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musik

Bild: KKL Luzern

Erstmals in der Schweiz: die ICMA-Award-Gala im KKL Luzern.

 

Das Luzerner Sinfonieorchester ist Gastgeber der ICMA-Award-Gala 2019 im KKL Luzern
Starke Visionen
Erstmals seit dem Start der International Classical Music Awards (ICMA) vor acht Jahren steigt die grosse Gala in der Schweiz. Hierzu wird am 10. Mai nach Luzern ins KKL geladen, wo sich die diesjährigen Preisträger präsentieren. Als Gastgeber agiert das Luzerner Sinfonieorchester, das unter Lawrence Foster auch das Gala-Konzert am 10. Mai spielt. Mit dabei sind zahlreiche Award-Winner als Solistinnen und Solisten.

Marco Frei

Die Laudatio der Jury spricht für sich: «Besonders hervorzuheben ist das inklusive Konzept, das Menschen mit und ohne Beeinträchtigung sowie sozial benachteiligte Gruppen zu Begegnungen mit Musik einlädt», wird gelobt. «Das ausdifferenzierte und flexible Programm integriert eine mobile Spielstätte und erreicht auf diese Weise Menschen sowohl in der Stadt als auch auf dem Land.» Deswegen war das Luzerner Sinfonieorchester im vergangenen Herbst mit dem «13. Junge Ohren Preis» ausgezeichnet worden – in der Kategorie Programm.

Es ist dies die wichtigste Auszeichnung für Musikvermittlung im deutschen Sprachraum. Hinter dem Preis verbirgt sich das «Netzwerk Junge Ohren» (NJO), das Initiativen und Akteure in Deutschland, Österreich und der Schweiz zusammenbringt – im Bereich der Musikvermittlung. Im Fokus stehen vor allem zeitgemässe partizipative und experimentelle Arbeitsweisen, die eine weit gestreute, breite Teilhabe gezielt fördern. Mit dem Preis soll jährlich ein herausragendes Musikvermittlungs-Programm gewürdigt werden, um ein «Zeichen zu setzen für ein lebendiges und modernes Musikleben», so die Satzung.

Genau hier setzen die Luzerner mit ihrer Musikvermittlung an. Mit dem «Musikwagen», eine mobile Spielstätte, wirkt das Luzerner Sinfonieorchester in der gesamten Zentralschweiz, um sich mit Partnern aus Bildung, Sozialwesen und Kultur gezielt zu vernetzen. Bis zu 10 000 Menschen werden damit jährlich erreicht – mit einem reichhaltigen Angebot, das ganz wesentlich vom Engagement der Orchestermusiker lebt. Es ist ein dezidiert ganzheitliches Konzept, überdies generationenübergreifend und offen, in dem sich keinesfalls nur Kinder und Jugendliche begegnen, sondern genauso Senioren und Menschen mit Beeinträchtigungen.

Mit diesem Ansatz leistet das Luzerner Sinfonieorchester nicht nur Pio­nierarbeit in der Schweiz. Selbst in der Orchesternation Deutschland ist ein derartiges, innovatives Engagement noch immer eher die Seltenheit. Umso mehr freut sich Numa Bischof Ullmann, seit fünfzehn Jahren Intendant des Orchesters, über die jetzige Auszeichnung. «Als wir 2007 unsere Musikvermittlung initiierten, waren wir das erste Orchester in der Schweiz, das eine Stelle dafür einrichtete. Bis heute ist das Musikvermittlungsprogramm vollständig privatfinanziert.»

Die Auszeichnung drückt aus, was sich in der Orchesterwelt längst herumgesprochen hat – dass nämlich das Luzerner Sinfonieorchester auf Steilflug nach oben ist. In den vergangenen fünfzehn Jahren hat sich der Klangkörper komplett neu erfunden und neu aufgestellt, sowohl künstlerisch und programmatisch als auch institutionell und im Management. Für diese veritable Neugeburt stehen zwei Persönlichkeiten, nämlich James Gaffigan, seit 2011 Chefdirigent, sowie eben Bischof Ullmann. Diese staunenswerte Erfolgsgeschichte samt visionärem Pioniergeist nimmt derzeit auch räumlich Gestalt an.

Gemeint ist die neue Heimat des Orchesters, die gegenwärtig am Südpol entsteht – im Luzerner Vorort Kriens. Hier wird gerade eifrig an einem Neubau getüftelt. Zwar ist das Luzerner Sinfonieorchester offiziell das Residenz­orchester des Kultur- und Kongresszentrums Luzern (KKL), aber: Mit dem neuen Gebäude werden das Orchester und Teile seiner Verwaltung unter einem Dach sein und arbeiten. Noch dazu soll der grosse Probenraum 4000 Kubikmeter messen, mit flexiblem Raumkonzept, um zugleich mit unterschiedlichen Formaten experimentieren zu können.

