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m&t meilenstein

Reinmar Wagner

Warum die Bratsche auch Viola heisst – bei Nils Mönkemeyer versteht man das plötzlich nochmal ganz neu: Manchmal – vor allem im Adagio des g-Moll-Konzerts RV 416 von Vivaldi – klingt sein Instrument tatsächlich fast wie eine Viole, also wie eine Gambe. Wie schon etliche Male beweist der deutsche Bratschist damit seine stilistische und klangliche Vielseitigkeit aufs Schönste. Auf einen originalen Bratschen-Ton, wie auch immer der klingen würde, braucht er sich hier ohnehin nicht zu fokussieren, die beiden hier eingespielten Vivaldi-Konzerte hat er vom Fagott respektive vom Cello geklaut, denn nicht mal Vivaldi hat in seinen über 500 Concerti auch nur eines der Bratsche gewidmet. Aber das hindert Mönkemeyer natürlich nicht daran, sich diese Musik nicht nur auf höchst virtuose, sondern auch auf geschmackvolle Weise anzueignen. Und wenn in der Kadenz zum «Grossmogul»-Konzert, die er zwischen die beiden Vivaldi-Konzerte schiebt, geigerische Brillanz gefordert ist, liefert er auch diese mühelos. Zudem hat er mit den Musikern von «L’Arte del Mondo» unter Werner Ehrhardt eine Vivaldi-erfahrene Begleitband zur Seite. Hier sind sie allesamt in ihrem Element, mit knackig-scharfen Akzenten, vielseitigen Klangfarben, mal rustikal, mal elegant, mit lustvoll-virtuosen Girlanden, akrobatischen – für das Soloinstrument eigentlich sehr unbratschistischen – Höhenflügen und souverän gemeisterten Tempowechseln. Aber die «italienische Reise» Mönkemeyers führt diesmal weit aus der Barockzeit hinaus. Da gibt es Virtuosenfutter von Paganini oder Salonmusik von Alessandro Rolla – das ist möglicherweise tatsächlich nicht die wertvollste Musik aller Zeiten. Aber unter den Händen dieses Bratschen-Wunderknaben wird auch sie beredt zum Leben erweckt, mit variantenreichem, überaus wachem Klangsinn in eben gerade nicht geigerischer Vollmundigkeit ausgeformt und zu dem gemacht, was sie sein wollte: Unterhaltungsmusik von Könnern für ein staunendes Publikum (Rolla war selbst Bratschist, sein Schüler Paganini, beherrschte das Instrument nicht minder akrobatisch als seine Geige). Aufhorchen lässt nach dem Paganini-Mittelsatz die Kadenz: Salvatore Sciarrino komponierte diese kleine charmante Flageolettund Glissando-Studie unter dem Titel «Di volo» als Teil seiner drei «Notturni brillanti» für Viola solo. Etwas betulicher, schulmeisterlicher wirken die Variationen, die Tartini über eine Corelli-Gavotte komponierte – ebenfalls nicht für die Viola, sondern für die Geige. Aber auch das motiviert einen Musiker wie Mönkemeyer natürlich nur umso mehr, die Möglichkeiten seines Instruments von der vielseitigsten und farbigsten Seite zu zeigen.
Ausgabe: 05 - 2021