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theater

Bilder: Berliner Ensemble/Birgit Hupfeld

Erzählt wird die Lebensgeschichte einer Allerweltsperson, stets der Gleichzeitigkeit des Widerspruchs, dem Parallel-Paradox-Prin

 

«Die Parallelwelt» – eine Simultanaufführung des Berliner Ensembles und des Schauspiels Dortmund
Sehnsucht nach – Theater
Zwei Theater, zwei Bühnen, ein zweifaches Publikum, und alles gleichzeitig: Global vernetztes, digital aufgerüstetes Theater, 
das auftrumpfend antritt, um die Kontinuität von Raum und Zeit aufzubrechen – und in Frage zu stellen. Wie geht das? 
Wie erleben wir das? Was löst es in uns aus? Das Berliner Ensemble und das Schauspiel Dortmund spielten es durch.

Meike Matthes

«Ist das womöglich schon der Beweis dafür, dass 
das Theater dringend und durchdringend digitalisiert werden muss, um nicht aus der Zeit und ihren 
Ansprüchen und Bedürfnissen zu fallen?»

Das Publikum ist glücklich: Endlich mal eine originelle Novität im Theater, endlich mal kein Déjà-vu-Erlebnis. Dabei hat Kay Voges’ Uraufführung seines eigenen Stücks «Die Parallelwelt», eine Art Schöpfungsgeschichte des digitalen Zeitalters, noch nicht einmal begonnen. Aber was die Theaterbesucher, die sich im Berliner Ensemble auf ein aussergewöhnliches Bühnen-Experiment einlassen, noch vor Aufführungsbeginn wahrnehmen, hat man so im Theater wirklich noch nicht gesehen. Denn das Publikum erblickt auf einer Grossleinwand – nein, nicht sich selbst, sondern ein Publikum. Aber ein anderes Publikum. Jenes nämlich, das sich im Parkett des Schauspiels Dortmund niederlässt, um (annähernd) simultan die gleiche Aufführung zu sehen wie die Berliner Zuschauer.

Erstaunlich, was für ein kindliches Vergnügen allein dieser introduktive Überraschungseffekt – im Grunde nur ein Kollektiv-Skyping – auslöst: Es wird gewinkt, gejohlt und grimassiert – und als den Dortmundern eine elegante La-Ola-Welle gelingt, gibt es in Berlin begeisterte Ovationen: Ist das womöglich schon der Beweis dafür, dass das Theater dringend und durchdringend digitalisiert werden muss, um nicht aus der Zeit und ihren Ansprüchen und Bedürfnissen zu fallen?

Der simple Effekt erfordert allerdings einen hohen technischen und finanziellen Aufwand. Zwei Bühnen, zwei Ensembles, zweimal sieben Schauspieler, eine extra angemietete Glasfaserleitung, die Live-Videoschaltungen zur Überbrückung von 420 Kilometern Luftlinie ermöglicht, eine Aufführung, die simultan an zwei verschiedenen Orten stattfindet – und schon haben wir das, was tatsächlich Neuigkeitswert hat: Global vernetztes, digital aufgerüstetes Theater, das auftrumpfend antritt, um die Kontinuität von Raum und Zeit aufzubrechen – und in Frage zu stellen.

Kay Voges, der Intendant des Dortmunder Schauspiels, hat sich nicht weniger vorgenommen als die Überführung der analogen Kunstform Theater ins digitale Zeitalter. Und man ahnt schon, das wird ganz gewiss keine einfache Geschichte, die hier erzählt werden soll. Denn die hochkomplexe philosophisch-physikalische Meta-Ebene, die wie ein praktisch unerforschtes, aber theoretisch enträtseltes Firmament über dieser theatralischen «Parallelwelt» götterdämmernd geistesblitzt, lässt eine geradlinige Erzählspur ebenso wenig zu wie Figuren, die mit sich selbst übereinstimmen.

«Was wäre, wenn die uns bekannte Welt irgendwo im Universum ein zweites Mal identisch existierte? Und was wäre, wenn durch einen Zufall in der kosmischen Ordnung (eine Entscheidung oder ein unvorhersehbarer Quantensprung) die eine dieser Welten einen anderen Verlauf zu nehmen begönne – und sich dadurch unserer Existenz eine andere Möglichkeit des Daseins aufzeigte?»

Das ist die abstrakte Frage, die nach einer konkreten theatralischen Antwort verlangt, und weil das Theorem so sehr ins Unbegreifliche tendiert, muss dessen Substanz deutlich griffiger oder zumindest handlicher sein: Erzählt wird deshalb die Lebensgeschichte einer Allerweltsperson, die in unserem Fall Fred heisst, was aber keine Rolle spielt, weil Fred ja kein Mensch ist, sondern ein Wahrnehmungs-Konstrukt, genau wie Raum und Zeit und die Bewusstseins- Täuschung, dass unser Leben linear, zielgerichtet, einer Vorsehung gehorchend, einer Kausal-Logik folgend oder gar mit Sinn erfüllbar ist. Im Berliner Ensemble wird Fred geboren, heiratet, hat ein paar dubiose Eheprobleme, altert sichtlich und stirbt. Im Schauspiel Dortmund dagegen beginnt Freds Leben mit seinem höchst offensichtlichen Tod und endet (aus wahrnehmungsbeschränkter Perspektive) mit seiner Geburt.