Denn die neue Heimat des Orchesters ist nicht einfach ein neues «Probenhaus». Tatsächlich schwebt dem Orchester und Bischof Ullmann eine Funktion als offenes «Labor» Teil eines ganzheitlichen «Campus» vor, zumal auf demselben Areal das Kulturhaus der freien Szene sowie der Neubau der Musikhochschule stehen. Diese Nachbarschaft möchte man mit dem neuen Haus auch nutzen, um den Kontakt zum Publikum und zur Gemeinschaft weiter gezielt zu schärfen – nicht zuletzt mit dem Erproben weiterer Formate, gerade im Bereich der Musikvermittlung. Eine Begegnungsstätte soll das neue Haus werden.

Aktuell ist der Neubau am dritten Stockwerk angelangt. Die Schlüsselübergabe ist für Ostern 2020 geplant, wenn alles reibungslos klappt. Diese neue Heimat des Luzerner Sinfonieorchesters markiert einen Höhepunkt in der Geschichte des Klangkörpers, und das will etwas heissen – weil die Luzerner als das älteste Orchester der Schweiz gelten. Ein Rückblick auf das Jahr 1806: Als das Orchester in Luzern gegründet wurde, komponiert Beethoven gerade seine 4. Sinfonie, das 4. Klavierkonzert und sein Violinkonzert oder hat sie bereits abgeschlossen. Eine Handvoll Musikliebhaber finden sich zusammen, um im «Comödiensaal der Jesuiten» Joseph Haydn und Wolfgang Amadeus Mozart zu spielen – oder eben Beethoven.

Für Bischof Ullmann steht fest: «Beet­hoven ist unser Patenkomponist», und die Luzerner spielen ihn heute frisch und befreit, historisch informiert, aber undogmatisch. Sonst aber ist über die Frühgeschichte des Luzerner Sinfonieorchesters wenig bekannt. Als erster grosser Dirigent leitet Willem Mengelberg die musikalischen Geschicke des Klangkörpers, von 1892 bis 1895. Danach dauerte es ein Weilchen, bis 1987 mit Marcello Viotti eine weitere international bekannte Persönlichkeit an das Pult der Luzerner trat. Gähnende Leere in der Zeit dazwischen? Keineswegs.

Seit dem Start der «Luzerner Festwochen» 1938, initiiert von Arturo Toscanini als Gegenreaktion auf die nationalsozialistischen Salzburger Festspiele, mischt der Klangkörper auch in diesem Rahmen als Partner mit – auch am diesjährigen Lucerne Festival im Sommer. Zudem übernimmt das Ensemble die Opernaufführungen am Theater Luzern. Wie gut schon damals der Ruf des Orchesters war, verdeutlicht eine hübsche Anekdote. Demnach soll selbst die Mailänder Scala schon um Musiker-Verstärkung aus Luzern gebeten haben.

Die Stunde des Orchesters ist indessen der Bau des KKL 1998. Mit diesem in der Schweiz singulären Meisterwurf beginnt eine beispiellose Erfolgsgeschichte. Der Klangkörper wird Hausorchester in diesem international exponierten Prestigesaal. Als Chefdirigent des Orchesters firmierte damals Jonathan Nott. Um diese Aufgabe gezielt mit «Exzellenz» zu füllen, wurde das Orchester institutionell auf neue Beine gestellt – mit Bischof Ullmann am Ruder. Heute steht das Luzerner Sinfonieorchester auf zwei Füssen, nämlich einem Trägerverein sowie einer Stiftung nach Schweizer Recht – ein Modell, das vor allem in der US-amerikanischen Orchesterszene weit verbreitet ist.

Das Budget liegt bei jährlich etwas mehr als 15 Millionen Franken. Mit dem Auflegen einer einzigartigen Musikvermittlung übernimmt das Orchester überdies eine sichtbare gesellschaftliche Verantwortung. Und der Erfolg zeitigte auch weitere Wirkung: So kam man nicht zuletzt durch Schenkungen an Top-Instrumente, und das Orchester selbst konnte vergrössert werden – von 45 auf heute 70 Stellen. All dies wird privat finanziert.

«Wir bewundern Gustav Mahler und Anton Bruckner, wir können sie sicher auch gut spielen, aber sie bilden nicht unser Kernrepertoire heraus», so Bischof Ullmann. Die Identität des Orchesters sei vielmehr das «deutsche Repertoire der Romantik davor», die Wiener Klassik, auch der böhmisch-tschechische Raum, die Moderne sowie natürlich das französische Repertoire, was die französische Schweiz mit einschliesst. Auch die beharrliche Pflege und Förderung des Neuen bestimmt ganz wesentlich die heutige Identität des Luzerner Sinfonieorchesters. Dass etwa die Schweiz für Wolfgang Rihm musikalisch zu einer wichtigen Wirkungsstätte wurde, ist auch ganz wesentlich diesem Orchester zu verdanken. Noch dazu werden regelmässig «Wiederentdeckungen» gestemmt, nicht nur im Rahmen des eigenen «Zaubersee-Festivals», welches das russische Repertoire erschliesst.

