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musik

Bilder: Mats Bäcker

«Tradition ist auch nicht einfach nur schlecht.»

 

Martin Fröst spielt Mozart mit dem Royal Stockholm Philharmonic Orchestra unter Sakari Oramo
«Tiefe Gefühle brauchen Zeit»
Martin Fröst spielt das epische Konzert von Mozart, ist aber auch bekannt für seine Konzert-Konzepte, in denen er die 
traditionellen Formen aufbricht. Der schwedische Klarinettist ist aber nicht einfach ein Revolutionär, sondern ein kluger und 
differenziert abwägender Interpret, der Werte, wie Tradition oder Bedachtsamkeit durchaus zu schätzen weiss.

Reinmar Wagner

«Tradition ist auch nicht einfach nur schlecht»

M&T: Martin Fröst, Sie haben das Klarinettenkonzert von Mozart schon über tausendmal gespielt, wie Sie selber sagen. Wird es Ihnen nie langweilig? Denken Sie nie: bitte nicht schon wieder?

Martin Fröst: Nein, bei Mozart nie. Man muss sich immer fragen: Was tue ich, und wie tue ich es und wo soll das hinführen. Ich bin jetzt 48 Jahre alt, und beginne tatsächlich, ein wenig auszuwählen, wofür ich meine Energie einsetzen will, und mich zu konzentrieren auf das, was mir immer noch sehr wichtig ist. Ich bin beim Standardrepertoire ein bisschen selektiv geworden, während ich früher alles gespielt habe.

M&T: Gross ist es nicht, das Standardrepertoire für die Klarinette.

Martin Fröst: Immerhin haben wir gegen zwanzig Konzerte: Crusell, Weber, Rossini, Debussy, Nielsen, Lutoslawski, Penderecki – und eben Mozart. Langweilig wird es nicht. Und ich habe es nicht ungern, wenn ich ein paarmal hintereinander zum Beispiel das Konzert von Copland spielen kann. Das finde ich besser, als abwechslungsweise alle zwanzig Konzerte aufzuführen. Es tut gut, sich immer wieder in verschiedenen Tonsprachen zu bewegen, aber es tut auch gut, in der einen oder anderen in die Tiefe zu gehen.

M&T: Können Sie bei Mozart noch tiefer gehen?

Martin Fröst: Ja, ich lerne immer noch Neues – Kein Witz! Wenn du nicht lernst, nicht ständig aufmerksam bist, dann könnte es tatsächlich langweilig werden. Aber ich schaue mir ständig wieder neue Dinge ab, wie die Streicher phrasieren mit ihren Bögen zum Beispiel. Oder den verschiedenen Dirigenten, wie sie immer auch wieder andere Details heraus-
arbeiten. Und das transformiere ich für mich, mache es zu meinem eigenen Wissen und Können. So ist für mich das Mozart-Konzert noch immer ein sehr grosses Vergnügen. Was ich eher weglege, sind ein paar von den neueren Stücken, die mir nicht wirklich sehr gut liegen.

M&T: Zum Beispiel?

Martin Fröst: Das ist eine heikle Frage, weil diese Komponisten ja noch leben. Aber es ist auch eine gute Frage, hauptsächlich wenn man nach dem Warum fragt. Man kann manchmal ziemlich lange nachdenken, was man eigentlich ausdrücken und sagen will in einer Musik, aber es gibt immer wieder auch Stücke, in denen ich wenig finde, was ich persönlich damit sagen könnte. Und dazu kommt: Neue Stücke werden oft einmal uraufgeführt und dann kaum je wieder gespielt. Das möchte ich vermeiden. Ich setze mich lieber ein für diejenigen neuen Stücke, die mir wirklich wichtig geworden sind: Das Klarinettenkonzert von Anders Hillborg zum Beispiel habe ich etwa 300 Mal gespielt, für eine Aufführung des Konzerts von Kalevi Aho nehme ich jede Gelegenheit wahr.

M&T: Geht es auch darum, für Ihr Instrument neues Standardrepertoire zu etablieren?

Martin Fröst: Ja, genau, darum geht es.

