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Bild: Michiel Hendrickx

«Musik zu machen, ist ein Protest gegen die Leere im Menschen.»

 

Philippe Herreweghe dirigiert zwei Sinfonien Beethoven im KKL Luzern
«Musik ist eine Form von Intelligenz»
Der belgische Dirigent Philippe Herreweghe gilt zwar als Spezialist für Alte Musik und Historische Aufführungspraxis. Aber diese Schublade gilt nur für seine Herkunft. Sein Interesse gehört der gesamten Musikgeschichte von der Renaissance bis zur Moderne. Statt um zweitrangige Barockmusik kümmert er sich lieber um die ganz Grossen: Monteverdi, Rameau, Bach, Mozart, Schumann, Brahms, Bruckner, Strawinsky. Und Beethoven – in seinen Augen der Genialste von allen.

Reinmar Wagner

«Wir bringen Schönheit und Idealismus in die Welt»

«Beethoven ist für alle Musiker der grösste und genialste aller Komponisten.» So ist es und nicht anders. Dabei ist Philippe Herreweghe nicht gerade der Mann für grosse Worte. Der intellektuelle und feinsinnige Belgier steht eigentlich für Differenzierung und Subtilität. Aber er bleibt dabei: «Beethoven ist die Basis, das Alphabet, die Grammatik für einen Musiker. Dabei ist seine Musik physisch sehr anstrengend, aber auch herrlich, weil sie so genial ist.» Mit seinem Orchestre des Champs-Elysées hat er 2017 alle Sinfonien von Beethoven gespielt, manchmal sogar innerhalb einer Woche.

Da ist die Frage, ob er eine von ihnen besonders möge, schon fast blasphemisch. Natürlich liebt er sie alle und findet in jeder Besonderheiten: «Die ersten beiden sind natürlich revolutionär, aber sie klingen auch noch stark nach Haydn. Ein Hörer, der sich nicht sehr gut auskennt, könnte sie durchaus für Sinfonien von Haydn halten. Die dritte, die ‹Eroica›, ist davon schon sehr weit entfernt, eigentlich schon frühromantisch wie die Fünfte. Und die Neunte, das ist vollends Zukunftsmusik.» Sein Zugang zu Beethoven ist dabei geprägt von zwei zentralen Elementen: Sprache und Rhythmus: «Ich habe viel Renaissance-Musik gemacht, habe von Bach vieles zweimal aufgenommen, ich habe Ballettmusik von Rameau und Lully dirigiert, ich habe Haydn und Carl Philipp Emanuel Bach eingespielt. Damit habe ich einen komplett anderen Blick auf Beethoven als die traditionellen Dirigenten, die sich in der älteren Musik absolut nicht auskennen. Zudem habe ich sehr viel über Rhetorik gelesen, mein philologisches Interesse an diesen Epochen ist riesig. Das ist ein komplett anderer Zugang, als es ein Dirigent wie Herbert von Karajan hatte.»

Ein Jahr in der Karibik

Es gibt wohl kaum einen uneitleren Dirigenten als Philippe Herreweghe. Jede seiner unspektakulär sparsamen Gesten steht im Dienst des musikalischen Ausdrucks. Wo er kann, lässt er die ausgezeichneten Musiker und Sänger seiner Ensembles gewähren. In den langen, erfolgreichen Jahren der tiefen Zusammenarbeit sind sie ohnehin so eng mit Herreweghes feingliedriger und beweglicher Ausdruckskunst vertraut geworden, dass sie kaum der Anleitung bedürfen. Selten wird musikalisch-technische Perfektion so selbstverständlich in den Dienst des Werks gestellt, ohne auch nur einen Moment mit der eigenen Virtuosität zu kokettieren.

Philippe Herreweghe hat immer ausgewählt. Zwar hat er die grossen oratorischen Werke Bachs alle aufgeführt und aufgenommen. Aber eine Totale der Kantaten hat ihn nie gereizt, ein ganzes Jahr Bach, wie es etwa John Eliot Gardiner im Jahr 2000 zelebrierte, wäre für ihn erst auf den zweiten Blick attraktiv: «Ein ganzes Jahr lang Bach: Nein! Ein ganzes Jahr in der Karibik, wie langweilig! Oder vielleicht doch: Mein Traum wäre es, in einer kleinen Stadt zu wohnen, dort Kantor zu sein und mit netten Leuten Bach zu singen und zu spielen. Nicht ständig diese weiten Reisen machen zu müssen. Warum nicht, es wäre vielleicht ein nettes psychologisches Experiment. Ich denke, ich könnte es überleben. – Nein, mein Traum ist es nicht. Denn ich finde, mein Leben, wie ich es heute habe, gefällt mir. Wenn ich lange Strawinsky, Schönberg oder Webern gemacht habe und komme dann zurück zu Bach, lerne ich dabei ebenso viel, wie wenn ich Traktate über Bach lese. Was nicht heisst, dass man das nicht auch tun sollte.»

