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theater

Bild: DRAMA/Barbara Braun

Zwei Weltanschauungen prallen aufeinander: Frank Castorf und Chris Dercon.

 

Vom unerbittlichen Richtungskampf um die Zukunft der Berliner Volksbühne
Theaterstreit 
in Berlin
Frank Castorfs Volksbühne repräsentiert in vielfacher Hinsicht das Selbstverständnis der deutschen Hauptstadt: den Hang zum 
Chaos, zur Zerrissenheit, zu lautstarker Widerspenstigkeit und einem zähen Überlebenswillen. Nach 25 Jahren wird im Sommer 2017 damit Schluss sein. Berlins Kultursenator Tim Renner verlängerte den Vertrag nicht mehr und engagierte Tate Modern-
Kurator Chris Dercon als Nachfolger. Er wolle ein «Globaltheater für das 21. Jahrhundert» erschaffen, liess sich der erfolgreiche Kulturmanager selbstbewusst vernehmen. Musik & Theater-Autorin Meike Matthes beleuchtet und kommentiert.

Meike Matthes

 

Am 17. Juli 2016 gratulierte Tim Renner, der Berliner Staatssekretär für Kultur, dem Volksbühnen-Intendanten Frank Castorf zum 65. Geburtstag. Ein Vorgang, der eigentlich selbstverständlich sein sollte, nicht der Rede wert. Nun ist es aber so, dass rund um die Berliner Volksbühne seit 18 Monaten ein Streit lodert, der wie ein Lauffeuer den deutschen Kulturbetrieb entzündet hat, so dass jedes öffentlich geäusserte Wort zum Thema Volksbühne zum Öltropfen gerinnt, der in der chronisch schwelenden Debatte feuersbrunstartige Empörungsreaktionen hervorruft und so das wie ein Flächenbrand um sich greifende, von den Medien zum «Kulturkampf» hochgereizte Theatergezänk neu entflammt.

Denn eben jener Kulturstaatssekretär, der zuvor als Musikproduzent und Popautor tätig war, hatte im März 2015 beschlossen und verkündet, dass Frank Castorfs mit der Spielzeit 2016/17 endender Intendanten-Vertrag nicht verlängert würde und damit die Volksbühnenära Castorf nach 25 Jahren offiziell beendet sei. Nicht nur Frank Castorf hielt diese Entscheidung für verfehlt. Es hagelte Protestbekundungen und Solidaritätsadressen. Selbst abtrünnige Castorf-Anhänger gingen auf die Barrikaden. Verständlich, denn für Berlin ist die Volksbühne längst viel mehr als eine nostalgische Kultstätte des antibürgerlichen Alternativ-und Subversiv-Theaters. Sie ist eine steinerne Legende, eine Art Wahrzeichen der deutschen Hauptstadt und deshalb auch – wie einst die Schaubühne – ihr vielleicht ausdrucksvollstes Aushängeschild. Denn das Theater, das in der bunkerartigen Trutzburg am Rosa-Luxemburg-Platz beheimatet ist, Castorfs Theater, repräsentiert in vielfacher Hinsicht das Selbstverständnis Berlins: den Hang zum Chaos, zur Zerrissenheit, zur Unverschämtheit, die immer etwas schmuddelige, kaputte, versehrte und dennoch aufmüpfige Chuzpe, die enervierende, lautstarke Widerspenstigkeit, den zähen Überlebenswillen.

Doch erst, als sich herumsprach und schliesslich bestätigte, wer Castorfs Nachfolge antreten soll, erwuchs aus der Glut der Erregung ein diskursives Inferno: Chris Dercon, der weltweit erfolgreich agierende Kurator und Leiter der Tate Modern, ein alerter, beziehungsreicher und kommunikationsbegabter Kultur-Netzwerker ohne Theatererfahrung, wurde zum Erneuerer der Volksbühne ausgerufen. Er solle, so Tim Renner, ein experimentelles, spartenübergreifendes Theater kreieren, das die Grenzen der Kunst erforsche und eine globale Perspektive einnehme, um die «zentralen gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Fragen» zu verhandeln. Ein «Labor Europas» solle die Volksbühne in Zukunft sein. Der designierte Intendant stapelte rhetorisch noch höher: Ein «Globaltheater für das 21. Jahrhundert» wolle er erschaffen.