M&: Noch einmal zurück zu Mozart: Welches Instrument wählen Sie für dieses Konzert? Mozart schrieb es für die etwas tiefere Bassett-Klarinette.

Martin Fröst: Darauf spiele ich es auch. Es ist kein historisches Instrument, wie bei den Bläsern eigentlich nie, sondern eine Rekonstruktion. Aber das habe ich immer so gehalten, seit ich 17 bin. Zudem lasse ich mir gerade eine Buchsbaum-Klarinette nach historischem Vorbild bauen und damit will ich es noch einmal aufnehmen mit dem Schwedischen Kammerorchester, das ich seit diesem Jahr leite.

M&T: Sie haben es auch oft mit Originalklang-Ensembles gespielt. Was ändert sich, wenn Sie, wie jetzt mit dem Royal Stockholm Philharmonic Orchestra, mit einem traditionellen Sinfonieorchester Mozart spielen?

Martin Fröst: Eigentlich ändert sich kaum etwas. Auch die Dirigenten und Orchestermusiker gehen nicht taub durch die Welt und sind informiert über die Möglichkeiten der Interpretation. Aber es geht nicht nur um historisches Wissen, sondern auch um Geschmack: Jede Generation hat ihre Ideale und Vorlieben. Wenn wir Beethoven von Karajan oder Beethoven von Paavo Järvi hören, liegen Welten dazwischen. Auch meine eigenen Aufnahmen werden in zwanzig Jahren altmodisch klingen, so traurig dieser Gedanke auch ist.

M&T: Zeitlose Gültigkeit gibt es in der Musik also nicht?

Martin Fröst: Natürlich gibt es herausragende Künstler, deren Aufnahmen wir immer noch gerne hören. Aber wir gehen nicht hin, und spielen wie sie. Wir hören sie gerne, aber wir hören in ihren Interpretationen immer auch ihre Epoche und den Geschmack ihrer Zeit. Deswegen sollten wir uns auch immer bewusst sein, welche Bedeutung die klassische Musik für unsere Zeit haben kann, in der alles verfügbar ist. Spotify wird nicht mehr verschwinden, es wird immer und überall alles verfügbar sein. Und da fragt man sich als Künstler schon: Was kann ich tun in diesem Umfeld? Macht es Sinn, ein weiteres Mal das Mozart-Konzert einzuspielen? Auf der anderen Seite ist das Live-Erlebnis eines Konzerts immer noch jedes Mal ein einzigartiger Moment, der vielleicht an Wichtigkeit und Wert gewinnt.

M&T: Was kann ein Künstler in diesem Umfeld tun, um den Moment speziell zu machen? Mozart noch ein bisschen verschiedener spielen als das letzte Mal?

Martin Fröst: Gute Ideen sind immer gut, wenn sie gut sind. Die Szene der klassischen Musik bewegt sich eher langsam, und man kann Veränderungen kaum puschen. Auch ich bin ein eher langsamer Mensch in solchen Fragen, aber ich mag es, meine Arbeitstagebücher durchzulesen und zu sehen, was aus meinen Ideen geworden ist. Man braucht Begleiter und Partner, die ein Projekt, wie «Retrotopia» mittragen, das ich mit dem Stockholm Philharmonic erarbeitet habe. Ein Orchester muss solche Ideen mit Überzeugung mitmachen wollen. Ich habe viel ausprobiert, dass die Orchestermusiker stampfen und singen zum Beispiel, und man muss zusammen herausfinden, was passt und was eher nicht geht. Dann spielt die Akustik eine Rolle, der Raum spielt eine Rolle, das Publikum. Ich weiss nicht, ob «Retrotopia» das Beste ist, was ich tun kann, aber ich möchte etwas tun, was mich, meine Mitspieler und das Publikum ansprechen und begeistern kann. Und dann Mozart spielen!

M&T: Das könnten Sie ja auch auf einer solchen Tournee, wie den Migros-Kulturprozent-Classics tun.

