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Neue – und nicht ganz neue – CD-Veröffentlichungen zu Weihnachten
O du fröhliche ...

von Reinmar Wagner

Natürlich steht er zuoberst, der deutsche Startenor Jonas Kaufmann: Er hat in diesem Jahr seine erste Weihnachts-CD vorgelegt, ein Meilenstein in jedem Sänger-Leben. «It‘s Christmas» lautet der international kompatible Titel, der allerdings täuscht, denn es sind sehr viele deutsche Lieder auf dieser Doppel-CD versammelt. Kaufmann hat seine Lieblings-Weihnachtslieder ausgewählt, die sich eng verbinden mit seiner Erinnerung an glückliche Weihnachten im Kreise der Familie. So sind auf der ersten CD des Doppel-Albums nicht nur bekannte deutsche Weihnachtslieder wie «Leise rieselt der Schnee», «Alle Jahre wieder», «Vom Himmel hoch» oder «Tochter Zion» versammelt, sondern auch besondere bayerische Volksweisen wie «Es wird scho glei dumpa» und «Im Woid is so staad». Ein Höhepunkt auf dem Album ist «Stille Nacht», bei dem Jonas Kaufmann nur von einer Harfe begleitet wird.

Auch amerikanische Weihnachts-Songs wie «White Christmas», «O Holy Night», «Let it snow» und «Winter Wonderland» gehören zu Kaufmanns Favoriten, weil sein Vater zu Weihnachten nach der Bescherung oft die legendären Weihnachts-Schallplatten von Bing Crosby, Frank Sinatra und Ella Fitzgerald auflegte. Zudem sind auf CD 2 auch französische, englische, italienische und schwedische Weihnachtslieder in neuen Arrangements zu hören. Die Limited-Deluxe-Edition bietet persönliche Gedanken zum Fest und weihnachtliche Fotos aus Jonas Kaufmanns Kindheit sowie von ihm ausgewählte weihnachtliche Geschichten und Rezepte. (Sony)

Dass grosse Sängerpersönlichkeiten ihre Favoriten unter den Weihnachtsliedern auf eine CD bringen, ist jahrzehntealte Tradition, die gerade auch von den Labels gerne gepflegt wird, weil sich damit eine Klientel ansprechen lässt, die sonst die Finger lassen würde von Produktionen mit Opernmusik oder gar Liedgesang. Placido Domingo tat sich darin besonders hervor, aber natürlich haben auch seine Tenorkollegen Pavarotti, Carreras oder Alagna bis hin zu Carlo Bergonzi, der herzergreifend «O Albero» («O Tannenbaum») schmetterte (bei Orfeo noch erhältlich), sich nicht bitten lassen. Nicht nur Tenöre natürlich pflegten diese Tradition, Barbara Hendricks, Angela Gheorghiu, Bryn Terfel, Renee Fleming oder Jessye Norman hielten mit, wie fast alle Kollegen und Kolleginnen.

Andere wichen ab vom Kanon der international bekannten Weihnachtslieder und brachten für ihre Fangemeinde die unbekannten Lieder ihrer Heimat zu Gehör, bassgewaltig etwa Matti Salminen mit finnischen Liedern und ganz besonders schön Anne Sofie von Otter, deren 1999 erschienenes Weihnachts-Album «Home for Christmas» zu meinen ganz persönlichen Favoriten zählt. Die überaus subtil und raffiniert arrangierten schwedischen und internationalen Lieder verbinden sich mit dem schlichten und einfachen Gesang der schwedischen Mezzosopranistin zu einer bezaubernden Melange. (noch erhältlich bei Deutsche Grammophon)

Ganz zentral im musikalischen Spektrum zu Weihnachten sind natürlich die Knabenchöre. Die traditionellen Weihnachtslieder, gesungen von den Wiener Sängerknaben und ihren Kollegen gehören für viele Menschen zum Fest dazu wie Christbaum oder Mailänderli. Natürlich gibt es sie wie Sand am Meer, die entsprechenden CDs. Ganz neu auf dem Markt, und das mit einer schönen Auswahl an gut arrangierten Weihnachtsliedern, ist einer der traditionsreichsten deutschen Knaben- und Männerchöre, der Dresdner Kreuzchor unter seinem Leiter Roderich Kreile. 2016 feierte er seinen stolzen 800. Geburtstag unter anderem mit einem riesigen Stadion-Konzert zu Weihnachten vor 25 000 Zuhörern. Das ist dieses Jahr nicht möglich, dafür gibt es die Doppel-CD mit alten und neuen Liedern von «Tochter Zion» und «In dulci jubilo» bis «Jingle Bells» und «Let it snow».

