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musik

Bild: Ben Ealovega

Mirga Gražinytė -Tyla: «Wenn ich Plakate und Fotos von mir sehe, denke ich immer noch: Das ist doch jemand anderes!»

 

Mirga Gražinytė-Tyla und das City of Birmingham Symphony Orchestra auf Schweiz-Reise
Star auf Abruf
Mirga Gražinytė-Tyla ist die bislang erfolgreichste Dirigentin der Welt – und die erste mit einem Vertrag bei der Deutschen Grammophon. Mit ihrem britischen Orchester tritt sie im Rahmen der Migros-Kulturprozent-Classics in Zürich und Genf auf.

Kai Luehrs-Kaiser

Mirga, sonst nichts. Die litauische Dirigentin ist es gewohnt, vom Publikum nicht bei ihrem Doppelnamen genannt zu werden. Sondern zärtlich: «Mirga». Das verbindet sie mit anderen Klassik-Lieblingen der Jetztzeit, etwa mit «Yannik» (Nézet-Séguin) oder «Nobu» (dem japanischen Pianisten Nobuyuki Tsujii). Seit «Lenny» (Bernstein) gilt derlei als ultimativer Liebesbeweis.

«Elastisch muss man sein», so Mirga über ihr musikalisches wie dirigentisches Credo. Mit weitem Stand und ausgereifenden Bewegungen verkörpert sie tatsächlich ein Idealbild von Biegsamkeit und Aufgewecktheit. «Nichts verstecken» wolle sie, aber auch «nichts zu stark hervorheben» – an ihrer Performance. Daher betont lässige Kleidung. Gern Jumpsuits und schmal geschnittene Overalls. Schon optisch bildet sie eine Alternative zum ewig gleichen, aufgesteiften Erscheinungsbild der Herren ihres Berufsstandes.

Mirga Gražinytė-Tyla, bislang die am höchsten gestiegene Dirigentin aller Zeiten, kann sich ihre Berufsoptionen derzeit aussuchen. Gesalbt mit einem frischen CD-Vertrag bei der Deutschen Grammophon, arbeitsam, aber nicht karriereversessen um jeden Preis, wurde sie gefördert von jüngeren Vorgängern wie Gustavo Dudamel und Andris Nelsons – welch Letzteren sie beim City of Birmingham Symphony Orchestra aufsehenerregend beerbte.

«Man dirigiert mit dem Atem und mit den Augen», so Mirga über sich selbst. «Ich schaue ständig ins Orchester und suche Blickkontakt», so erklärt sie. «Ich will die Glücksgefühle teilen, die mir das Musikmachen verschafft.» Dies sind in der Tat neue, zumindest unverbrauchte Bekenntnis-Töne. Und wirklich ist kaum eine neugierig wirkendere Person denkbar als die schmale, immer sympathische, dabei konzis am Thema bleibende Mirga.

«Mein Ziel ist immer, ein Werk mit dem Orchester so tief wie möglich zu erforschen», sagt sie. Das ist nun freilich nichts Neues. Als Gast mit verschiedenen Orchestern zu arbeiten, sei für sie von Vorteil. «Mit festen Orchestern ist es wie in Beziehungen: Man geht einander gelegentlich auch auf die Nerven.» So offen sprechend, kann man sich gerade dies bei ihr nicht vorstellen.

Geboren am 29. August 1986 in Vilnius, war ihre Familie so voll von Musikern, dass man diesen Berufsweg bei einem Spross gern einmal vermieden hätte. Die Kunst-Klasse sollte es sein. Doch Mirga liess sich nicht abhalten. Talentwettbewerbe, die vom Fernsehen aufgezeichnet wurden, zeigen ein minderjähriges Mädchen, das ein Volkslied singt, und zwar mit bestechender Sicherheit und Musikalität. Zunächst wurde sie als Chordirigentin in ihrer Heimatstadt ausgebildet. 2004 wechselte sie an die Universität für Musik und darstellende Kunst nach Graz. Auch in Bologna, Leipzig und Zürich schlossen sich Studien an – ein schön umwegiger Ausbildungsgang.

Arbeit liess nicht auf sich warten. Mit 24 Jahren absolvierte sie ihr Operndebüt am Stadttheater von Osnabrück. Durch Assistentenjahre in Heidelberg und kurzzeitig als musikalische Opernchefin in Bern – hier leitete sie 2013/14 «Das schlaue Füchslein» und «La Traviata» – spricht sie ausgezeichnet Deutsch. Zwei Spielzeiten wurde sie als Musikdirektorin ans Salzburger Landestheater engagiert.

