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kolumne

Theater zum Verlieben
Wie gutes Theater jede vom Dramatiker mit Text unterversorgte Schatten-Existenz in eine sonnenverwöhnte Orchidee verwandeln kann

Meike Matthes

Mein Erster war Camille. Er war anders als die anderen gescheiterten Weltverbesserer, die mit narzisstischen Schwanengesangs-Litaneien ihren eigenen Untergang zelebrierten. Unter den Revolutionären, die sich in selbstmitleid­trunkener Redseligkeit auf ihren Gang zum Schafott vorbereiteten, war er der stillste, jüngste, unschuldigste, emotionalste und – zweifellos – hübscheste Mann. Der einzige, der wahre Worte sprach, statt grosse Töne zu spucken: «Höre Danton, unter uns gesagt, es ist elend sterben müssen.» Der einzige, der von seinen ko-revolutionären Leidensgenossen ausschliesslich beim Vornamen genannt wurde oder zärtlich «mein Junge». Und mir wurde schnell klar: Dabei hatte sich Büchner etwas gedacht.

Ich hätte das Stück ja «Camilles Tod» genannt, aber ich wusste, der 21-jährige Medizinstudent Georg Büchner, selbst politisch agierend und agitierend und deshalb auf der Flucht vor einer drohenden Verhaftung, brauchte das Geld und deshalb einen plakativen verkaufsfördernden Titel. Für mich allerdings war dieser märtyrerphrasendreschende Fatalismus-Fetischist Georges Danton mitsamt seiner künstlerisch wertvollen Thermidor-Misere nicht wirklich ein Protagonist von Interesse.

Ich war 15 Jahre alt und ich liebte, wie meine Freundinnen Leonard Cohen liebten oder David Bowie, den fiktiven, seinem historischen Vorbild entwachsenen französischen Revolutionär Camille Desmoulins. Weil er auf meiner Kopf-Bühne als berührend idealistischer, lebenskluger Kindmann auferstand. Vor allem aber, weil er in meiner Vorstellungswelt ein reiner Mensch war, herzzerreissend zerbrechlich, seine Angst vor dem Tod nicht hinter grossmäuligen sarkastischen Bonmots verbergend.

Er war die erste Theaterfigur, an die ich mein Herz verschenkte und mich gleichzeitig unsterblich ins Theater verliebte: Camille, der von allen geliebt wurde, am meisten aber von seiner Frau Lucile, der schönsten Frauenfigur, die Büchner in seiner kurzen steilen Literatenkarriere erschaffen hatte. Und so kauerte ich auf dem bizarr gemusterten 70er-Jahre-Teppich meines mit Büchern vollgestopften, winzigen Jungmädchenzimmers, stellte mir vor, auf den blutbefleckten Stufen der Guillotine zu sitzen, presste das schon arg zerfledderte Reclam-Heftchen inbrünstig an meine Brust und flüsterte mit überfliessenden Augen: «Es darf ja alles leben, alles, die kleine Mücke da, der Vogel. Warum denn er nicht? Der Strom des Lebens müsste stocken, wenn nur der eine Tropfen verschüttet würde.»

Es ist gefährlich, sich in Theaterfiguren zu verlieben, zumal, wenn man beschliesst, diese Liebe zum Beruf zu machen. Ich habe unzählige «Dantons Tod»-Inszenierungen gesehen, doch keine einzige, in der ich meinen Camille entdeckte. Immer war er nur einer von vielen ausrangierten Ex-Revoluzzern, die mit befremdlicher Eloquenz ihrer Hinrichtung harrten. «Konzentriert euch auf Camille!», hätte ich am liebsten dem Regietheater zugerufen, denn Dantons – beziehungsweise Büchners – Schlüsselsatz: «Die Revolution frisst ihre eigenen Kinder» konnte sich doch nur auf IHN beziehen, dessen leibhaftige, liebenswerte Unschuld für mich die geschändete «Brüderlichkeit», also Menschlichkeit, personifizierte, die den Schlachtrufen nach «Freiheit» und «Gleichheit» geopfert wurde.