«Wir nehmen die Moderne genauso ernst», betont Chefdirigent James Gaffigan. «Wir glauben fest daran. Das Schlimmste ist, wenn das Publikum den Eindruck gewinnt: Sie programmieren neue Musik nur, weil sie es müssen. Daher sind wir sehr wachsam mit der Programmierung. Für jedes Programm muss es einen Grund geben.» In der aktuellen Saison dirigiert Gaffigan überdies erstmals Musik aus seiner amerikanischen Heimat, denn: «Ich wollte nicht als amerikanischer Dirigent abgestempelt werden, deswegen habe ich es immer vermieden.»

Seine eigene Arbeit als Dirigent versteht Gaffigan als Teil eines Ganzen. «Orchestermusik ist eine kammermusikalische Partnerschaft. Wenn es Diktatur ist, ein Gegeneinander, wird das schnell zum Problem.» Bis 2022 läuft sein aktueller Vertrag. In dieser Zeit möchte er vor allem geniessen, was man gemeinsam erreicht und aufgebaut hat. «Das Wunderbare ist, dass wir gemeinsam so viel erreicht haben», sagt er. «Ich wusste, dass es möglich sein würde, aber ich wusste nicht, wie weit wir gehen könnten. Und es geht weiter.»

Jedes Mal, wenn er nach Luzern komme, sei er stets von Neuem erstaunt über das hohe Niveau. «Der Himmel ist die Grenze, sie können wirklich alles spielen. Es kommen auch immer mehr junge Leute in unsere Konzerte, die Education ist ausgezeichnet – wirklich aussergewöhnlich. Ich denke, in Luzern wird sehr gut gelebt, welche Rolle ein modernes Orchester übernehmen sollte.» Damit schielt er auch auf das neue Haus, dessen Eröffnung Gaffigan mitgestalten wird. «Ich möchte vor allem, dass die Menschen dieses Haus besuchen wollen», sagt er. «Mein Wunsch ist es, dass sich bei uns alle Menschen der Gemeinschaft willkommen fühlen. Alle sollten einen Zugang zur Musik finden und haben.» Rund 10 Millionen Franken soll der Neubau insgesamt kosten, überwiegend privat finanziert.

Tatsächlich hat der Südpol das Potenzial, in Luzern eine Art «Cité de la musique» zu werden. Gemeinsam mit der «Off-Szene» im Kulturhaus, ein Zentrum für Musik, Theater und Tanz, sowie mit der Musikhochschule und dem neu gebauten Orchesterhaus liessen sich weitere ganzheitliche Projekte schnüren. Durch die unmittelbare Nachbarschaft bieten sich nicht nur eine direkte Kommunikation und ein umfassender Austausch an, sondern wird auch die schnelle, problemlose Realisierung gemeinsamer Veranstaltungen und Initiativen ermöglicht.

Am Südpol kann wahrlich Grosses erwachsen, wenn alle an einem Strang ziehen – gerade die wichtigen Musik-Institutionen Luzerns. Ein einzigartiger Ort ist in der Zentralschweiz am Entstehen, wo die Musikkultur in allen Facetten zeitgemäss befragt und weiterentwickelt wird. Luzern bietet sich eine einmalige Chance. Wie es scheint, hat dies auch die Mehrheit der Bevölkerung ganz klar verstanden. Das offenbart jedenfalls eine grosse «Crowdfunding»-Aktion, die das Luzerner Sinfonieorchester 2018 im Internet für seinen Neubau am Südpol angerissen und durchgeführt hat.

Mit ihr wollte der Klangkörper mindestens 500 000 Franken einnehmen, zugunsten dieses Projekts. Die Erwartungen wurden weit übertroffen, und zwar sowohl finanziell als auch in der Zahl der Unterstützer. Um die Aktion voranzutreiben und zugleich die Identifikation in der Bevölkerung mit diesem Projekt weiter zu schärfen, wurde im Frühsommer 2018 die Neunte Sinfonie von Beethoven aufgeführt – als Benefizkonzert samt CD-Mitschnitt, mit Gaffi­gan am Pult und prominenten Solisten.

Für den Luzerner Chefdirigenten steht klipp und klar fest: «Die Rolle eines Orchestermusikers ist es nicht mehr einzig, sich den Frack anzuziehen, das Konzert zu spielen und dann wegzugehen. Das ist nur ein Teil dessen, sozusagen die Spitze des Eisbergs. Auf diese Weise erleben die Menschen nur das Ergebnis, nicht aber die Hintergründe – das Making of, ein Behind the scene. Genau das jedoch ist das Faszinierende. Dieser Prozess ist so aufregend, ähnlich wie die Arbeit eines Gärtners. Das müssen wir zeigen.» ■

«Dieser Prozess ist so aufregend, ähnlich wie die Arbeit eines 
Gärtners. Das müssen wir zeigen»

James Gaffigan

Ausgabe: 05 - 2019