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musik

Bild: Migros-Kulturprozent-Classics/Werner Kmetitsch

Andrés Orozco-Estrada – eine explosive Mischung aus Akkuratesse und Temperament.

 

Der kolumbianische Lockenkopf Andrés Orozco-Estrada – Steckbrief eines Unaufhaltsamen
Schlank, 
aber energisch
Mit zwanzig kam Andrés Orozco-Estrada nach Wien. Und die Donaumetropole wurde seine künstlerische Heimat. Hier startete 
seine dirigentische Karriere, hier erregte er Aufsehen und wird er auch künftig musikalische Akzente setzen, wenn er ab 2021 
auf Philippe Jordan als Leiter der Wiener Symphoniker folgt. Nach Zürich jedoch kommt Orozco-Estrada mit dem Frankfurter 
Rundfunkorchester, dem hr-Sinfonieorchester, wie es sich heute nennt. Mit dem Violinkonzert von Brahms – gespielt von 
Joshua Bell – und Werken von Richard Strauss im Reisegepäck.

Kai Luehrs-Kaiser

Orozco mit «zc». Die Konsonantenverbindung ist bei uns ungebräuchlich. Hat indes dem Träger des entsprechenden Namens, trotz mancher Buchstabier-Schwierigkeit, wenig geschadet. Dem kolumbianischen Dirigenten Andrés Orozco-Estrada glückte ein seltener Aufschwung vom Wiener Lokalmatador zum international gefragten Reise-Star. Bedenkt man das glitschige Wiener Lokalparkett, auf dem schon so mancher ausglitt, wird der Fall noch wunderlicher. Wien schoss sogar Alt-Granden wie Karajan, Böhm und Maazel in den Wind (sie kamen von selber wieder). Orozco-Estrada gehört du den wenigen, die den Parcours sämtlicher Wiener Orchester durchliefen. Die Wiener lassen ihn nicht mehr los.

Das sieht so aus: Nachdem der heute 42-Jährige in Wien bei dem Hans Swarowsky-Schüler Uroš Lajovic studiert hatte, schloss er 2003 mit einem Dirigat beim RSO Wien ab. Ein Jahr später sprang er im Musikverein beim Tonkünstler-Orchester Niederösterreich für einen erkrankten Kollegen ein. Und übernahm das Orchester als Chef kurzerhand 2009 für sechs Spielzeiten. Im kommenden Jahr wird er Nachfolger von Philippe Jordan bei den Wiener Symphonikern. Und die Wiener Philharmoniker? Hat er auch schon dirigiert. Gut möglich, dass diese ‚grosse Runde’ noch keinem vor ihm gelang.

Der Latino-Lockenkopf darf als eine umso grössere Ausnahme gewertet werden, als viele Jung-Karrieren, man betrachte nur Lionel Bringier, rasch wieder versackten. Nicht sein Fall. Augenblicklich ist Orozco-Estrada, der in Wien lebt, mit dem hr-Sinfonieorchester unterwegs. Das übernahm er im Jahr 2014 von Paavo Järvi (um es nächstes Jahr an Alain Altinoglu freiwillig wieder abzugeben). Zeitgleich setzte er ein zweites Standbein nach Amerika. Hier leitet er «bis 2022», wie er sagt, das Houston Symphony Orchestra. Ein Mann, hundert Verbindungen.

Sein Hauptaugenmerk liegt auf dem romantischen, auch spätromantischen Repertoire. In Houston begann er einen vielbeachteten Dvorˇák-Zyklus. Auf Tour mit dem hr-Sinfonieorchester präsentiert er dagegen Johannes Brahms sowie «Don Juan» und die «Rosenkavalier-Suite» op. 59 von Richard Strauss. Diese nicht etwa in irgendeiner nachträglichen Version, wie sie von Fritz Reiner bis Leonard Bernstein oft von Dirigenten angefertigt wurden. «Ich dirigiere die Fassung von Richard Strauss», sagt er sehr dezidiert. In Frankfurt hat er auch schon Strauss’ «Alpensinfonie», das «Heldenleben» und die Oper «Salome» auf CD aufgenommen. Wie er überhaupt an jeder Station zahlreiche CD-Aufnahmen hinterliess.