Man neigt dazu, fixe Ideen zu entwickeln, wenn man sich in Menschen verliebt, die nur in der eigenen Fantasie ein betörendes Dasein führen. Besser wäre es, mit offenem Herzen in eine Aufführung zu gehen und abzuwarten, wohin der Regisseur unser amouröses oder gar libidinöses Interesse lenkt. Denn das ist ja gerade das Spannende am Thea­ter: Es macht, wenn es gut ist, aus Figuren Menschen und kann mit purer Schauspielkunst jedes Mauerblümchen, jede vom Dramatiker mit Text unterversorgte, nur als Erfüllungsgehilfe der Tragödienmechanik dienende Schatten-Existenz, in eine sonnenverwöhnte Orchidee verwandeln. Oder, schöner noch, in eine Rose, die auch im Winter blüht.

Zum Beispiel Jack the Ripper. In Peter Zadeks legendärer «Lulu»-Inszenierung spielte Uwe Bohm den finalen Frauenvernichter mit einer so sanften, liebevollen Zärtlichkeit, dass man sich brennend wünschte, er würde das Messer einfach wegwerfen, Susanne Lothars geschundenen Lulu-Leib in seinen wärmenden Mantel hüllen und das sein, was er eigentlich sein wollte und sollte: Lulus einzige grosse Liebe. Es kam anders, natürlich.

Oder der Maurerpolier Paul John in Gerhart Hauptmanns «Die Ratten», der seine Frau durch den Wunsch nach einem Sohn dazu treibt, einem in unglückliche Umstände geratenen Dienstmädchen erst das Kind und dann das Leben zu nehmen. Bei Hauptmann ist «Vaddern», wie ihn seine Frau nennt, ein nörgelnder Proll, der nicht viel zu sagen hat. Michael Thalheimer aber besetzte ihn mit dem charismatischen, viel zu früh gestorbenen Schauspieler Sven Lehmann und stellte, beziehungsweise setzte, diesen buchstäblich mitten ins emotionale Zentrum seiner Aufführung, wo er unüberhörbar leise und unübersehbar trostlos um sein totes Kind trauerte, das in anderen «Ratten»-Inszenierungen gern vergessen wird. Am Schluss dieser unvergesslichen Aufführung war ich hoffnungslos verknallt in einen Maurerpolier.

Überhaupt ist mir aufgefallen, dass mein Begehren so gut wie nie von einem Hauptdarsteller entflammt wird, sondern immer von den «Supporting acts». Sehr häufig sind es die tragisch umflorten Buffoparts, um die herum sich die erogene Zone einer Aufführung bildet. Als ich meine 22-jährige Tochter nach ihrer Lieblings-Theaterfigur fragte, sagte sie, ohne auch nur eine Sekunde nachzudenken: «Mercutio. Der ist hot.» Treffer! Auch ich fühlte mich nie vom Süssholzraspler Romeo angezogen, sondern von seinem ungleich attraktiveren besten Freund mit dem undankbaren tragödienbedingten Auftrag, sich für ihn zu opfern.

Der Sex-Appeal Mercutios resultiert eindeutig aus seiner die Lebenslust steigernden Todesnähe, seiner moribunden Vitalität. Auf der Bühne habe ich ihn nur einmal so erlebt, wie ich ihn mir vorstelle: Witzig. Ernst. Klug. Sinnlich. Cool. Hot. So spielte und verkörperte ihn der Schauspieler, Autor und Regisseur Wolfgang Maria Bauer 1993 in Leander Haussmanns Inszenierung am Münchner Residenztheater, und sein vor todesverachtender Sinnlichkeit strotzender Mercutio war, hier ist das Wort wirklich berechtigt: Kult. Fast wäre ich Camille untreu geworden, den ich bislang ja noch nicht einmal kennengelernt habe. Aber demnächst, in welchem Theater, in welcher Aufführung auch immer, werde ich ihm begegnen. Und es wird Liebe sein. Oder, das würde mir ja schon reichen: Theater zum Verlieben.

«Er war die erste Theater­figur, an die ich mein Herz 
verschenkte»

Ausgabe: 01 - 2019