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musik

Zwölf von 355 eingereichten Kompositionen werden im März aufgeführt – live, jedoch ohne Saalpublikum
Sprungbrett für Komponisten
Zum dritten Mal findet Anfang März die Basel Composition Competition (BCC) statt, ein Wettbewerb für neue Orchestermusik. Nachdenklich stimmt, dass in der Endauswahl tatsächlich keine einzige Komponistin vertreten ist. Auf drei Gewinner warten insgesamt 100 000 Franken Preisgeld.

Thomas Meyer

Zeitgenössische Musik ist immer noch keine Selbstverständlichkeit im klassischen Sinfoniekonzert. Zahlreich waren und sind die Anstrengungen, diese Situation zu verbessern, aber oft heisst es dann von Veranstalterseite, es gebe einfach zu wenig geeignete beziehungsweise attraktive Stücke. Wie sich diese Lücke schliessen und sich das Repertoire an zeitgenössischen Orchesterstücken sinnvoll und vor allem erfolgreich vergrössern liesse, dazu wurden bereits mehrere Versuche gestartet.

Wegweisend, wenn auch zeitlich auf drei Jahre begrenzt war zum Beispiel die Initiative «Oeuvres suisses» der Pro Helvetia. Elf Schweizer Orchester gaben während der Jahre 2014 bis 2016 je mindestens drei neue Werke bei Schweizer Komponistinnen und Komponisten in Auftrag. Spannende Stücke entstanden so. Eine andere Möglichkeit wurde daraufhin in Basel entwickelt, angeregt vom Komponisten Wolfgang Rihm und umgesetzt vom Basler Konzertmanager Christoph Müller von der Artistic Management GmbH, der ja auch für diverse Festivals wie Gstaad oder Solsberg verantwortlich zeichnet.

Ein Kompositionswettbewerb war die Antwort. Diese Basel Composition Competition (BCC) «verfolgt das Ziel, zeitgenössische Kompositionen für Sinfonieund Kammerorchester zu fördern und damit einen Impuls für das Schreiben neuer Werke für grosse Formationen zu geben», heisst es. In diesem Umfeld bedeutet das natürlich auch eine Hommage an Paul Sacher, den grossen Basler Förderer zeitgenössischer Musik, und deshalb ist denn auch die Paul-Sacher-Stiftung, die das Erbe so zahlrei cher KomponistInnen bewahrt, an der BCC beteiligt. Mit ins Boot geholt hat die BCC auch die drei Basler Orchester – und das ist ziemlich einzigartig. Diese Ensembles würden zwar gern mehr Neue Musik aufführen, kommen aber innerhalb ihrer Abonnementszyklen oft zu wenig dazu. Die basel sinfonietta, das Sinfonieorchester Basel und das Basler Kammerorchester bestreiten je ein Konzert. Mit Peter Rundel, Francesc Prat und Franck Ollu stehen auch diesmal wieder Experten für Neue Musik am Dirigentenpult. Die Kompositionen sind also in besten Händen. Nach dem Abschlusskonzert am 7. März wird der Sieger bekannt gegeben. 100000 Franken, eine äusserst hohe Summe also, stehen für die drei ersten Preise zur Verfügung.

«Qualität hat oberste Priorität», sagte Christoph Müller, und so ist der BCC international ausgerichtet. Alle zwei Jahre findet der Wettwerb statt, und er scheint ein Bedürfnis zu erfüllen, denn zumindest bei den Komponierenden stösst er auf reges Interesse, 355 Partituren wurden für die dritte Durchführung bis Ende 2020 eingereicht. Bedingung ist einzig, dass das Stück für grosses oder für Kammerorchester noch nie aufgeführt wurde. Eine Altersgrenze gibt es nicht, Da mag mancher Komponist einfach eine ältere Partitur aus der Schublade hervorgeholt und eingeschickt haben. Nicht alles ist so frisch. Das falle durchaus manchmal auf, sagt der Basler Komponist Andrea L. Scartazzini, der für die Jury jeweils eine erste Vorauswahl trifft.

