstigend sein. Aber ja: Manchmal wird das viel zu laut und zu dick auf­getragen, wie ein Schlag ins Gesicht. Dirigiert man jedoch diese Sinfonie friedvoller und gemässigter, ist es vielleicht auch nicht richtig, gerade vor dem Hintergrund der darin versteckten Botschaften, oder? ■

Migros-Kulturprozent-Classics

Mariinsky Orchestra

Valery Gergiev, Leitung

Peter Tschaikowsky: Sinfonien Nr. 1–6

Luzern, KKL, 6. Mai 2018, Sinfonien Nr. 1 und Nr. 6

Genf, Vicoria Hall, 7. Mai 2018, Sinfonien Nr. 2 und Nr. 5

Zürich, Tonhalle Maag, 8. Mai 2018, Sinfonien Nr. 3 und Nr. 4

Bruckner und Tschaikowsky

Im Laufe des Jahres 2018 soll der Tschaikowsky-Zyklus des Mariinsky Orchesters unter Valery Gergiev auf CD erscheinen. Überdies ist ab 2019 ein weiterer Tschaikowsky-Zyklus geplant, diesmal als Kooperation zwischen dem Mariinsky Orchester und den Münchner Philharmonikern. Für 2020 ist zudem eine DVD-Veröffentlichung des ... Weiter
Ausgabe: 03 - 2018