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Roman Weishaupt, Direktor Theater Chur

SO / Olivia Aebli-Item

 

Roman Weishaupt, Direktor Theater Chur

1 Natürlich sind wir vorsichtiger geworden mit den Erfahrungen in dieser Spielzeit, sind jedoch als Gastspielhaus auf Produktionen von aussen angewiesen. Diese sind zum Teil von Reisebeschränkungen und -unsicherheiten betroffen. Trotzdem wollen wir im kommenden Herbst nicht auf bereichernde internationale Gastspiele verzichten. Achten bei der Planung jedoch, eher kleinere Ensembles einzuladen, damit es überschaubarer und dadurch durchführbarer bleibt. Wir starten bereits Anfang September mit der Spielzeit, planen dann ab Mitte November bis etwa Mitte Januar mit Ausnahmen eine Programmpause mit Eigenveranstaltungen. Ausserdem programmieren wir mehr Produktionen mit installativem Charakter.

2 Bis jetzt konnten wir relativ gut funktionieren, obwohl die kurzfristigen Änderungen natürlich schwierig sind. Ich hoffe sehr, dass die Theaterbetriebe zukünftig mit ihren bewährten und bis ins Detail sehr ausgefeilten Schutzkonzepten seitens der politischen Entscheidungsträger differenzierter betrachtet werden. Sodass wir bei allfälligen weiteren Wellen für eine begrenzte Anzahl Zuschauer*innen geöffnet bleiben können. Dann könnten wir weiterhin arbeiten – wenn auch etwas auf Sparflamme. Aber als Signal für die Gesellschaft ist auch eine kleinere Flamme ein wichtiges, starkes Zeichen der Zuversicht, dass Theaterund Konzertbesuche, Begegnungen in kleinem Rahmen wieder möglich sind. Die Theaterinstitutionen tragen massgeblich zur Normalisierung der neuen Umstände in der Gesellschaft bei. Nur in der Übung der direkten Begegnung können wir lernen, mit der Covid-19-Pandemie umzugehen und uns, zwar mit Masken, aber ohne Angst, wieder zu treffen.

3 Wir hatten bereits im Frühjahr 20 entschieden, verschiedene für diese Spielzeit vorgesehene Gastspiele in die kommende zu verschieben. Diese werden wir jetzt natürlich programmieren, in der Hoffnung, sie auch durchführen zu können. Dazu sehe ich mich auch den Künstler*innen gegenüber verpflichtet. Sonst besteht für sie überhaupt keine Planungssicherheit mehr. Ansonsten müssen wir alle neu denken lernen. Aber es ist zurzeit unbestritten eine echte Herausforderung, dass viel Stücke nicht gezeigt und somit auch nicht gesehen werden können. Der Produktionsstau macht sich an einem Gastspielhaus erst ein bis zwei Jahre später bemerkbar. Und den freien Gruppen fehlt mit all diesen Unsicherheiten verständlicherweise die Motivation, Neues anzudenken. Und ja: Ansonsten finde ich Pragmatismus gerade die passendste Einstellung zum Leben.

4 Wir arbeiten zurzeit anhand des Wiedereröffnungskonzepts des Netzwerkes Kulturpolitik Basel das Schutzkonzept für unser Haus weiter aus. Wir wollen vermitteln, dass ein gut geschützter Theaterbesuch mit Abstand, Masken und einer guten Lüftung viel weniger ansteckend ist als ein überfüllter Supermarkt. Und wir bauen unser Projekt «Theater Chur zu Gast in den Regionen» weiter aus. Wir wollen noch mehr zu den Leuten hingehen, mit kleinen Einzelformaten. Denn in der kommenden Spielzeit werden wir wohl noch kaum das Haus mit 480 Personen füllen können.

5 Krisen wie Pandemien dürfen für ein mit öffentlichen Geldern subventioniertes Theaterhaus nicht auf Kosten der Künstler ausgetragen werden. Deswegen zahlen wir zurzeit bei einem Corona bedingten Ausfall 80 Prozent der Gage an die Künstler aus. Zeit und Erfahrung werden zeigen, wie man damit in 2–3 Jahren umgehen wird. Die Corona-Krise zeigt halt auch schmerzhaft auf, wie sozial ungesichert unsere Künstlerinnen und Künstler in diesem reichen Land sind. Da gilt es sicher neu zu denken für die Zukunft. Je länger die Krise dauert, desto mehr wird, muss sich verändern.

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