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Bild: Erio Piccagliani

Anfänge einer Weltkarriere: Die Callas als Amina in Bellinis «Sonnambula» mit Leonard Bernstein.

 

Primadonna assolutissima

Attila Csampai

Drei Jahre nach der Komplettedition ihrer Studioproduktionen präsentiert Warner zum 40. Todestag von Maria Callas alle von ihr erhaltenen Opern-Livemitschnitte auf 42 CDs und drei Blurays.

Sie öffnete beim Singen kaum den Mund, verwehrte den Blick auf die innere Glut. Und sobald sie den Ton angeschlagen hatte, löste er sich auf unerklärliche Weise von ihr, wurde mächtig, füllte den Raum bis in den letzten Winkel, wurde selbst zum Raum, zur vibrierenden Energie, zur heiligen Zone zwischen ihr und der Welt: Auch vier Jahrzehnte nach ihrem frühen Tod im Jahr 1977 in Paris ist die künstlerische Aura von Maria Callas nicht um eine Spur verblasst, und dies gewiss auch dank ihres umfangreichen klingenden Nachlasses.

Die 1923 in New York geborene Tochter griechischer Einwanderer war nicht nur die alles überragende Primadonna assoluta des 20. Jahrhunderts, sondern vermutlich die radikalste Wahrheitssucherin, die je die Gesangsbühne betreten hat. Als Künstlerin beanspruchte die Callas stets das Ganze, die Totalität der Empfindungen, und suchte bis in die Wurzel jeder Phrase, jedes einzelnen Tones, nach dessen dramatischem Sinn, seinem Wahrheitsgehalt, seinem humanen Kern. Und sie hielt bis zuletzt vehement daran fest, dass Kunstgesang grundsätzlich nur der glaubhaften Darstellung des menschlichen Seelenzustandes zu dienen habe. Schöngesang ohne konkretes emotionales Motiv, ohne den inneren Antrieb des Schmerzes oder der Leidenschaft, war für sie nicht denkbar.

So demolierte sie die zuvor mehr als zweihundert Jahre lang geltenden Gesetze der weiblichen Gesangsästhetik, die für Frauen nur Opferrollen vorsah, zerschmetterte die alten Konventionen der Passivität, der Unterordnung, des «eingeschnürten» Ausdrucks und kreierte ihren eigenen, radikalen, emanzipatorischen Begriff von Schönheit: «Sie ist die einzige Person, die rechtmässig die Bühne in diesen Jahrzehnten betreten hat», schwärmte Ingeborg Bachmann, «um den Zuhörer unten erfrieren, leiden, zittern zu machen.»

Magische Bühnenpräsenz

Bereits vor drei Jahren hatte Warner Classics sämtliche Studioproduktionen der Opern-Diva in einer komplett neu gemasterten Edition auf 69 CDs herausgebracht (Warner 0825646339914) und dafür weltweit grosses Lob eingeheimst: das war ohne jeden Zweifel die bislang klangtechnisch beste Dokumentation ihrer Schallplatten-Aktivitäten und unterstrich eindrucksvoll auch ihre hohe Mikrofonkompetenz. Da der Mythos Callas und ihre einzigartige Aura primär von der Magie und der Präsenz ihrer realen Bühnenexistenz herrühren, war es nur konsequent, jetzt auch die nicht weniger spektakulären, aber oft akustisch angegriffenen Mitschnitte der von ihr erhaltenen Bühnenauftritte folgen zu lassen: Die gab es ja lange Zeit nur in Form von mies klingenden Bootlegs, und sie waren dann teilweise erst nach ihrem Tod von der EMI legalisiert worden.

Diese Live-Dokumente sind den Studioarbeiten an Ausdruckskraft, an vokalem Zauber noch überlegen. So enthält die jetzt von Warner aufwendig neu restaurierte Anthologie «Remastered Live Recordings» 20 komplette Opernaufführungen aus den Jahren 1949 bis 1964, die zumeist live von örtlichen Rundfunksendern mitgeschnitten wurden, und den damaligen technischen Standards entsprechend teilweise durch Störgeräusche, Aussetzer und andere Mängel getrübt sind. Es betrifft vor allem die jetzt zum erstenmal «offiziell» veröffentlichten frühen Aufnahmen der Jahre 1949 bis 1952, wo sie an weniger illustren Häusern wie Neapel, Florenz oder Mexiko City ihre grosse Karriere in Partien vorbereitete, die sie meist nur einmal (an wenigen Abenden) sang, aber auch hier schon Massstäbe setzte, wie etwa in Rossinis virtuoser «Armida» von 1952 oder als hinreissend jugendliche Gilda im «Rigoletto» im selben Jahr. Um ähnliche gesuchte Raritäten handelt es sich bei ihren frühen Auftritten in Verdis «Nabucco» im Jahr 1949 oder als Kundry in Wagners «Parsifal» in einer konzertanten RAI-Produktion im Jahr 1950.