Auch in den rein musikalischen Fragen bewies Herreweghe immer, dass er die barocken Motive einer äusserst ausdrucksvollen Musiksprache und einer rhetorisch-musikalischen Verknüpfung erfassen und intensiv ausgestalten kann. Aber er tat es nie bis zum Äussersten, nie mit messianischem Eifer eines Harnoncourt, nie mit der Identifikation eines Ton Koopman, nie mit dem pädagogischen Furor des Kämpfers für historische Korrektheit, die andere wichtige Musiker dieser Bewegung aus England und Deutschland, aber auch manche Kollegen aus Belgien und Holland an den Tag legten. Alles ist bei ihm auf angenehme Art abgemildert, und manchmal auch ins Subjektive gewendet: «Als ich 20 war, habe ich Barockmusik bei Gustav Leonhardt gelernt, und auch mit Harnoncourt habe ich einige Zeit gearbeitet. Gustav Leonhardt ist natürlich ein ganz grosser Musiker am Cembalo, und ich habe alles von ihm und seinem Schüler Ton Koopman gelernt, was Stimmung, Verzierungen, Artikulation anbelangt. Sie haben natürlich extrem gegen das damals vorherrschende postromantische General-Legato reagiert; das war eine extreme Reaktion. Ich hatte die Chance, mit Leonhardt Bach aufzunehmen. Wenn ich das nun wieder höre, finde ich das viel zu sehr artikuliert, es mangelt an der Linie. Dann habe ich im Laufe meines Lebens versucht, ein Gleichgewicht zu finden zwischen Artikulieren/Phrasieren und Legato und bin im Laufe meiner Karriere zu einem Legato zurückgekommen – vielleicht manchmal sogar ein wenig zu viel.»

Geplant gewesen wäre für seinen Auftritt in Luzern eigentlich die Aufführung der «Missa solemnis», dem letzten und zugleich grössten geistlichen Werk Beethovens. Schweren Herzens musste Herreweghe in diesen Pandemie-Zeiten darauf verzichten, seinen Chor, das Collegium vocale Gent, mit nach Luzern zu bringen. Umso mehr, als dieser herausragende Chor in diesem Jahr bereits seinen 50. Geburtstag feiern kann. Man mag es kaum glauben, dass seit den ersten Schritten mit Musik aus der Renaissance, die dieses Ensemble natürlich neben Bach, Mozart oder romantischer Chormusik immer noch intensiv pflegt, schon so viel Zeit vergangen ist. Das Saisonprogramm war entsprechend ambitioniert, einige Höhepunkte konnten gerettet werden, so zum Beispiel Ende September die Uraufführung des neuen Werks von Arvo Pärt, für das er sich vom berühmten Altar von Jan van Eyck in Gent inspirieren liess.

280 Nächte im Hotel

Philippe Herreweghe ist heute 73-jährig. Als er 1970 das «Collegium vocale» gründete, war er Medizinstudent. Später hat er in der Psychiatrie gearbeitet. Er war immer ein Intellektueller, einer der wissen wollte, der alles lesen musste, was es zu einem bestimmten Thema zu lesen gab, egal ob er mit Gustav Leonhardt Bach-Kantaten studierte oder sich mit Schumanns Sinfonien und Chorwerken beschäftigte: «Ich bin froh, dass ich an der Universität studiert habe, weil man dort lernt nachzudenken – im Unterschied zum Konservatorium. Das ist wie ein Muskel, den man trainiert. Wenn man Dirigent ist, muss man vor allem analytische Denkkraft haben. Und Menschenkenntnis, um führen zu können.» Musik zu machen, ist für ihn ein schöner Beruf, denn «wir bringen Schönheit und Idealismus in die Welt, wir bringen Tiefe und Ruhe und Stille in eine Gesellschaft, der gerade diese Werte je länger je mehr fehlen. Musik zu machen, ist ein Protest gegen die Leere im Menschen, ein Protest, der vielleicht nutzlos ist, aber vielleicht auch viel Nutzen haben kann.»

Deswegen reist er, der 280 Nächte pro Jahr im Hotel verbringt, sehr gerne in den deutschsprachigen Ländern: «Deutschland, Österreich und die Schweiz sind einsame Inseln, wo man mit musikalischer Bildung noch ein wenig rechnen kann. Für Frankreich oder Italien gilt das schon nicht mehr. Um Musik zu begreifen, muss man selber Musiker sein, selber Musik machen oder sich mindestens aktiv damit beschäftigen. Als ich in Belgien zur Schule ging, hatten wir jeden Tag eine Stunde Musik. Heute spielt Musik in den Schulen keine Rolle mehr. Das ist ein Fehler, denn Musik – Kunst im Allgemeinen – entwickelt unseren inneren Reichtum. Musik ist eine Form von Intelligenz, ein Weg und eine Hilfe, um die Welt zu begreifen. Wenn wir das vernachlässigen, werden wir das teuer bezahlen. Oder auch nicht. Wer nicht weiss, was er vermisst, kann es auch nicht vermissen.» ■

Migros-Kulturprozent-Classics

Orchestre des Champs-Elysées Philippe Herreweghe, Leitung Ludwig van Beethoven-Geburtstagskonzert Sinfonie Nr. 2 D-Dur op. 36 Sinfonie Nr. 5 c-Moll op. 67 Luzern, KKL, 19. November 2020, 19.30 Uhr Informationen und Karten: ... Weiter
Ausgabe: 11 - 2020