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Bild: Uli Weber / Decca

Cecilia Bartoli: «Die menschliche Stimme ist bei Weitem das intimste, persönlichste und expressivste Instrument.»

 

Die Weltklasse-Sopranistin Cecilia Bartoli singt ein Gala-Konzert bei Vaduz Classic
«Una serata 
italiana»
Seit 30 Jahren ist sie zu Hause auf den grossen Opernbühnen der Welt, ein Superstar ohne Skandale und Gerüchte, ohne Fehltritte und Abstürze: Die Karriere der Römer Sopranistin Cecilia Bartoli ist ein Musterbeispiel für eine rundum gelungene Sängerlaufbahn und für die professionell gemanagte Synthese von musikalischer Spitzenklasse mit allen Möglichkeiten des Marketings.

Reinmar Wagner

«Zum Glück werde ich 
in Vaduz nur singen, 
nicht auch noch kochen»

Vor sechs Jahren war es, da stilisierte sich Cecilia Bartoli als glatzköpfiger Mönch, der mit fanatischer Geste dem Betrachter das Kreuz entgegenhält. «Mission» hiess die CD (bei Decca), und sie war einem vergessenen Komponisten der Barockzeit gewidmet: Agostino Steffani (1654–1728). Er war nicht nur ein hochinteressanter und erstaunlich vielseitiger Musiker, sondern auch ein mit allen Wassern gewaschener Agent und Diplomat, gleichzeitig in den Diensten des protestantischen (!) Hannovers und des Vatikans. Seine Mission hiess Gegenreformation, Bartolis Mission dagegen kam ohne Intrigen und Doppel-Identitäten aus: Wiederentdeckung eines hochinteressanten Komponisten der Barockzeit.

Und dafür zog sie alle Register ihrer stimmlichen Fähigkeiten. Virtuose Koloraturfeuerwerke, angegangen mit Applomb und Attacke, begleitet von martialischen Trompetenfanfaren, eine Giacona, ganz unspektakulär sensibel gestaltet, das Glanzstück einer Pianissimo-Studie, ganz von der Sprache her gestaltet und trotz weit gespannter Linie angereichert mit zarten Farbschattierungen und passenden kleinen Verzierungsnuancen. Oder ein munteres Tanzliedchen mit schier überbordender koloraturgespickter Fröhlichkeit. Es war eine Demonstration von Vielseitigkeit – auf beiden Seiten: Von Agostino Steffani, der in seinen Opern ganz offensichtlich die interessantesten Elemente aus den Musikstilen seiner Zeit kombinierte – und von Cecilia Bartoli, die nicht nur das virtuose Koloratur-Feuerwerk abbrannte, sondern mit der gleichen Souveränität und Subtilität auch Linie, Legato und Sprache pflegte.

Stilsicheres Marketing

Es war eine jener Projekte, wie sie typisch sind für die nichts dem Zufall überlassende Karriereplanung von Cecilia Bartoli. Dabei zieht sie alle Register moderner Marketing-Methoden: Grosse Geheimniskrämerei, PR-Feuer auf allen Kanälen, Begleitinstrumente, wie Ausstellungen, Dokumentationen, fundierte Hintergrund-Informationen. Zu «Mission» etwa schrieb Donna Leon einen Roman (ohne Commissario Brunetti!), zur Tournee, die Bartoli der Diva der italienischen Romantik Maria Malibran widmete, gab es eine rollende Reliquien-Show in einem Lastwagen. Mit «Sacrificium» machte Bartoli nicht nur die Gesangskunst der Kastraten einem breiten Publikum bekannt, sondern wies auch auf das Schicksal Tausender Knaben hin, die dem «Coltellino» zum Opfer gefallen waren.