Hochwertiges Remastering bedeutet heute einen ähnlichen technischen Aufwand wie eine Neuaufnahme. So hat man jetzt alle 20 Mitschnitte neu ins hochauflösende 24bit/96kHz-Format überspielt und sich bemüht, möglichst nah am Originalklang der alten Analogquellen zu bleiben: Das Resultat ist durchwegs sehr überzeugend und hebt sich deutlich ab von allen früheren CD-Pressungen: Die Stimme der Callas klingt einfach angenehmer, wärmer, natürlicher, befreit von der überdrehten Schärfe und dem künstlichen Hall der ersten EMI-CDs. Und sie ist jetzt viel besser eingebettet in einen homogenen, schöner aufgelösten und präziser fokussierten Orchesterklang. Selbst die akustisch angegriffenen ersten Aufnahmen bieten mehr Tiefe, Farbe und Feinzeichnung.

So ist etwa ihre geradezu dämonische, mit Gift durchsetzte Interpretation der Verdischen Lady Macbeth im Dezember 1952, ihr endgültiger Durchbruch an der Mailänder Scala, jetzt kaum wiederzuerkennen: Man spürt jetzt das ganze Ausmass ihrer einzigartigen, furchterregenden Gestaltungskunst. Der Grossteil des Konvoluts, das sie dann nach 1952 als neue Primadonna in legendären Auftritten an der Scala, in London, in Berlin und New York zeigt, bietet aber erstaunlich präzise, relativ breitbandige Mono-Qualität. Und selbst solche (früher kaum geniessbaren) Sternstunden wie ihr sensationelles Berliner Gastspiel als Lucia di Lammermoor unter Karajan im Jahr 1955 klingen jetzt klar durchgezeichnet und lassen ihre alles versengende Aura hautnah miterleben.

Elektrisierende Medea

«Die Tragödie der Medea sollte schlank und nicht fett sein», hat die Callas später gepredigt und: «In der Oper ist Leidenschaft ohne Verstand nicht gut.» Aber was sie bei ihrem ersten Auftritt als rasende Kindsmörderin unter dem emphatischen Antrieb des (für den erkrankten Victor de Sabata) kurzfristig engagierten 35-jährigen Leonard Bernstein im Dezember 1953 an «Elektrizität» abgab, an schonungslosem Stimmeinsatz leistete, das ist selbst in ihrer zehnjährigen «Medea»-Praxis ohne Beispiel. Wir werden Zeugen eines geradezu heroischen Totaleinsatzes einer veritablen Totalmusikerin – und können nur Respekt zollen vor dieser Bereitschaft, in jeder Partie von Anfang an «über sich selbst hinaus schaffen zu wollen.» Ähnliches gilt unter umgekehrten Vorzeichen für ihre mit schönsten leisen Tönen geschmückte, mädchenhaft-zärtliche Interpretation der zu Unrecht verdächtigten, gedemütigten Nachtwandlerin Amina in Bellinis lyrischem Märchen, mit der die Callas im März 1955 wiederum unter Bernsteins Leitung das Mailänder Publikum begeisterte und in Viscontis Regie auch von ihrem schauspielerischen Talent und ihrer neugewonnenen Schönheit überzeugte.

Neben den 20 Audiomitschnitten von Opernaufführungen enthält die Edition auch drei Bluray-Discs mit Videodokumenten von fünf Konzerten der Callas aus den Jahren 1958-1964, als sich ihre Bühnenauftritte drastisch reduzierten, und auch ihre Stimmkräfte allmählich nachliessen. Neben zwei Hamburger Recitals in den Jahren 1959 und 1962 und zwei kürzeren Londoner TV-Auftritten kann man da auch ihr legendäres Pariser Debüt vom Dezember 1958 bestaunen, bei dem sie mit einigen Favorit-Arien und mit einer szenischen Aufführung des zweiten Tosca-Aktes (mit Tito Gobbi als Scarpia) die gesamte Pariser High Society verzauberte und zu Jubelstürmen hinriss: Dieses einzigartige Filmdokument unterstreicht mit unwiderruflicher Beweiskraft die unbeschreibliche Intensität, Aura und Magie ihrer Persönlichkeit, und einer vokalen Gestaltungsmacht, bei der «selbst das Atemholen Kunst war» (Ingeborg Bachmann).

So erscheint der Mythos Callas durch die vorliegende Edition erst vollständig dokumentiert: Denn ihre phänomenale Bühnenpräsenz, ihr Charisma und ihre Gestaltungskunst bildeten eine untrennbare Einheit, und so wirkt diese von aller Patina befreite künstlerische Überlegenheit jetzt noch unbegreiflicher, noch erschütternder.

 

Maria Callas Live – Remastered Live Recordings (1949–1964) 20 Opernmitschnitte 
(+ 5 Film­dokumente)

Warner Classics 0190295844707 (42CD+ 3 BD)

Ausgabe: 11 - 2017