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m&t meilenstein

Werner Pfister

Von Neeme Järvi heisst es, er sei der Dirigent mit den meistens Einspielungen und darin sogar Solti und Karajan überlegen – zumal er viel wenig Gespieltes, aber dennoch durchaus Entdeckenswertes aufgenommen hat. Zum Beispiel die vier Sinfonien des Österreichers Franz Schmidt. Nun tat es ihm sein Sohn Paavo Järvi nach: Zusammen mit dem hr-Sinfonieorchester führte er als dessen ehemaliger Chefdirigent zwischen 2013 und 2017 Schmidts vier Sinfonien auf. Jetzt liegen die Konzertmitschnitte auf drei CDs versammelt vor. Die Aufnahmen sind derart vorzüglich geraten, dass man von einem Meilenstein sprechen kann (auch, was den höchst informativen Booklet-Text von Adam Gellen anbelangt). Hört man sich diese Einspielungen an, so drängt sich bald einmal die Frage in den Vordergrund, warum diese Werke nicht längst im allgemeinen Konzertrepertoire Fuss fassen konnten. Denn verdient hätten sie es.

Die Erste ist das Werk eines 21-Jährigen, und es zeigt mit «Freischütz»-Hörner-Klängen, mit an Bruckner gemahnendem, festlichem Pathos sowie Anklängen an Wagner und Humperdinck unverhohlen, aus welcher Tradition Franz Schmidt kommt. Das Werk begeistert durch seinen melodischen Einfallsreichtum sowie durch seine pastose Intensität. 13 Jahre später erst – 1913 – folgte die zweite Sinfonie, sie nun eher an Richard Strauss erinnernd und in ihrer üppigen Klangsprache (acht Hörner, vier Trompeten!) durch ein paar aufmüpfische Harmonisierungen geschärft. Mit der riesigen Besetzung weiss Schmidt meisterlich umzugehen; alles klingt wohlabgewogen, zumal er – im Unterschied zu Mahler und Schönberg – das traditionelle harmonische Gefüge kaum je revoluzzerisch sprengt.

Die dritte Sinfonie von 1928 – für einen Schubert-Wettbewerb komponiert, den er allerdings nicht gewann – orientiert sich an Schuberts Orchesterbesetzungen und erinnert in ihrer kammermusikalischen Transparenz an die späten Instrumentalkonzerte von Richard Strauss. Gerade auch wegen der Vorzugsbehandlung der Holzbläser. In der Vierten von 1933 sind Anklänge an Brahms auszumachen, etwa in der Einleitung. Obwohl letztlich der harmonische Radius gegenüber den Vorgängerwerken deutlich erweitert ist, bleibt auch die Vierte ein Werk, das eher zurück- und kaum vorausschaut.

Paavo Järvi dirigiert diese stilistisch recht diffizile Musik mit ausgesprochenem Fingerspitzengefühl. Er hält die Musik in einem derart natürlichen Fluss, dass es scheint, als sei da gar kein Dirigent, der interpretierend «eingreife». Vielleicht ist das sogar das grösste Kompliment, das man Järvi machen kann: Dass der Schleier der «Interpretation», der so häufig zwischen dem Hörer und der Musik hängt, hier wie weggezogen scheint. So, wie Franz Schmidts Sinfonien unter seiner Leitung klingen, müssten sie künftig weltweit Erfolg in allen Konzertsälen haben.

 

Franz Schmidt: Die vier Sinfonien, Zwischenspiel zu «Notre Dame».
hr-Sinfonieorchester (Frankfurt Radio Symphony), Paavo Järvi.
DG4838336 (3 CDs)

Ausgabe: 11 - 2020