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Verkörpert einen jungen 
Musikertyp – die französische Saxofonistin Valentine Michaud.

 

Valentine Michaud ist die Gewinnerin des «Prix Credit Suisse Jeunes Solistes» 2017
Saxofon in Motion
Sie entwirft und näht leidenschaftlich Kleider und Kostüme. Fast wäre daraus eine Hauptbeschäftigung geworden. 
Doch irgendwie fand Valentine Michaud zum Saxofon. So erfolgreich, dass sie diesen Sommer – Teil der 
Auszeichnung mit dem «Prix Credit Suisse Jeunes Solistes» – ihr Début beim Lucerne Festival gibt. Ein Porträt 
der jungen französischen Musikerin, die in der Schweiz studiert.
Saxofon in Motion

Thomas Meyer (Text) & Priska Ketterer (Bilder)

«Ich liebe die Performance!»

 

Sie steht nicht still. Wo man dieser jungen Musikerin auch begegnet, in Konzerten oder auf Youtube-Filmen, fällt auf, wie sehr sie in Bewegung ist, innerlich und äusserlich. Die 1993 in Paris geborene und in Nantes aufgewachsene Saxofonistin Valentine Michaud spielt mit Leidenschaft, aber sie setzt auch gern visuelle Elemente ein. Und sie verkörpert damit einen jungen Musikertyp.

«Das Saxofon ist sehr reich. Man kann alles damit machen»

Es ist das erste Mal, dass der «Prix Credit Suisse Jeunes Solistes» ans Saxofon geht, ein Instrument, das in der klassischen Musik bis heute eine Randerscheinung geblieben ist – trotz seines wunderbaren Klangs. Mit acht Jahren hat sich Valentine Michaud in das Saxofon verliebt, als ihre Eltern sie zu einer Vortragsstunde in die Musikschule mitnahmen. Nicht nur der Klang gefiel ihr, sondern auch der goldene Glanz des Instruments: Das war’s!

Und seither hat sie nie mehr an dieser ihrer Bestimmung gerüttelt, auch als sie zwei Jahre später noch Klavier zu spielen begann. Es sind die Wärme des Klangs und die Wendigkeit, die sie an diesem Instrument liebt: «Das Saxofon ist sehr reich. Man kann alles damit machen, man wird nie fertig damit, gerade auch was die Nuancen angeht. Es kann fein klingen wie eine Klarinette, aber auch einen machtvollen Klang ausstrahlen wie eine Trompete. Es steht zwischen den Holz- und den Blechblasinstrumenten und hat dazu die Wärme der Streicher.» Vor allem im klassischen Repertoire lässt sich das ausspielen, aber sie liebe auch die unmittelbareren Klänge des Jazz. Dabei gibt sie dem Sopran- und Altsaxofon den Vorzug vor den tieferen Registern.

«Es ist alles offen»

Das Repertoire für das Instrument ist zwar immer noch beschränkt, aber längst machen das die Saxofonisten durch Transkriptionen wett. Stücke für Klarinette, Geige, Bratsche und besonders Oboenstücke eignen sich besonders gut dafür, die Sonaten von Poulenc ebenso wie Musik von François Couperin. Und es gebe noch viel zu entdecken, im klassischen französischen Repertoire, aber auch im amerikanischen, das bei uns weniger bekannt sei. So ergibt sich eine Spannbreite vom Barock bis in die Moderne. Besonders gefällt es ihr, mit den Komponisten von heute zusammenzuarbeiten. Früher hat sie ausserdem viel Jazz gespielt – was völlig zur Seite gerückt ist, weil Valentine Michaud sich auf das klassische Saxofon konzentriert hat, doch sie gedenkt verstärkt darauf zurückzukommen, ebenso wie zur improvisierten Musik oder zur Weltmusik. «Es ist alles offen.» Wer weiss, wohin sie ihre musikalische Weltreise führen wird?

Zurzeit freilich ist sie in der Schweiz zu Hause. Vor sieben Jahren kam sie nach Lausanne, um zu studieren; es war für die Sechzehnjährige damals ein Abenteuer. Fünf Jahre blieb sie dort. Schon an der Haute École de Musique fiel Valentine Michaud nicht nur durch ihr musikalisches Können auf, sondern auch durch ihre eigenständige Denkweise. Wenn sie etwas macht, geht sie den Dingen auf den Grund. «Emotions in Motion» hiess etwa ihre pädagogische Masterarbeit, für die sie einen Preis erhielt. Darin ging es ihr um die Frage, welche Stellung der Ausdruck von Emotionen im Unterricht hat, beziehungsweise wie er gelehrt wird. «Es scheint heute wichtiger denn je, Kinder auf die musikalische Ausdruckskraft und die Kraft der Interpretation zu sensibilisieren, die emotionale Intelligenz bei Musikschülerinnen und -schülern zu fördern – in der Hoffnung, dass sich das neu Entdeckte auch im täglichen Leben entfaltet.» So schuf sie eine Sammlung von Übungen dazu, mit dem erklärten Ziel: «Der Musik, seinem Innern, den anderen, zuhören lernen.»