Er habe zunächst leer geschluckt, als er sich vor vier Jahren erstmals an die Herkulesaufgabe machte, die Spreu vom Weizen zu trennen. Er begegne jeder Partitur mit Respekt, denn er wisse, was für eine Arbeit es sei, so etwas niederzuschreiben, und er betrachte deshalb jedes Stück genau, aber man merke halt auch bald, wo ganz offensichtliche handwerkliche Mängel bestehen oder einfach klischeehafte Ideen und Formen abgespult werden. So reduzierte sich heuer die Menge der Eingaben zumindest auf die Hälfte, also immer noch rund 180 Partituren, die dann der ganzen Jury vorgelegt wurden. Neben Scartazzini gehören ihr seit Beginn der Genfer Michael Jarrell als Präsident und der Musikwissenschaftler Felix Meyer von der Paul-Sacher-Stiftung an. Die andern Mitglieder wechseln jedes Jahr, damit die Sichtweise sich wandeln kann. Diesmal waren der Schweiz-Österreicher Beat Furrer und die in Berlin lebende Koreanerin Unsuk Chin mit von der Partie – ein hochkarätiges Gremium also.

Dieses nun machte sich im November an die Arbeit. Zunächst gemeinsam mit Vertretern der drei beteiligten Orchester, sodass auch die ausübenden Musiker ihre Stimme einbringen konnten, dann in isolierter Klausur. Zwölf junge Komponisten aus zehn Ländern haben nun die Chance erhalten, im März vorgestellt zu werden. Die Eingaben waren anonymisiert. Nachdenklich stimmt dennoch, dass es sich bei dieser Auswahl tatsächlich wieder ausschliesslich um Komponisten handelt und keine Komponistin darunter ist.

Allerdings reicht es heute nicht mehr aus, Neue Musik bloss in den Konzertsaal zu stellen. Einen ganz wesentlichen Anteil erhält in diesem Projekt deshalb auch die Vermittlungsarbeit, das heisst hier: die Zusammenarbeit mit der Musikakademie Basel sowie vor allem ein extensives Schulklassenprojekt. Jedem der zwölf Komponisten werde eine Klasse zur Seite gestellt, die sich in die Partitur einarbeitet, sich damit auseinandersetzt und die Werke dann auch eingehend mit den Komponisten diskutiert. Das war ein grosser Erfolg, der 2021 trotz der Pandemie fortgesetzt wird. Bei den Schlusskonzerten waren die Schulklassen anwesend – und sie unterstützten «ihre» Komponisten lautstark, wie sich Christoph Müller erinnert.

Natürlich sind auch die Social Media wichtige Kanäle. Auf Youtube findet man die Mitschnitte der früheren Austragungen. Auf dem Twitter-Account sind Stücke früherer Teilnehmer zu hören, und auf der Facebook-Seite der BCC stellen sich die aktuellen Teilnehmer vor. Der in New York lebende Franzose Christian Bloquert erzählt zum Beispiel, wie er in «Le Temps Qui Se Perd Dans Sex Yeux» das Bild gefrorener Zeit schafft. Der Spanier Miguel Morate geht Gravitationswellen nach; die Klangbeispiele geben schon einen guten Eindruck davon, was da im Orchester zum Klingen kommt. Das No-Theater spielt beim Japaner Hiroshi Makamura eine Rolle, beim Italiener Andrea Mattevi sind es Dante und Nietzsche. Daran wird ersichtlich, wie breit die thematische und stilistische Vielfalt ist. Das Ziel, so Müller, wäre, «dass sich die guten Werke herauskristallisieren und durchsetzen».

Die Komponisten sollen wahrgenommen werden. Zu den bisherigen Preisträgern gehören etwa der Deutsche Benjamin Scheuer und der Argentinier Alex Nante. Beide haben sich inzwischen einen Namen gemacht. Die BCC ist also ein Sprungbrett. Wichtig deshalb, dass sie auch heuer stattfindet, in Zeiten von Corona. «Natürlich wäre es einfacher, alles abzusagen», schreiben die Veranstalter, «aber in einer Zeit, in welcher für die Musiker*innen und Orchester viele Projekte wegbrechen, hofft Christoph Müller «einen wichtigen Beitrag zum zeitgenössischen Musikschaffen und zur Förderung von KomponistInnen zu leisten.» So werden die Orchesterkonzerte live ausgetragen, allerdings ohne Saalpublikum. Alle werden für Schweizer Radio SRF aufgezeichnet; das Schlusskonzert ist zudem in einem Video-Live-Streaming auf Idagio mitzuerleben. Wir sind gespannt, welche neuen Orchesterwelten sich dabei auftun.

 

Basel Composition Competition

Konzerte vom 4.–7. März 2021

www.baselcompetition.com

www.twitter.com/baselcomp

www.facebook.com/bcc.Basel

 

Ausgabe: 03 - 2021