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Attila Csampai

An seinen 32 Klaviersonaten arbeitete Beethoven sein halbes Leben lang, von 1795 bis 1822. Und trotzdem gibt es immer wieder Pianisten, die diesen bedeutendsten Zyklus der Klaviermusik in wenigen Tagen im Studio runternudeln. Daher ist grundsätzlich Skepsis geboten gegenüber solchen Grosstaten, und es gibt auch kaum einen Komplettzyklus, der restlos überzeugt hätte. Nun hat der aus Sibirien stammende, seit vielen Jahren in der Schweiz lebende und lehrende Klaviervirtuose Konstantin Scherbakov, von Haus aus ein bedächtiger, hochintelligenter Gestalter, sich ebenfalls dieser Herausforderung gestellt und immerhin neun Monate lang in diversen Sitzungen in Zürich und Boswil an Beethovens «Neuem Testament» gearbeitet – mit einem Gesamtergebnis, das zwar unverwechselbar seine Handschrift trägt, und trotzdem auf eine sehr erfrischende, lebendige Weise objektiv klingt, als würde Scherbakov alles dransetzen, Beethoven, seinen Ideen und seiner Arbeit den Vortritt zu lassen.

Die Frage ist: Wie kann man Beethovens zeitlose Botschaften in unsere Gegenwart übersetzen, für heutige Ohren erlebbar machen, ohne zu persönlich zu werden? Scherbakov wählt (wie etwa schon Korstick vor ihm) den Weg der rigorosen Detailgenauigkeit, der radikalen Werktreue, und das heisst, dass er nicht nur Beethovens recht eigenwillige Artikulationsangaben präzise umsetzt, so etwa seine Vorliebe für spröde Staccato-Begleitung in vielen langsamen Sätzen, sondern dass er das sich oft genug im Piano und Pianissimo abspielende vorwärtsdrängende Geschehen mit leiser, trockener Virtuosität erfasst und so die Spannung erheblich erhöht. Er befolgt also als einer der ganz wenigen Pianisten auch minutiös und unbeirrt Beethovens kontrastreiche und mit Überraschungen gespickte Dynamik-Vorschriften, und verleiht so vielen Sätzen einen ganz neuen inneren Drive, eine sogartige Stringenz: das alles aber mit streng kontrollierter Energie, und ganz ohne die üblichen emotionalen Ausbrüche, als gelte es, einen brodelnden Vulkan zu bändigen.

Dies funktioniert nur, wenn man über eine solche fulminante Technik verfügt wie er, die selbst das Schwierigste mühelos erscheinen lässt, so etwa das «unspielbare» Schlusspresto der «Appassionata», die Scherbakov im Höllentempo, aber fast unscheinbar trocken und leise, wie Beethoven es wollte, abschnurren lässt. Durch diese wahrlich beängstigende Akkuratesse gelingt es ihm, die strukturelle Logik, das auskomponierte Drama und das ganz spezifische Profil jeder einzelnen Sonate von innen heraus zu beleben und den Notentext zu auratisieren, sich selbst aber ganz zurückzunehmen. Beethoven bleibt bei ihm bis zum spirituellen Ende ein Klassiker, ein rabiater Aufklärer, ein Zauberer, der aus kleinsten Bausteinen lebendige, tief spirituelle Welten erschaffen kann, dessen unerschöpfliche geistige Power aber stets frei blieb von aller vordergründigen Gefühligkeit. Beeindruckend ist die Konsequenz, mit der Scherbakov seinen radikalen Ansatz bis zum Ende durchhält, so wie es auch Beethoven tat: endlich ein Höhepunkt im Beethoven-Jahr!

Attila Csampai

Ludwig van Beethoven: Sämtliche
Klaviersonaten Nr. 1–32. Konstantin
Scherbakov (Klavier)
Steinway & Sons 30150 (9 CDs)

Ausgabe: 01 - 2021