Martin Fröst: Das mache ich immer wieder, dass ich zumindest Teile daraus als Zugabe spiele. Aber die Tradition ist ja auch nicht einfach nur schlecht, sie gibt uns Rückhalt. Wir haben eine Vergangenheit. Wenn man Komponisten sieht, die keine Verbindung zur Tradition haben oder sie bewusst negieren, die keine Ahnung von einem Orchester oder der Form einer Sinfonie haben, dann bin ich immer ein wenig beunruhigt.

M&T: Sie verbinden in Ihren Konzert-Projekten, wie «Dollhouse» oder «Retrotopia» alte und neue Musik und Performance zu einer Art «Gesamtkunstwerk». Wie kommen diese Programme an?

Martin Fröst: «Dollhouse» habe ich zuerst nur in Schweden machen können. Niemand sonst wollte das Programm. Bei «Genesis» gab es dann die CD, und danach wollten es die Leute. «Retrotopia» haben sie schon gekauft, bevor sie es gehört haben. Es gibt Widerstände, die man überwinden muss, aber auch Resonanz. Man schafft auch Vertrauen. Viele Veranstalter sind sehr besorgt um ihr traditionsbewusstes Publikum und programmieren lieber ohne Risiko.

M&T: Was wird man von Ihnen in nächster Zeit auf CD hören?

Martin Fröst: Mit meiner Buchsbaum-Klarinette spiele ich Vivaldi mit Concerto Köln oder ein klassisches Projekt rund um Mozart mit dem Schwedischen Kammerorchester. Ich habe es immer so gehalten, dass ich das Standardrepertoire pflege, sowohl für mich, als auch für das Publikum. Ich habe das alles gespielt und vieles aufgenommen auf einem Level, auf dem ich mich hören lassen kann. Das war meine Visitenkarte. Wenn man sich einmal eine solche Plattform erarbeitet hat, wird man auch mutiger für ungewöhnliche Projekte. Mit 25 oder 30 war ich viel besorgter um meine Karriere als heute, wo ich weiss, dass auch ein Hillborg bestens beim Publikum ankommt.

M&T: Was ist Ihr Erfolgsgeheimnis?

Martin Fröst: Vieles kommt zurück, was wir in das Instrument hineinstecken, was wir an Energie und Engagement geben. Ich habe kürzlich gelesen, dass die Tatsache, dass wir uns heute weniger lange konzentrieren können, dass wir ständig abgelenkt werden, auch Auswirkungen hat auf die Entwicklung unserer Gehirne. Und dass tiefere Gefühle, wie zum Beispiel Trauer, Zeit benötigen, um in unserer Seele verarbeitet zu werden. Anderes geht sehr schnell, Ärger zum Beispiel. Aber für die tieferen Gefühle ist mehr Zeit nötig, und da kann die klassische Musik mit ihren langsamen Abläufen helfen. Ich habe kürzlich das Klarinettenquintett von Brahms gespielt: Die Stille nach dem ersten Satz war sehr gross und sehr lange. Dadurch erhielt die folgende Musik des Adagios eine Spannung und Tiefe, die unglaublich intensiv war, auch für uns Spieler. Danach war das Schweigen noch länger, man hatte das Gefühl, dass die Menschen sich kaum zu atmen getrauten. Solche Erlebnisse vergisst man nie mehr, das sollte unser Ziel sein, ganz egal, mit welchem Repertoire. ■

Migros-Kulturprozent-Classics

Martin Fröst, Klarinette Royal Stockholm Philharmonic Orchestra Sakari Oramo, Leitung Zürich, Tonhalle Maag, 20. März 2019, 19:30 Uhr Genf, Victoria Hall, 21. März 2019, 
20:00 Uhr Luzern, KKL, 22. März 2019, 
19:30 Uhr Rolf Lieber ... Weiter

Mozart-Konzert

Im Dezember war Martin Fröst mit Mozarts Konzert bereits in der Schweiz zu hören, zusammen mit dem Basler Sinfonieorchester unter Ivor Bolton. Den Saal zum Kochen aber brachte er vor allem mit seiner Zugabe: Sie weint und schreit und schluchzt, die Klarinette von Martin Fröst, sie jubelt und hebt ab zu atemberaubenden Skalenläufen und ... Weiter
Ausgabe: 03 - 2019