Und natürlich hat man sich für diese ambitionierte Produktion, die unter Corona-Bedingungen entstand, auch Gäste eingeladen: Im Duett mit dem Chor singt Rocklegende Peter Maffay seinen Tabaluga-Hit «Nessaja – Ich wollte nie erwachsen sein», während die finnische Sopranistin Camilla Nylund mit den Kruzianern die Atmosphäre des skandinavischen Weihnachtsfestes nach Deutschland holt. Mit dabei ist der Tenor Klaus Florian Vogt, ebenso wie Sabrina Weckerlin, die Musical- und Soul-Akzente setzt, und die norwegische Trompeterin Tine Thing Helseth steuert ihren goldenen Trompetenklang bei. Die Weihnachtsgeschichte aus dem Lukas-Evangelium, gelesen von Samuel Koch, rundet das Album ab. (Berlin Classics)

Bachs Sammlung von sechs Kantaten zu den verschiedenen Weihnachtsfeiertagen ist (neben dem «Messias» von Händel) der Weihnachts-Klassiker unter den grossen Chorwerken. Kaum ein Star-Dirigent, und sicherlich kaum ein Originalklang-Ensemble hat es verpasst, dieses Gipfelwerk weihnachtlicher Feierstimmung einzuspielen. Mein persönlicher Favorit unter all den vielen hochkarätigen Einspielungen ist Ton Koopman, der noch vor seiner grossen Bach-Kantaten-Totale 1996 eine Aufnahme mit seinen Amsterdam Baroque Ensembles und dem Solistenquartett Lisa Larsson, Elisabeth von Magnus, Christoph Prégardien und Klaus Mertens vorlegte.

Schon damals zeichnete eine unglaubliche Lebendigkeit und Vielseitigkeit die Bach-Interpretationen von Ton Koopman aus. Das dezidiert historisch orientierte Klangbild geht dabei eine wunderschöne Symbiose mit der Feierlichkeit der grossen Chöre und der emotionalen Anteilnahme in jedem Satz dieser sechs Kantaten aus. Zum 75. Geburtstag Koopmans und dem 40. Jubiläum des Orchesters wurde diese unverwüstliche Interpretation 2019 von Erato wieder aufgelegt.

Dem europäischen Gedanken haben sich diesen Herbst Thomas Hengelbrock und sein renommierter Balthasar-Neumann-Chor verschrieben. Sie präsentieren eine einzigartige musikalische Reise durch die Weihnachtszeit: Aufgenommen haben die sie Weihnachtslieder in 16 verschiedenen Sprachen aus den verschiedensten Ecken Europas. Es erklingen fröhliche sowie besinnliche Lieder in Latein, Französisch, Englisch, Deutsch, Spanisch, Katalanisch, Italienisch, Portugiesisch, Niederländisch, Russisch, Dänisch, Polnisch, Tschechisch, Norwegisch, Schwedisch und Isländisch. Die Möglichkeit, über die Vielfalt weihnachtlichen Singens quer durch den Kontinent zu staunen und sich an der Schönheit der verschiedenen Traditionen und gemeinsamen Wurzeln zu erfreuen. (Deutsche Harmonia Mundi)

Christmas Carols gehören auf den Inseln zu Weihnachten wie Plumpudding und Truthahn, Papierkronen und Mistelzweig. In allen grossen Kirchen werden sie in der Weihnachtszeit gesungen. Der spezifische Bezug zu religiösen Inhalten oder zum Weihnachtsfest, mit dem wir heute das Carol verbinden, wuchs ihm erst im Laufe der Zeit zu. Eine Zeit der Neubesinnung auf die Christmas Carols begann im Zuge des 19. Jahrhunderts, als das Weihnachtsfest als Festtag propagiert und auch kommerzialisiert wurde. Dass das Christmas Carol ab Anfang des 20. Jahrhunderts eine neue Wertschätzung durch zeitgenössische Komponisten wie Gustav Holst, Benjamin Britten, Herbert Howells und anderen erfuhr, ist nicht zuletzt Vaughan Williams’ Recherchen und der weiten Verbreitung der traditionellen Carols über das «Oxford Book of Carols» zu verdanken. Das SWR Vokalensemble unter seinem britischen Leiter Marcus Creed präsentiert auf höchstem sängerischen Niveau Christmas Carols vom Mittelalter bis in die Gegenwart. (SWR)