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Es ist nicht zuletzt diese aus hohlen Phrasen und wolkigen Allgemeinplätzen sich summierende Unbestimmtheit, diese grosstönende Inhaltsleere, die den Verdacht nährt, dass Chris Dercon zwar über viele Kontakte zu namhaften Künstlern und ihren Projekten, aber nicht über ein profiliertes Konzept für ein ästhetisch ambitioniertes und zugleich politisch engagiertes Ensemble-Theater verfügt. So stehen auch seine Fürsprecher argumentativ mit nahezu leeren Händen da. Sie klammern sich an die Überzeugung, dass die Bildende Kunst eine wichtige «Inspirationsquelle» für das Theater sei, die innovative, interdisziplinäre Projekte von globaler Bedeutung ermögliche. Und sie beschwören das klischeehafte Feindbild eines totsubventionierten, strukturell verknöcherten und ästhetisch verstaubten Stadttheaters, das in seiner Austauschbarkeit längst zum nostalgisch verklärten Anachronismus geworden sei und eine antiquierte Kunst vertrete, die mit unserer sich beschleunigenden Zeit nicht mehr Schritt halten könne.

Die Gegner der Dercon-Intendanz sind nicht nur in der Mehrheit, sondern fahren auch die grösseren Geschütze auf, um ihrer nicht ganz paranoia-freien Abneigung gegen eine neoliberalistisch geprägte, der «Aufmerksamkeitsökonomie» einer globalisierten Marktwirtschaft unterworfene Konsens-Kunst, wie sie von Chris Dercon vertreten werde, Ausdruck zu verleihen. Ein Kunstmanager, dessen Stärke es sei, unterschiedlichste Ideen, Fantasien und Energien gelenkig und geschmeidig zu vernetzen, sagt der Schaubühnen-Dramaturg Bernd Stegemann, könne kein Theater leiten, dessen unverwechselbare Radikalität eben nicht aus Vielfalt und Abwechslung, sondern aus dem konzentrierten Zusammenspiel der von ihrer gemeinsamen Arbeit geprägten Künstler resultiere. Die beliebige Aneinanderreihung von eingekauften und fremdproduzierten Einzel-Projekten verhindere eine «nachhaltige Profilierung», wie sie aus der «Vitalität des Ensemble-Prinzips» erwachsen könne.

Am pointiertesten (und politisch inkorrektesten) artikuliert die «WELT», warum die «Labor Europa»-Vision am Rosa-Luxemburg-Platz keine Heimstatt finden solle: Die Volksbühne sei nicht dafür weltberühmt geworden, dass «einbeinige albanische Transgender-Performer die Verbrechen der Deutschen im Herero-Krieg nachtanzen, sondern weil Sophie Rois, Henry Hübchen und Martin Wuttke dort spielten.» Auch Castorf selbst, der niemals müde wurde, zu versichern, dass er am liebsten lebenslang den Volksbühnen-Häuptling gegeben hätte, nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn er gefragt ist, sich über seinen Nachfolger zu äussern: Zu einem «Appendix der Berliner Tourismusbranche» werde der die Volksbühne umfunktionieren, und wenn dieses Projekt ökonomisch scheitern solle, dann könne man «aus dem Haus noch immer eine Badeanstalt machen».

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Bert Neumann, Frank Castorfs langjähriger Bühnenbildner, liess über dem Volksbühnenportal eine Fahne flattern, die mit einem Wort sagte, wie sich die Mitarbeiter des Hauses angesichts des bevorstehenden Intendantenwechsels fühlten: «Verkauft» – und er sprach aus, was zu befürchten war: Dass keiner der Künstler, die unter Castorf bis zur Selbstüberforderung intensiv gearbeitet hätten, bereit sein würde, dieses auch für einen anderen Intendanten zu tun.

Ohne Übertreibung kann man sagen, dass Bert Neumann, der Architekt der Volksbühnen-Ästhetik (und damit auch der – unfreiwillige – Erfinder des Hipster-Trends und Berlin-Mitte-Hypes) der aus Ruinen auferstandenen, sich wiedervereinigenden und fieberhaft nach einer neuen Identität suchenden Hauptstadt ihr unverwechselbares Gesicht gegeben hat. Die identitätsstiftende Ausstrahlung der Volksbühne, diese von Obsession und Renitenz geprägte radikale Eigenwilligkeit, hätte sich ohne seine kreative Oberhoheit, seine schier unerschöpfliche Inspirationskraft, nicht entfalten können.