Die identischen Bühnenbilder sind gebaut wie ein Puppenhaus mit vier Zimmern, die abwechselnd oder simultan als Spielräume und Projektionsflächen genutzt werden. Denn auch die Spiel­szenen werden live gefilmt, das dient der ästhetischen Homogenisierung und lenkt die Blicke der Zuschauer auf die Video-Projektionen – weil dort, wo leibhaftig gespielt wird, ständig Menschen mit Handkamera das Bild verstellen, was teilweise pietätlose und obszöne Grotesk-Effekte erzeugt, wenn beispielsweise direkt auf das Gesicht eines sterbenden Menschen oder zwischen die Beine einer gebärenden Frau gezoomt wird. Aber wir wissen ja: Das ist alles nur Theater, das von der Zeit überholte, von ewig gestriger Illusionsromantik befangene, analoge Als-ob-Theater, dessen Begrenztheit es nun endlich zu überwinden gilt.

Während also in Berlin die von Wehenkrämpfen drangsalierte Mutter stöhnend und schreiend von der Nieder- und Ankunft unseres prototypischen Protagonisten kündet, brüllt und würgt in Dortmund der sterbende Fred sich lautstark die widerstrebende Seele aus dem gemarterten Leib. Die Botschaft ist auf unüberhörbare Weise unmissverständlich: Im ewigen Kreislauf des Lebens und Sterbens sind Geburt und Tod weder Anfang noch Ende, sondern synchronifizierte Akut-Ereignisse mit erhöhtem Schmerzpegel.

Und so geht es weiter, stets der Gleichzeitigkeit des Widerspruchs, dem Parallel-Paradox-Prinzip verpflichtet. In Berlin sitzt Klein-Fred, von seinen Eltern mit physikalischen Philosophismen überfordert, auf einer Kinderschaukel, während in Dortmund sein seniles Alter Ego im Schaukelstuhl grimmig vor sich hindämmert. Irgendwann kommt dann, was kommen muss, nämlich die Hoch-Zeit unseres Jedermanns ohne Eigenschaften, zeitgleich und (nahezu) identisch in Berlin und Dortmund – das ist der «One Moment in Time», in dem ein Riss durch die Welt geht, Leben und Leben sich berühren, Spiel und Spiel kollidieren, zwei hysterisch sich zankende Bräute im Identitäts-Duell mit spitzfindiger Wortwaffenwahl um ihre Einzigartigkeit fechten.

Apropos Wort. Kay Voges und sein Ko-Autor haben natürlich kein dramaturgisch-architektonisches Handlungsgerüst gebaut, sondern, wie wir es vom guten alten potenziell anti-analogen Demontage-Theater kennen, eine opu­lente Text-Collage gebastelt: subtil-akribisches Zitat-Mosaik und geschmeidiger Gedankenfluss zugleich. Versteht sich von selbst, dass nur den grössten Geistern die intellektuelle Oberhoheit über dieses demonstrativ hyper-ambitionierte Parallelwelt-Projekt zusteht: Aristoteles und Heraklit, Isaac Newton und Stephen Hawking, Samuel Beckett und Heiner Müller, André Breton und W.G. Sebald werden wörtlich und gedanklich verkuppelt, mit David Lynchs kafkaeskem Mystery-Meisterwerk «Lost Highway» und dem Doppelgängermotiv der Schwarzen Romantik assoziativ verbandelt – und die Bibel, Darwin sowie Einstein sind gebeten, dieser in barocker Üppigkeit schwelgenden Assoziations-Kathedrale ihren spirituellen Segen und ihre wissenschaftliche Legitimation zu erteilen, womit leider nicht zu verhindern ist, dass das ganze gigantomanische Gleichzeitigkeits-Spektakel phasenweise auf befremdlich-kalauerhafte Esoterik-Abwege gerät.

Natürlich ist es grundsätzlich anerkennenswert, wenn das Theater mit grosser Kunstanstrengung versucht, sich selbst neu zu erfinden. Doch die angestrebte Erweiterung in die virtuelle und digitale Grenzenlosigkeit führt zwangsläufig nicht nur zur Selbstentgrenzung, sondern zur Selbstüberwindung und damit zum Selbstverlust. Dass konzen­trierte Selbstbesinnung und entschiedene Abgrenzung gegen den ausufernden Digitalisierungs-Mainstream möglicherweise wesentlich geeignetere Mittel der Identitätsfindung sind, ist in dieser nach Unendlichkeit strebenden, bildungsstarken, aber erkenntnisschwachen «Parallelwelt» nicht gefragt.

Und so verlässt das letztlich nicht mehr wirklich glückliche Publikum das Berliner Ensemble mit einem überfrachteten, überforderten, partiell womöglich sogar erweiterten Bewusstsein – und einem schmerzlichen Begehren: nach Unmittelbarkeit, Nähe, Sinnlichkeit, materieller und ideeller Menschlichkeit, nach der direkten Ausdruckskraft von beseelten Körpern und verkörperten Seelen, nach der augenblicklichen, unwiederholbaren, einzigartigen, unvermittelten Berührungs- und Verführungskraft der vom technischen und intellektuellen Aufwand dieser Digital-Performance vereinnahmten Schauspieler. Was wirklich bleibt, ist diese kleine, dumme, infantile und anachronistische Sehnsucht: nach Theater. Einfach nur Theater. ■

 

Kerlin, Müller, Voges: «Die Parallelwelt», eine Simultanaufführung zwischen dem Berliner Ensemble und dem Schauspiel Dortmund. Regie: Kay Voges. UA: 15.9.2018

Ausgabe: 11 - 2018