Die Chöre Britanniens pflegen dieses Repertoire natürlich selbst ausgiebig auf zahlreichen CDs. Diesen Herbst trat zum Beispiel der Choir of Clare College aus Cambridge unter Graham Ross mit einem ambitionierten Programm hervor. Es umfasst neben Vertonungen von Britten, darunter seiner berühmten «Ceremony of Carols», auch Stücke von Gustav Holst, John Ireland und Frank Bridge. (Harmonia Mundi)

Jedes Jahr zwischen Weihnachten und dem Dreikönigsfest ziehen die Sternsinger von Tür zu Tür. Sie sammeln Spenden für Kinder in Not und sollen mit ihren Liedern den Segen Gottes in jedes Haus tragen. Der christliche Brauch des Sternsingens ist ab dem 16. Jahrhundert nachweisbar. In vielen Ländern Europas gibt es die Tradition des Sternsingens in unterschiedlichen Varianten. Im Laufe der Zeit hat sich ein spezielles Repertoire von Sternsingerliedern entwickelt, wobei immer wieder auch neue Weisen hinzukommen. Für das Lied-Projekt des Labels Carus haben Kinder und Jugendliche aus Chören des Deutschen Chorverbands Pueri Cantores insgesamt 25 Sternsingerlieder eingesungen, darunter bewährte Klassiker wie «Stern über Bethlehem», aber auch überraschend Neues wie den «Sternsinger-Rap». (Carus)

Ebenfalls ein Weihnachtsklassiker ist das Concerto grosso «fatto per la notte di Natale» von Arcangelo Corelli, und wer Weihnachten lieber ohne Gesang feiern mag, ist bei der brandneuen Einspielung des dänischen Barock-Ensembles «Concerto Copenhagen» unter der Leitung seines Gründers Lars Ulrik Mortensen an einer sehr guten Adresse. Neben dem bekannten Stück von Corelli beweisen die versierten Dänen, dass in Italiens Musiklandschaft noch eine ganze Reihe ähnlicher Concerti komponiert wurden, die spezifisch für die Weihnachtszeit gedacht waren, etwa von Locatelli, Manfredini, Torelli und natürlich von Vivaldi. Um die Wende zum 18. Jahrhundert hatte sich in Italien eine starke Modewelle entwickelt, ein Wettstreit unter den Komponisten, die Krippenszenerie und die Feierlichkeit der Weihnachtsstimmung ganz ohne Worte und Gesang mit den Mitteln der in wechselnden Besetzungen spielenden Instrumente in der Tradition der Concerti grossi zu zelebrieren. (Naxos)

Ebenfalls ganz neu ist die Weihnachts-CD, die der Trompeter Ludwig Güttler mit seinem Blechbläser-Ensemble vorgelegt hat. Mit 36 Weihnachtsliedern und Arrangements von Vivaldi, Beethoven, Schmelzer, Liszt und vielen weiteren macht der Trompeter Hoffnung auf bessere Zeiten und schwelgt in Erinnerungen an Weihnachten in seiner Heimat, dem Erzgebirge: «Weihnachten im Erzgebirge ist etwas sehr Besonderes. Der bergmännischen Tradition geschuldet ist es ein Fest des Lichts. Wenn man sich vorstellt, wie ein Bergmann vor Jahrhunderten in aller Frühe aufsteht – es ist noch finster – den Morgengottesdienst besucht, um danach einzufahren in den Schacht und von der Arbeit heimkommt, wenn es schon dunkel ist, dann entwickelt man wie dieser Arbeiter eine Sehnsucht nach dem Licht. Heute ist es kaum nachvollziehbar, wo wir doch mit elektrischem Licht alles um uns herum erhellen – und dabei zu oft übers Ziel hinausschiessen, denken wir an das globale Problem der Lichtverschmutzung. Das Weihnachten meiner Kindheit verbinde ich mit einer lichtdurchglänzten Wirklichkeit und Gedanken wie: Was schenke ich wem? Und noch mehr: Was bekomme ich? Als ich fünf war, schenkte mir meine Grossmutter eine Ziehharmonika. Eine Kostbarkeit, verpackt in einem schlichten Pappkarton. In Bezug auf mein Wesen und mein weiteres Üben am Instrument war sein Inhalt das nachhaltigste Geschenk, das ich je bekommen habe.» (Berlin Classics)