Deshalb war es ein schwerer Schock für die immer noch mit ungebrochenem Widerstand um künstlerische Selbstbehauptung kämpfende Castorf-Fraktion, als Bert Neumann am 30.Juli 2015 überraschend starb, mit erst 54 Jahren. Damit war es unwiderruflich und endgültig erloschen, das die Stadt erleuchtende Volksbühnenwunder. Eine düstere Stille senkte sich über die gerade noch so aufgeregte «Ensemble-versus-Event»-Debatte.

Zeit für den umstrittenen zukünftigen Intendanten, sich zu profilieren und sein angegriffenes Renommee aufzupolieren. Anlässlich einer Podiumsdiskussion zum Thema «Zukunft der Kulturmetropole Berlin» bekannte der belgische Hochkulturmacher sich selbstbewusst zu seinem Anything-goes-Konzept: Das sei das Wesen der Kunst, dass in ihr alles möglich sei – was soll daran falsch sein? Er verriet, dass er eine Bespielung des Stadtraums beabsichtige, dass er damit eine «programmatische Achse zwischen Strategieräumen» entwickeln wolle, wobei der zentrale «Strategieraum» der stillgelegte Flughafen Tempelhof sein werde. Nun hat das Berliner Abgeordnetenhaus zwar gerade beschlossen, dass auf dem Tempelhofer Flugfeld neue Flüchtlingsquartiere gebaut werden sollen, das aber ist für Dercon kein Problem, sondern eine Frage der Vernetzung von Interessen: «Strangeness» und «Otherness» seien auf jeden Fall integrative Bestandteile seines Konzeptes. Die «neue urbane Konstellation», also die Vernetzung der Volksbühne/Mitte mit dem Tempelhofer Feld/Neukölln, verbinde ausserdem «die Architekturentwürfe der frühen Moderne von Poelzig, Kaufmann und Sagebiel mit den fluiden Architekturen der digitalen Medien».

Spätestens nach diesen Worten begreift man, dass die Befürchtungen der Dercon-Gegner nicht ganz unbegründet sind. Dass der intellektuell-proletarische Kunst- und Lebensentwurf der Castorf-Volksbühne in Zukunft möglicherweise einer elitären, polyglott gewandeten Weltfremdheit weichen muss, die weite Teile der bisherigen Volksbühnen-Klientel ausgrenzen und sich an ein avantgardistisches Bildungsbürgertum wenden wird – eine originalitätssüchtige Jet-Set-Kultur-Elite, die quer durch Europa von Event zu Event tingelt und Kunst für eine Parallelwelt hält, einen Gegenentwurf zum Alltagsleben.

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Und plötzlich empfindet man es nicht mehr als Widerspruch, dass ausgerechnet die Volksbühne, die 1992, drei Jahre nach dem Mauerfall, in einer Zeit des politischen und kulturellen Aufbruchs, zum Zeitgeist-Motor einer zukunftsorientierten Neugier wurde, sich nun wie ein Bremsklotz gegen Erneuerung und Veränderung zu sträuben scheint. Denn vielleicht ist die sich immer schneller drehende Welt an einem Punkt angekommen, an dem sie durchzudrehen droht, im Leerlauf vor sich hin rotierend. Und jeder vermeintliche Fortschritt ist womöglich ein Rückschritt, weil er uns «alles Mögliche» bringt, Möglichkeiten im Überfluss, die uns den Blick verstellen für das Nötige, das Wesentliche, die Werte, die es zu bewahren gilt.

Für das Theater, das in den vergangenen Jahrzehnten so bewegungsbedürftig war, so vehement mit der Zeit gegangen ist, das in seinem Neuigkeitsbegehren so vieles ausprobiert hat, so viele neue Ausdrucksformen, dass der ständige Grimassenwechsel ihm sein Gesicht zu nehmen droht – für dieses hyperaktive, hyperflexible Theater geht es jetzt womöglich darum, innezuhalten, sich zurückzubesinnen auf seine Ursprünge und Eigenarten und sich auf das zu konzentrieren, was das Theater von anderen Künsten unterscheidet, seine forcierte Menschlichkeit, seine berührend-unmittelbare Erzählkunst, die aus dem Zusammenspiel erwächst, dem Ensemble-Spiel.

