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Reinmar Wagner

Der holländische Pianist und Dirigent Jan Schultsz ist Professor für Kammermusik und Liedgestaltung an der Basler Musikhochschule. Er ist aber auch ein hervorragender Liedbegleiter, auf dessen Fähigkeiten etwa auch schon Cecilia Bartoli, Werner Güra oder Ian Bostridge zählten. Auf seiner neuen Doppel-CD unternimmt Schultsz anhand der Lieder und Duette eine Reise durch alle Phasen im Komponistenleben von Johannes Brahms. Mit aufregendem Resultat, denn die Aufnahme mit drei herausragenden Sängern (Rachel Harnisch, Marina Viotti, Yannick Debus) rückt Brahms so nahe wie kaum eine Lieder-CD bisher.

Jan Schultsz pflegt den historischen Ansatz bis in viele Details hinein mit Akribie und Fachwissen. Die eine Seite davon ist das Instrument selbst: Brahms besass privat einen Hammerflügel des Klavierbauers J. B. Streicher, den er sehr schätzte, und von dem er selbst sagte, dass er dessen Technik und Klang beim Komponieren sehr deutlich vor Augen (oder Ohren) hatte. Schultsz konnte für diese Einspielung ein identisches Modell jenes Instruments verwenden. Darüber hinaus wissen wir Einiges über das persönliche Klavierspiel von Johannes Brahms, einerseits durch Zeugnisse von Zeitgenossen, aber auch durch eine Einspielung auf einem sogenannten Edison-Zylinder, einem Vorläufer des Grammofons. Daraus geht hervor, dass Brahms offenbar eine sehr freie, fast improvisierende Art des Klavierspielens pflegte. Das betrifft nicht nur die Tempo-Relationen auf kleinem Raum, sondern vor allem auch das Arpeggieren der Akkorde und die nicht exakt im Metrum gehaltene Führung von Begleitstimmen. Bindungen wurden so weit wie möglich mit den Fingern gespielt, das Pedal dagegen sehr sparsam eingesetzt.

Jan Schultsz hat sich diese Erkenntnisse dezidiert zu eigen gemacht und die spezifischen Spielweisen von Brahms so verinnerlicht, dass wir eine Ahnung davon bekommen können, wie Brahms selbst seine Lieder wohl begleitet hätte. Das wirkt beim ersten Hören oftmals leicht irritierend, das Metrum erscheint oft verwischt. Auf der anderen Seite ergibt sich dadurch eine ungemeine Freiheit, die drei Sänger erhalten auf diese Weise enorm viel Raum, um den Bedeutungsnuancen dieser Melodien und Gedichte nachzuspüren. So klingen denn diese Interpretationen ungemein lebendig, etwa so, wie ein guter Schauspieler diese Texte rezitieren würde, und nicht wie es die Notenwerte eines Viervierteltaktes vorschreiben. Und auch rein sängerisch können sich die drei Künstler in jeder Hinsicht von der besten Seite zeigen.

Reinmar Wagner

Johannes Brahms: Lieder & Duette. Rachel Harnisch, Marina Viotti (Mezzosopran), Yannick Debus (Bariton), Jan Schultsz (Fortepiano).

Pan Classics 10419 (2 CDs)

Ausgabe: 03 - 2021