Nicht gerade weihnachtlich, aber auf jeden Fall winterlich ist das Musiktheater-Stück «Die Schneekönigin», das David Philip Hefti vor zwei Jahren zum 150-jährigen Jubiläum der Tonhalle-Gesellschaft komponierte, und das jetzt mit Mojca Erdmann in der Titelrolle auf CD erschienen ist. Denn diese Musik illustriert mit vielfältigen kompositorischen Mitteln meisterhaft die Wirkung von Kälte, schafft es aber auch, zwischendurch mit glühender Intensität die Erinnerung an Wärme wachzuhalten, sodass klirrendes Eis und kristallklare Härte nur umso schärfere Kontraste bilden. Hefti schwebte mit der Vertonung von Andersens Märchen ein Familienstück vor. Seine Musiksprache, die sich auch bei dieser Zielgruppe der Stilmittel der Avantgarde bedient, auch wenn sie stets sprechenden Ausdruck und inhaltliche Intensität anstrebt, die Psychologisierung der Figuren und die Erzählstruktur sprechen aber wohl eher Erwachsene Zuhörer an. (Neos)

Weihnachtsmusik abseits festlicher Barockklänge oder vertrauter Harmonien hat das Projekt «X-MAS Contemporary» angestossen: Der Bariton Dietrich Henschel beauftragte zwölf Komponisten aus verschiedenen Ländern und Kulturkreisen, ein Weihnachtslied für das 21. Jahrhundert zu schreiben. Dazu kommen zwölf traditionelle Weihnachtslieder in subtilen Arrangements für zahlreiche Perkussionsinstrumente. Herausgekommen ist ein überaus farbiger Adventskalender, ein Panoptikum an Stilen, Emotionen und Assoziationen, die überwiegend überaus frisch wirken und bisweilen mit einer fröhlichen Ironie auf unsere Weihnachts-Gewohnheiten blicken. Andere aber nehmen durchaus die Feierlichkeit, Emotionalität und Spiritualität des Anlasses auf. Die CD erschien vor einem Jahr, an Modernität hat sie seither kein bisschen verloren. (Farao)

Natürlich geht es auch jazzig: Eine voll gepackte 4-CD-Sammlung mit Weihnachtshits von Ikonen des Jazz bietet 80 Titel von Musikern von den ganz Grossen wie Ella Fitzgerald, Dean Martin, Frank Sinatra, Ramsey Lewis, Julie London, Miles Davis und vielen anderen. (Reel to reel). Natürlich gibt’s auch die «Christmas Rockparty», «Schlager für alle: Weihnachten» oder «Weihnachten dahoam in Tirol» und sogar «KuschelRock Christmas».

Geschmackssache natürlich. Einer aber, der nur auf den ersten Blick aus klassikfernen Gefilden stammt, überzeugt mich mit seiner Weihnachts- oder eher Winter-CD: Sting, der ehemalige Bassist der wilden Punkrockband «The Police», hat einen weiten musikalischen Weg zurückgelegt. Schon seine Rockballaden wie «They dance alone» oder «Englishman in New York» bewiesen ein Flair für komplexere Formen und Harmonien, in «Russians» verbeugte er sich vor Prokofjew, er sang Songs von Kurt Weill und Hanns Eisler und tauchte tief ein in die Welt von John Dowland. Sein Album «If on a Winter’s Night …» von 2009 ist eine akustische Meditation über die verschiedenen Aspekte des Winters, seiner erklärten Lieblingsjahreszeit, der Zeit der Besinnung und Religiosität, aber auch der unheimlichen Stille schneebedeckter Landschaften, einsamer Tage der Selbstreflexion und der inneren Wiedergeburt.

Beginnend mit traditioneller Musik von den britischen Inseln schlagen Sting und seine Gäste (u. a. Daniel Hope, Dominic Miller, Chris Botti) den Hörer mit einer Sammlung von Songs, Weihnachts- und Wiegenliedern durch die Jahrhunderte in ihren Bann – wie etwa «The Snow it Melts the Soonest» (traditionelle Ballade aus Newcastle), «Soalin» (traditioneller englischer Bittgesang), «Gabriel‘s Message» (ein Weihnachtslied aus dem 14. Jahrhundert), ebenso wie mit zwei eigenen Kompositionen von Sting – «Lullaby for an Anxious Child» und «The Hounds of Winter». Gleichfalls auf diesem Album zu finden ist «Hurdy Gurdy Man» – eine musikalische Adaptation des «Leiermanns» aus Schuberts «Winterreise». (Deutsche Grammophon)

Ausgabe: 01 - 2021