«Da muss sich etwas ändern»

Seit 2015 studiert sie nun in Zürich bei Lars Mlekusch weiter und schliesst diesen Herbst mit dem Solistenmaster ab. Allein auf einer Solistenkarriere wird sie nicht aufbauen können, dafür sind die Auftrittsmöglichkeiten mit dem Saxofon doch zu selten. Kammermusik kommt hinzu, dazu Spezialprojekte, denn Valentine Michaud findet, dass das klassische Konzert auch ein wenig auf der Kippe sei. Gewiss werde es weiterhin die grossen Veranstalter geben, aber gerade jemand wie sie mit dem Saxofon müsse neue Formen erarbeiten: theatral, multidisziplinär, mit Film oder Tanz und so weiter. Man müsse den klassischen Konzertsaal öffnen, dabei nicht einfach nur Stücke präsentieren, sondern neue Zusammenhänge schaffen, und diese Musik auch für ein anderes Publikum – Kinder, nicht Eingeweihte – zugänglich machen. «Da muss sich etwas ändern.»

Und sie steht damit für eine junge Generation, die sich in einer wandelnden Umgebung orientieren muss, die aber auch neue Herausforderungen entdeckt. Das gab auch mit den Ausschlag dafür, an der Zürcher Hochschule der Künste weiter zu studieren, denn die Arbeit mit szenischen und visuellen Mitteln, die hier besonders gepflegt wird, interessiert Valentine Michaud sehr. «Hier kann man alles machen.» So hat sie auch einige klassische Repertoirestücke mit szenischen Elementen aufgeführt, Stockhausens «In Freundschaft» etwa, bei dem die Gesten mitkomponiert sind. Das kommt ihr entgegen: «Ich liebe die Performance!»

«Ein Ballett aus Pinseln, Körpern und Instrumenten»

Und sie bleibt in ihrem Repertoire nicht stehen. Vergangenes Jahr hat sie das Projekt «Glitch» entwickelt, gemeinsam mit zwei Tänzern, einem weiteren Saxofonisten, einem Live-Elektroniker und einem Maler, ihrem Bruder Emmanuel, der in Strassburg Kunst studiert hat. Dieses «Ballett aus Pinseln, Körpern und Instrumenten», sanft und wild, schön und rhythmisch hart, erzählt eine Geschichte zwischen Mythos und Science-Fiction: «eine Traumreflexion über den Menschen in einem Universum, das er nicht versteht, von der Einheit zur Zweiheit, von der Geburt bis zum Tod, im Raum und in der Zeit». Der Maler malte auf den Bogen, wo dann die Tänzer tanzten und die Saxofone sich bewegten. Die Musiker, die Tänzer und der Maler hatten ihre Partien zuvor separat erarbeitet, dann wurde alles auf der Bühne zusammengesetzt, während zehn Probentagen im Theater der Künste. «So haben wir wirklich zusammen ein Spektakel gestaltet. Das war hyper bereichernd, denn man spielt ganz anders, wenn da noch Tänzer sind. Dadurch öffnet sich ein neuer Bereich.» Die Musik basierte auf Stücken von Poulenc, Stockhausen und Marc Mellits, war aber zur Hälfte improvisiert und mittels Elektronik verfremdet. «Wir wollen es weiterentwickeln und wieder aufführen. Und hoffentlich entsteht daraus ein neues Projekt, denn es hat musikalisch und menschlich sehr gut mit dieser Equipe funktioniert.»

Vielerlei spielt also in Valentine Michauds Arbeit zusammen. Sie überlässt da nichts dem Zufall, ihre Auftritte sind bis ins Letzte ausgefeilt, bis in die Kostüme, denn das Entwerfen und Nähen von Kleidern ist fast schon mehr als eine Nebenbeschäftigung. Ja, fast hätte sie dieses Metier erlernt, statt sich dem Saxofon zu widmen. Auf ihrer Homepage präsentiert Valentine Michaud denn auch die neusten Kreationen. Sie hat auch schon für eine kleine Opernproduktion die Kostüme geschaffen. Da kommt ihre Begeisterung für das Theater wieder zum Zug.

Valentine Michauds Weg steht also offen: Im Moment möchte sie in der Schweiz bleiben, das ist auch praktisch, denn die Schweiz liegt geografisch in der Mitte Europas und ist international offen. Sie spielt in einem Quartett, dem Toni Sax Quartet, mit Studienkollegen auf, und tritt auch schon solistisch auf. Zusammen mit der litauischen Pianistin Akvile˙ Šileikaite˙ bildet sie das Akmi Duo, das vergangenes Jahr den ersten Preis bei der Orpheus Swiss Chamber Music Competition gewann. Nun debütieren sie gemeinsam beim Lucerne Festival, eine einmalige Chance, sich vorzustellen: mit Sonaten des 20. Jahrhunderts von Paul Hindemith, Erwin Schulhoff, William Albright und Edison Denissow. Mit diesem farbigen Spektrum kann Valentine Michaud zeigen, was sich auf dem Saxofon alles machen lässt. ■

 

Sehen Sie das Interview mit Valentine Michaud nach ihrem Debut-Konzert bei Lucerne Festival auf

https://youtu.be/JBCzzROjsgs

 
Ausgabe: 09 - 2017