In seiner Geburtsstadt Medellín, der zweitgrössten Stadt Kolumbiens, begann er zunächst mit der Violine am Instituto Musical Diego Echavarría, bevor er in die Hauptstadt Bogotá wechselte, um an der Päpstlichen Universität Xaveriana (Pontificia Universidad Javeriana) zu studieren. Zwanzigjährig emigrierte er nach Wien; gehört also zu den wenigen, nicht aus südamerikanischen Jugendorchestern oder Education-Projekten hervorgegangenen Dirigenten. Gern wird er zu politischen Fragen in Südamerika befragt. Ist aber klug oder pragmatisch genug, sich gerade dazu nicht zu äussern.

Als ehemaligem Geiger kommt ihm das Brahms-Violinkonzert entgegen. Dieser Komponist stellt heute für viele ein gravierendes Problem dar; weil wir sowohl mit Brahms’ akademischem Bildungsstolz wie auch mit seinem Sentiment fremdeln. «Ich möchte nicht behaupten, dass es heutzutage keine gute Brahms-Interpretationen gibt», so Orozco-Estrada. «Aber ich kann sagen, was eine gute Brahms-Interpretation für mich persönlich ausmacht.»

«Brahms», so Orozco-Estrada, «ist eine Kombination aus Klarheit, Durchsichtigkeit und natürlich viel Ausdruck sowie Gefühl.» Das sei bei Brahms nicht anders als bei anderen Komponisten. «Dann entwickeln sich natürlich verschiedene Dinge, wie das richtige Tempo, die richtige Balance usw.», ergänzt er. «Wir werden es bei unserer Version vom Brahms-Violinkonzert sicherlich gut hinbekommen», meint er zuversichtlich.

Er folgt damit genau jenem Ansatz, der für ihn grundsätzlich gilt: Klarheit und Transparenz! Es sind gemässigt moderne Ideale, wie man sie schon bei Pierre Boulez finden konnte. Bei Orozco-Estrada werden sie erst durch das obligatorische Extra-Quantum von Emotion in Energie umgewandelt. Dieser Lateinamerikaner mag’s schlank. Aber energisch. Als explosive Mischung aus Akkuratesse und Temperament.

Für Brahms hat er sich dafür einen superioren Geigen-Virtuosen ausgesucht. «Es geht um den Solisten!», sagt Orozco-Estrada schlicht. Joshua Bell ist – neben Hilary Hahn – der zurzeit wohl beste amerikanische Geiger. «Ich finde, Joshua Bell ist ein sehr engagierter Geiger, mit viel Ausdruck und sehr viel körperlichem Einsatz», so Orozco-Estrada. Er sei «sehr interessiert am Klang, auch an der Klarheit der Struktur und des Tons». Womit er diesen Solisten mit genau jenen Parametern beschreibt, die für ihn selber ausschlaggebend bleiben: Ausdruck und Klangstruktur. Bell verfüge über einen «direkten, sehr starken, aber auch raffinierten Ton mit sehr viel Emotionen». Voilà. Mit Emotion, bitteschön!

Mit dem hr-Sinfonieorchester präsentiert sich Orozco-Estrada in Zürich in eben jenem Augenblick, wo er sich anschickt, auf dem Absatz kehrtzumachen und in seine Wiener Wahl-Heimat zurückzukehren. «Ich bin froh, wieder zurück zu sein», sagt er rundheraus. «Ich wohne schon länger in Wien, und ich habe hier in der Zwischenzeit auch immer wieder zu tun gehabt, zwar nicht als Chef, aber doch als Gast mit verschiedenen Orchestern.» Wien, das bedeute für ihn «diese Tradition, diese hohen Werte der klassischen Musik bei den Orchestern, aber vor allem auch beim Publikum». Nun, all das mag doch auch etwas pauschal klingen. Orozco-Estrada jedenfalls steht an dem Punkt, ein ‚Weltstar in Wien’ zu werden. Wenn nur nichts schiefgeht … Davor freilich ist in Wien niemand gefeit. ■

Migros-Kulturprozent-Classics

hr-Sinfonieorchester Frankfurt Andrés Orozco-Estrada (Leitung) Joshua Bell (Violine) Zürich, Tonhalle Maag, 15. März 2020, 18.30 Uhr Informationen und Karten: www.migros-kulturprozent-classics.ch Johannes Brahms: Vio ... Weiter
Ausgabe: 03 - 2020