Es gibt nichts dagegen zu sagen: So souverän, wie sie diese Instrumente einsetzt, so sicher hat Cecilia Bartoli die Grenze zum Billigen oder Anbiedernden stets zu vermeiden verstanden. Und selbst, wenn sie einfach auf der Opernbühne steht, hat sie nie das Gefühl dafür verlassen, was ihrer Stimme im jeweiligen Moment gerade am besten passt. Die Rosina («Barbiere») ist der Angelina («Cenerentola») gewichen, der Cherubino der Susanna («Nozze di Figaro»), die Zerlina der Donna Elvira («Don Giovanni»), und immer wieder zeigt sie sich in den Opern Händels oder anderer Barockkomponisten, wie auf ihrer letzten CD im Duett mit Sol Gabetta und kaum bekannter Musik von Caldara, Albinoni oder Gabrielli («Dolce Duello», Decca 2017).

Immer wieder natürlich wird sie auf die Carmen angesprochen, eine der Paraderollen für einen Mezzosopran. Und immer wieder winkt sie dankend ab. Nicht für ihre Stimme geschrieben sei diese Partie, zudem habe in dieser Oper nicht Carmen die interessanteste Musik, sondern Don José und Micaëla. Überreden lassen wird sie sich nicht, sollte sie dereinst tatsächlich die Carmen auf der Opernbühne singen, dann werden eine handverlesene Besetzung und ein Dirigent wie ein Regisseur ihres Vertrauens ihre Partner sein. Und einmal mehr wird Cecilia Bartoli dann die ungeteilte Aufmerksamkeit der Opernwelt auf ihrer Seite haben, so wie sie das mustergültig bei ihrer Norma vorgemacht hat.

Vorerst bleibt sie bei dem Repertoire, in dem sie bewiesen hat, dass sie Massstäbe setzen kann. Am 18. Oktober hebt sich der Vorhang der Mailänder Scala über einer Neuproduktion von Händels «Giulio Cesare» in der Regie von Robert Carsen. Unter der Leitung von Giovanni Antonini singen neben Cecilia Bartoli, Bejun Mehta, Sara Mingardo, Philippe Jaroussky und Christophe Dumaux. Barockmusik also, da ist sie zu Hause, da passt ihre virtuose Stimme bestens.

Und beim Lucerne Festival ist sie im September zu erleben mit einer halbszenischen Version ihrer derzeitigen Paraderolle, der Angelina in Rossinis Oper «La Cenerentola», begleitet von Edgardo Rocha als Ramiro und dem eigens für diesen Anlass zusammengestellten Ensemble «Les Musiciens du Prince» unter der Leitung von Gianluca Capuano. Nach der Premiere in Monte Carlo schwärmte Cecilia Bartoli: «Ich empfand das als einen Abend der Superlative. Wir alle wollten dasselbe, waren im absoluten Gleichklang – das ist doch das Geheimnis einer richtig guten Aufführung.»

Keine Abstürze, keine Skandale, Diskussionen über die Wahl ihrer Rollen nimmt sie in der Regel das Heft bereits dadurch aus der Hand, dass sie nicht nur exzellent vorbereitet und seriös recherchiert auftritt, sondern auch in der Wahl ihrer Partner auf der Bühne und im Orchestergraben eine gute Hand bewies für Künstler, die zu ihrer musikalischen Ästhetik, und nicht zuletzt zu ihrer Stimme passen. So wurden Partien wie etwa ihre Norma zu zwar intensiv diskutierten, letztlich aber weitherum akzeptierten Rollenportraits.

Die Intendantin

Dieses Jahr leitete Cecilia Bartoli zum siebenten Mal die Salzburger Pfingstfestspiele, als deren Leiterin Alexander Pereira sie damals vorschlug, und im ersten Moment nicht nur Applaus für diese Entscheidung erhielt. Aber die Bartoli schlug sich auch auf diesem Feld souverän und sauber. Mühelos verband sie eigene Ambitionen mit den Erfordernissen eines interessant konzipierten Programms. Diese Pfingsten etwa unter dem Motto «1868 – Zeitenbrüche», was auf den ersten Blick gar nichts aussagt, auf den zweiten an Rossinis Todesjahr erinnert, das dieses Jahr zum 150. Mal wiederkehrt. Sie selber konzipierte sich das Rollendebüt als Isabella in Rossnis «Italiana in Algeri» in ihre Karriere, unter der Leitung von Jean-Christophe Spinosi und in einer Regie-Arbeit von Moshe Leiser und Patrice Caurier, die seit Jahren zu Bartolis favori-
sierten Regisseuren zählen. Die Produktion ist auch im Sommerprogramm der Salzburger Festspiele wieder zu sehen.