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Kein Wunder also, dass sich die Mitarbeiter der Volksbühne zum Ende der vergangenen Spielzeit in einem Offenen Brief gegen den Intendantenwechsel aussprachen: «Dieser Intendantenwechsel ist keine freundliche Übernahme. Er ist eine irreversible Zäsur (…) er steht für historische Nivellierung und Schleifung von Identität. Die künstlerische Verarbeitung gesellschaftlicher Konflikte wird zugunsten einer global verbreiteten Konsenskultur mit einheitlichen Darstellungs- und Verkaufsmustern verdrängt.»

Dass ein neuer Intendant von seinen zukünftigen Mitarbeitern so einstimmig und in aller Öffentlichkeit zurückgewiesen wird, ist ein bislang nie dagewesener Vorgang. Wie Chris Dercon unter diesen Umständen in einem Jahr seine künstlerische Arbeit aufnehmen soll, ist völlig unersichtlich. Zumal die Fronten mittlerweile völlig verhärtet sind, und der Berliner Kulturstaatssekretär, dessen Aufgabe es wäre, in dieser Situation zu moderieren, zwischen den verfeindeten Parteien diplomatisch zu vermitteln, stattdessen lieber seine eigenen Hühnchen rupft.

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Womit wir wieder auf Tim Renners Geburtstagsworte zurückkommen wollen, die vom Feuilleton dankbar aufgenommen wurden: Was für ein herrliches Sommertheater! Zuvor aber sollte man vielleicht noch erwähnen, dass natürlich auch Claus Peymann sich zum Volksbühnenstreit geäussert hat. Der Intendant des Berliner Ensembles inszenierte sich zwar bislang bei jeder Gelegenheit als Castorfs Erzfeind, aber da auch er zur Spielzeit 2017/18 widerwillig sein Zepter niederlegen muss, hat er in seinem einstigen Rivalen offenkundig den Leidensgenossen entdeckt. Also sprach der Grosse Claus: «Vernetzten Blödsinn gibt es schon genug», womit er Chris Dercon kurzerhand abgehakt hatte und sich seinem eigentlichen Feindbild, dem Kulturstaatssekretär Renner zuwenden konnte, der für ihn ein «leeres nettes weisses Hemd» ist, «einer dieser Lebenszwerge, die jetzt überall die Verantwortung haben» und in seinem Amt «die Fehlbesetzung des Jahrzehnts», da er nicht nur keine Ahnung vom Theater, sondern darüber hinaus «keinerlei Geschichtsbewusstsein, keinen Hintergrund» habe.

Tim Renner schien diese öffentliche Diskriminierung locker weggesteckt zu haben. Im Rahmen seiner befremdlich anmutenden Glückwunschrede (in der er «Frank» mit gönnerhaftem Schulterklopfen zum «Punk» ernennt, der aus der Volksbühne «sein ganz persönliches Bayreuth» habe machen wollen, was natürlich verhindert werden musste) trägt er eine kleine Anekdote vor: Da habe er doch mal mit Castorf und Peymann bei einem Abendessen gesessen, und da habe der «Frank» gesagt: «Bevor ich hier überhaupt irgendetwas sage, möchte ich erst mal zu Protokoll geben, wie sehr ich Claus Peymann und seine Arbeit verabscheue….» Was ihn dazu veranlasse, zu versichern: «Sollte er mal am BE inszenieren, werden wir es vorher ausräuchern. Da wohnt Peymanns Geist.» Diplomatie? Souveränität? Charakter? Daran scheint es dem Herrn Staatssekretär ein kleines bisschen zu mangeln.

Wenigstens ist damit aber der Beweis erbracht, dass man so einen Kulturkampf auch auf Kindergarten-Niveau führen kann. Und wir können uns sicher sein, dass das Theater ums Theater weitergehen wird, als Tragödie, Komödie oder Tragikomödie, auf jeden Fall aber als Drama in viel zu vielen Akten.

«Vorsicht! Volksbühne!» lautete das Motto, mit dem die Castorf-Bande vor fast 25 Jahren antrat, um einen Mythos ins Leben zu rufen. Chris Dercon dürfte gemerkt haben, dass hinter diesem Warnruf noch immer jede Menge Angriffslust lauert.■

Ausgabe: 09 - 2016