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Szene

Ingo Höhn / Theater Basel

 

Regula Mühlemanns Debüt als Pamina vor 15 Zuhörern in Basel
Verspieltes Multimedia-Spektakel

Die Königin der Nacht im Rollstuhl, die drei Knaben als gnomenhafte Tattergreise, die drei Damen als Elite-Kampftruppe mit Verführungspotenzial. Pamina dagegen ganz traditionell in unschuldigem Weiss. Man muss den britischen Regisseur Simon McBurney nicht nach Begründungen für die Deutung seiner Figuren fragen. Es geht ihm nicht darum, Mozarts Märchenoper zu erklären oder zu interpretieren. Das Stück ist einfach ein einziger grosser Spielplatz für ihn. Mitspielen darf man zwar nicht, aber es macht tatsächlich enorm Spass, ihm beim Spielen zuzuschauen. Eine beweglich aufgehängte, in alle Richtungen kippbare Plattform reicht als Spielfläche. Sie erlaubt die sprechende Illustration diverser emotionaler Schieflagen oder macht auf schlagende Weise deutlich, wo oben und unten ist in den Herrschaftsverhältnissen dieser Märchenwelt: Oben sind Sarastro und eine Businesslike gekleidete Elite, unten die naturund triebhaft gezeichneten Frauen mit ihrer abgehalfterten Königin der Nacht.

Aber eben, das ist es nicht so sehr, was McBurney interessiert. Das für heutiges Empfinden unsägliche Rollen- und Geschlechterbild, das Schikaneder und Mozart 1791 auf die Bühne bringen konnten, lässt der britische Regisseur und Schauspieler in seiner klischierten Plattheit praktisch unkommentiert stehen. Lieber nutzt er seine Rampe als Rutschbahn und hält sein Personal, angereichert durch acht Choristen und weitere zehn Bühnenfiguren in permanenter Bewegung. Immer wieder überraschen seine ebenso einfachen wie originellen oder poetischen Ideen. Vor allem aber auch ist diese «Zauberflöte» ein nur vordergründig einfaches Multimedia-Spektakel. Die Technik, die in solchen Fällen ganze Legionen von Stolpersteinen bereit hält, verzichtet normalerweise höchst selten auf ihre Tücken. Hier schon: Man hat mit einer enorm hohen Genauigkeit geprobt, jede Projektion stimmt auf Zentimeter genau, die Überblendungen von Live-Zeichnungen und Video gelingen bruchlos, und die live erzeugten Geräusche aus dem alchemistisch anmutenden Labor-Kasten von Marquis’ McGee gelingen in ihrem Timing stets perfekt.

Auch das Orchester wurde immer mal wieder einbezogen in diese Spielerei mit der Herstellung einer Oper – Papageno, der sich mit dem Glockenspiel abmüht, weil die dafür angestellte Tastenfrau zu lange Pause macht. Vor allem aber setzten sich die Musiker des Sinfonieorchesters Basel sehr achtbar in Szene. Die Bläser insbesondere im historischen Klangbild, mit Bassetthörnern, einem tollen Posaunentrio, tadellosen Naturhörnern und zwei Flötistinnen, die auch auf modernen Instrumenten dem Operntitel alle Ehre machten. Bei den Streichern führte die reduzierte Besetzung zu einem etwas gewöhnungsbedürftigen, manchmal in den höchsten Lagen etwas zirpenden Klangbild. Aber auch hier erwiesen sich historische Bogentechnik und der dosierte Einsatz von Vibrato als transparent und adäquat einem zeitgemässen Mozart-Klangbild. Francesc Prat, der katalanische Dirigent, setzte überwiegend auf runde Geschmeidigkeit und weniger auf Kontraste und Akzentuierungen. Da klang vieles ein bisschen brav, wenn auch nie unbelebt oder gar langweilig.

Regula Mühlemann, die Schweizer Bilderbuch-Sopranistin, hätte sich eigentlich die Salzburger Festspiele diesen Sommer für ihr Rollendebüt als Pamina ausgewählt, im Corona-gekürzten Programm hatte die «Zauberflöte» aber keinen Platz. Was für ein Kontrast: Statt im Scheinwerferlicht am wichtigsten Opernfestival der Welt sang sie nun vor 15 Zuhörern – und das Salzburg-würdig: Perfekte Intonation, strahlende Farben, berauschende Mühelosigkeit, intelligent gestaltete Linien ohne Manierismen, geschmackvoller Mozart-Gesang, wie sie es auf ihren zwei Mozart-CDs schon gezeigt hat. Ihre grosse g-Moll-Arie liess so viel Betroffenheit zurück, dass sich niemand zu applaudieren getraute. Aber auch Kai Kluge, der Tamino an ihrer Seite, musste sich kein bisschen verstecken: Ein rundes, warmes Timbre als Grundfarbe bis in die höchsten Höhen, aber durchaus auch eine schöne Portion Metall, wenn es die Situation erfordert. André Morsch sang einen ansprechend-soliden Papageno, die Königin der Nacht von Rainelle Krause erwies sich nicht nur höhenund koloraturensicher, sondern legte auch ganz schön viel schneidende Schärfe in ihre Rache-Arie. Die profunde Bass-Tiefe, die ein Sarastro haben sollte, brachte Patrick Zielke nicht wirklich über die Rampe. Sehr gut dagegen sangen die drei Damen, die drei Knaben von der Basler Knabenkantorei hingegen dürfen in Intonation und Präzision noch deutlich besser werden.

Sie hat eine glänzende Karriere hingelegt, diese Opernproduktion: 2012 erarbeitete sie McBurney für Amsterdam, bald war sie an der English National Opera und am Festival in Aix-en-Provence zu sehen. Danach schaffte sie es nicht nur auf eine DVD (mit Marc Albrecht), sondern wurde an zahlreichen Opernhäusern wieder aufgenommen. Benedikt von Peter hat sie jetzt als neuer Basler Intendant zur Schweizer Erstaufführung gebracht.

Reinmar Wagner

Mozart: «Die Zauberflöte». ML: Francesc Prat, R: Simon McBurney, mit Regula Mühlemann, Kai Kluge, Rainelle Krause, André Morsch, Patrick Zielke u.a.

Ausgabe: 03 - 2021