Darum herum programmierte sie Werke, die in jenem Jahr uraufgeführt wurden, etwa das Brahms-Requiem. «Ich war selber überrascht und begeistert, wie natürlich man den Weg von Rossini zu Brahms, Wagner, ja Tschaikowsky findet. Für mich persönlich bedeutete dieser Überblick auch eine Rückschau auf meine eigene Karriere. Sie begann vor 30 Jahren mit Rossini und führt mich nach Ausflügen in fernes Repertoire immer wieder zu ihm zurück, wodurch ich ihn ganz neu erleben und präsentieren darf.» Der Erfolg liess nicht auf sich warten: Auslastung diese Pfingsten in Salzburg: 97 Prozent.

Auch für 2019 hat sich Cecilia Bartoli ein schlüssiges Programm für die Pfingsttage ausgedacht, und knüpft damit an an ihre CD «Sacrificium», auf der sie sich der Kunst der Kastraten widmete. «Wir konzentrieren uns dabei auf den letzten, glanzvollen Höhepunkt, den die Begeisterung für diese Stimmen in der Geschichte der klassischen Musik erlebte», sagt Bartoli. Und meint damit die 1730er-Jahre in London, als die Opernunternehmer Händel und Porpora wetteiferten um die Gunst der fast schon hysterisch bejubelten Kastraten-Superstars Senesino, Caffarelli und Farinelli. «Zugleich möchten wir zeigen, welchen nachhaltigen Eindruck die Musik und der Gesang der Kastraten auf die Musikliebhaber der damaligen Zeit machten. Wir möchten diese atemberaubende Musik wiederauferstehen lassen – ohne den Ruin zu riskieren.» Das Schicksal Händels wird Cecilia Bartoli in Salzburg erspart bleiben, so viel ist sicher.

Denn auch hier überzeugen nicht nur der Glamour-Faktor, den eine neue «Alcina» mit ihr selbst in der Titelrolle, mit Philippe Jaroussky und Sandrine Piau mitbringen werden. Sondern auch programmatisch der direkte Vergleich mit Händels damaliger Konkurrenz, der heute natürlich vergessenen Oper «Polifemo» von Nicola Porpora. Damit der Vergleich zu Händel nicht zu klar ausfällt, singen auch da mit Max Emanuel Cencic und Julia Lezhneva zwei Opernstars mit Glamour-Faktor.

Una Serata italiana a Vaduz

Aber davor nun singt sie am 24. August in Liechtenstein beim jungen Festival Vaduz Classic. Ein Galakonzert mit anschliessendem Dinner ist geplant, das Programm stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest, aber so viel verriet Cecilia Bartoli, dass es einen italienischen Liederabend geben wird, am Klavier begleitet von Antoni Parera Fons. Nach den Kriterien für die Auswahl ihrer Lieder befragt, antwortet Cecilia Bartoli: «Es macht mir grosse Freude, ein solches Konzert zu programmieren. Das italienische Lied liegt mir sehr am Herzen, und es gibt in diesem wenig bekannten Repertoire eine ganze Reihe kleiner Juwelen, die ich gerne einem breiten Publikum vorstellen will.»

