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Bild: Opernhaus Zürich/Toni Suter

Nello Santi bei Proben zu Donizettis «Lucia di Lammermoor» am Opernhaus Zürich, im Februar 2019.

 

Nello Santi – Leidenschaft für die Oper
Der italienische Dirigent verstarb Anfang Februar 88-jährig in Zürich

Vor einem Jahr war Nello Santi noch einmal am Opernhaus Zürich mit einer Serie von Donizettis «Lucia di Lammermoor» zu erleben, einem seiner Herzensstücke. Alle Mühe kostete es ihn, bis er seinen Stuhl im Orchestergraben erreichte, auch seine Dirigierbewegungen waren weniger energiegeladen und feurig als einst – und doch stellte sich von den ersten dunklen Takten des Vorspiels jene Spannung, jene Stimmung ein, welche die Aufführungen unter Santis Leitung weit über ein halbes Jahrhundert geprägt hatten. Noch einmal wurde der greise Maestro von seinem Publikum gefeiert – wie er gerade an diesem Haus immer bejubelt worden war. Als gewichtiger Vertreter jener grossen italienischen Tradition des «Maestro concertatore», der musikalische Werkbezogenheit stets oberstes Gebot bedeutete. Was bei Santi jedoch nie in blutleere, gar akademische Taktschlägerei mündete. Nein, er verkörperte italienisches Temperament sprichwörtlich. Und wurde damit zur Legende. Nicht nur in Zürich, seinem Stammhaus über viele Jahrzehnte, sondern von der Met bis zu legendären Opernnächten in Verona, von der Wiener bis zur Münchner Staatsoper. Und die Sängerinnen und Sänger liebten ihn. Wie er sie liebte und ihnen Abend für Abend, Probe für Probe ein treuer, verlässlicher und hilfreicher Partner, ja Freund war – von Carlo Bergonzi bis Maria Chiara, von Renata Tebaldi bis Placido Domingo, von Joan Sutherland bis Leo Nucci. Nello Santi lebte die Oper und liess das Publikum an seiner Leidenschaft für das Theater teilhaben. Wie viele legendäre Vorstellungen unter seiner Leitung haben wir nie vergessen! Und werden wir nie vergessen. Alle jene Abende voll lodernder Leidenschaft, als uns Oper alles andere in der Welt für ein paar Stunden vergessen liess. Und wir restlos glücklich waren. Deshalb verblasst die Erinnerung nicht. Und deshalb bleibt auch Nello Santi unvergessen.

Natürlich nicht nur in Zürich. Hier aber ganz besonders. Die Stadt wurde Nello Santi zu einer neuen Heimat. Und mit keinem andern Opernhaus verband ihn eine vergleichbar enge Beziehung. Mit Verdis «La forza del destino» debütierte er hier 1958, bis 1969 war er Musikdirektor des Hauses, danach trat er als Gast regelmässig auf. Wobei der Begriff mit 94 Premieren in über sechzig Jahren doch gewaltig untertreibt. Nicht weniger als fünf «Rigoletto»-Premieren dirigierte Santi an der Zürcher Oper, drei Produktionen von Donizettis «Lucia» und «L’elisir d’amore» sowie von Puccinis «Manon Lescaut». Acht Direktionen am Haus erlebte er. Nello Santis unbestechliche fachliche Kompetenz wie seine künstlerische wie menschliche Ausstrahlung wird man auch hier vermissen.

Andrea Meuli

Ausgabe: 03 - 2020