Da kam das Angebot aus Birmingham. Hier hatte sie erst ein Jahr zuvor debütiert. Und im Sturm gesiegt – wie eigentlich überall, wo man dieser Dirigentin angesichtig wurde. Ihr Vertrag in England läuft aktuell bis 2021. Es ist fest davon auszugehen, dass spätestens dann ein ganz grosser Klangkörper zugreifen wird. Gražinytė-Tyla ist ein Star auf Abruf.

Dass man sie bei der Deutschen Grammophon erst mal nicht auf das grosse Repertoire loslässt (sondern auf Werke von Mieczysław Weinberg und Raminta Šerkšnytė), verrät Weitsicht, aber auch Unsicherheit. Was soll man anfangen mit ihr? Das ausgewählte Repertoire entspricht zwar einigen ihrer Vorlieben und Themen. Ist aber so unkommerziell, dass es auf ein halbherziges Engagement für diese Künstlerin schliessen lässt. Mit Gidon Kremer (für das Weinberg-Projekt) wurde noch dazu ein prominentes Zugpferd vorgespannt. Sodass die CD, wie immer sie ausfallen mag, dem Ruf von Gražinytė-Tyla kaum sehr stark nützen kann.

Das ist bezeichnend. Und fatal. Wer die Situation analysiert, wird kaum bestreiten können, dass schon das City of Birmingham Symphony Orchestra – trotz Simon Rattle, der dort begann – zwar eine sehr gute Adresse ist. Bei den ganz prestigeträchtigen Orchestern wie etwa den Wiener oder Berliner Philharmonikern kam die junge Frau bisher jedoch noch nicht vor. Denn hier ist man noch viel vorsichtiger.

Wenn man sich vor Augen führt, dass die neben ihr erfolgreichste Dirigentin der Welt, Marin Alsop, gleichfalls noch kaum über Bournemouth, Baltimore und das RSO Wien hinausgekommen ist (wo sie demnächst auf den weit jüngeren Cornelius Meister folgt): Dann erhält man einen ungefähren Begriff davon, wie schwer es heutzutage für Dirigentinnen noch immer ist, in diesem toughen Männer-Business Fuss zu fassen.

«Ich muss meinen eigenen Weg finden und glaube immer weniger an feste Rahmen», so Mirga. «Das Wichtigste bleibt für mich: Zeit finden zum Partiturstudium! Und die Kommunikation mit meinen Musikern in Birmingham aufrechterhalten.» Letzteres ist ein demokratisches Bekenntnis zum Teamplay. Ebenfalls immer noch eher neu im Dirigentenbusiness. Mit dem Einzug neuer Dirigentinnen dürfte wohl auch ein neuer Stil in der Klassik um sich greifen. Der nur gut tun kann! Einstweilen ist noch viel zu tun. Figuren wie Mirga gehören noch keineswegs zum klassischen Alltag.

«Wenn ich Plakate und Fotos von mir sehe, denke ich immer noch: Das ist doch jemand anderes!», so Mirga. Kann sie es selbst nicht fassen? Wenn sie am 26. Mai ihr britisches Orchester in die Tonhalle Zürich oder am Tag danach in die Genfer Victoria Hall entführt, zeigt schon die Programmauswahl – mit Arthur Honeggers «Pastorale d’Été», Schumanns Klavierkonzert – mit der Pianistin Yuja Wang – und Brahms Zweiter –, dass sie sich vor keiner Herausforderung scheut. Furchtlos muss sie sein. Sie ist es!

Selbst was sie nicht will, weiss sie ganz genau: «Keinen Wagner, bitte!» Das sei zwar wunderschöne Musik, aber wenn man einmal damit angefangen habe, könne man vielleicht nicht mehr aufhören. «Ich bin nicht die Grösste, vom Körperbau her, und bevorzuge eher kleine Besetzungen und kleinere Apparate», so Gražinytė-Tyla. Genau aufgrund dieses Selbstbewusstseins können wir viel von ihr erwarten. Und freuen uns drauf. ■

«Man dirigiert mit dem Atem und mit den Augen»

Migros-Kulturprozent-Classics

City of Birmingham Symphony Orchestra Mirga Gražinyte˙-Tyla (Leitung) Yuja Wang (Klavier) Zürich, Tonhalle Maag, 26. Mai 2019,18.30 Uhr Genf, Victoria Hall, 27. Mai 2019, 20.00 Uhr Werke von Honegger, Schumann, Brahm ... Weiter
Ausgabe: 05 - 2019