Diese Stücke stehen gerade in Italien im Schatten der grossen Oper, aber für die Sopranistin verhält es sich eigentlich umgekehrt, denn diese Lieder seien die Keimzelle, das «wirkliche Herz» der italienischen Musik: «Alle die grossen italienischen Opernkomponisten wie Rossini, Bellini, Donizetti und auch Puccini sind inspiriert worden durch das Lied und haben zahlreiche eigene «Melodien» komponiert. Diese Werke sind voller Inspiration und leuchtenden Farben, sie sind unglaublich melodiös, wunderbar für die Stimme und sehr dankbar zu singen. Sie transportieren uns sofort mitten in eine Atmosphäre von wahrer «Italianità»: romantisch, leidenschaftlich und brillant.»

Die Brillanz der grossen Opernszenen geht den Liedern meistens ab, zudem hat man als Begleitung «nur» ein Klavier. Ist es nicht nachvollziehbar, dass in der Beliebtheit des Publikums das Lied weit hinter der Oper nachsteht? «Das Lied ist eine wundervolle Fusion zwischen Musik und Text», hält Bartoli fest. «Die Interpretation in diesem Genre hängt sehr stark von der Aufmerksamkeit ab, welche die Sänger den Wortbedeutungen beimessen. Wenn man sehr vertraut ist mit den Texten, kann man anfangen, mit diesen Bedeutungen zu spielen. Ein guter Liedsänger kann den Ausdruck verfeinern und in jedem dieser Lieder eine eigene kleine Geschichte erzählen, sogar eine kleine Welt erschaffen.»

Als Liedsänger sei man ein Geschichten-Erzähler, sagt Bartoli, ganz anders als in der Oper, wo man eine Figur und ihre Emotionen zum Leben erwecken kann. Und auch die vergleichsweise kleinere Popularität dieser Form sieht sie nicht als wirkliches Problem: «Das Lied hat immer sein Publikum gehabt, und wie immer in der Musik und überall in der Kunst ist es unsere Aufgabe, die Begeisterung immer von Neuem zu wecken, uns immer wieder neu zu erfinden. Wohin wir auch schauen, es gibt so viele gute Sänger, und die menschliche Stimme ist bei Weitem das intimste, persönlichste und expressivste Instrument – sie wird immer Zuhörer finden für den Liedgesang. Wenn wir unser Publikum überzeugen wollen, geht es eigentlich immer um die Grundfragen von Qualität und Leidenschaft: Für mich heisst das, dass ich mir wirklich die Zeit nehme, mich fundiert vorzubereiten, die Partituren zu studieren und sorgfältig ein Programm zusammenstelle. Und natürlich ist es eine riesige Freude für mich, die Musik, die ich liebe, mit meinem Publikum zu teilen.»

Und angesprochen auf die Tatsache, dass anschliessend an ihr Vaduzer Galakonzert ein Dinner serviert wird, verbunden mit der Frage, was sie denn zu ihrem Lied-Programm Passendes kochen würde, sagt la Bartoli: «Zum Glück werde ich nur singen, nicht auch noch kochen. Aber da das Konzert im August stattfindet, hoffe ich doch, dass das Menü eine gewisse sommerliche Frische ausstrahlen wird, mit saisonalen Gemüsen und – warum nicht – die Inspiration durch einen gewissen italienischen Touch zeigen wird. Aber ehrlich gesagt, bin ich ganz glücklich, dass ich mich in dieser Frage vom Koch überraschen lassen darf.» ■

 

Das Konzert in Vaduz

24. August, 18.00 Uhr, Vaduzersaal

Cecilia Bartoli, am Klavier begleitet von Antoni Parera Fons.

Galakonzert mit der Möglichkeit zu einem anschliessenden Dinner.

Programm und Karten: www.vaduzclassic.li

Die aktuelle CD

«Dolce Duello»: Cecilia Bartoli im Duett mit Sol Gabetta. Musik von Caldara, Albinoni, Gabrielli, Vivaldi, Händel, Porpora, Boccherini. Cappella Gabetta, Andres Gabetta (Leitung). Decca.

Ausgabe: 09 - 2018