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Reinmar Wagner

Als ein «Gespräch mit dem lieben Gott» hat Max Reger den langsamen Satz seines Streichsextetts einmal bezeichnet. Er überzeugte mit diesem schlichten, bisweilen naiv anmutenden Gesang sogar seine Kritiker, die ihm in diesem Werk von 1911 ansonsten «chaotisches Wühlen» und «hochpathetisch krampfhafte Pose» unterstellten. Man kann sie ein bisschen verstehen, denn Reger treibt harmonisch wie formal die motivische Verarbeitung tatsächlich bis zum Exzess, aber er tut es derart meisterhaft und immer wieder auch originell, dass man ihm eben sehr gerne und auch immer von Neuem zuhören mag.

Kombiniert wird dieses Sextett mit Regers letztem vollendeten Werk, dem Klarinettenquintett op. 146. Eine etwas andere Welt: Es hat vergeistigte, bisweilen resignative Züge. Vorahnungen des Komponisten auf den nahen Tod darin hinein interpretieren zu wollen, wäre gleichwohl daneben: Reger starb plötzlich, mit erst 43 Jahren in einem Hotelzimmer an einem Herzanfall. Und so wie dieses sehr vielschichtige und rundum originelle Werk endet, in einem Variationen-Satz, der auf engstem Raum alles Mögliche verbindet, von weitgespannter Klarinetten-Kantilenen bis hin zu munterst sprudelndem, quirligem Gedudel, wirkt es eher wie eine selbstbewusste Demonstration kompositorischer Souveränität und Meisterschaft. Auch in den vorhergehenden drei Sätzen entfaltet Reger auf Schritt und Tritt charmanteste melodische Einfälle zuhauf, lässt sie in seiner typisch dichten, kontrapunktisch durchgearbeiteten Sprache begleiten, die alle Reize der spätromantischen Harmonik auskostet.

Das Münchner Diogenes Quartett – seit über 20 Jahren in gleicher Besetzung zusammen – hat sich schon in den Aufnahmen von Quartetten von Max Bruch, Humperdinck oder Friedrich Gernsheim als versiert gezeigt in der geschmeidigen Ausgestaltung wenig bekannter spätromantischer Kammermusik. Mit dem Klarinettisten Thorsten Johanns respektive dem Bratschisten Roland Glassl und dem Cellisten Wen-Sinn Yang haben sie sich für diese Einspielung mit Musikern zusammengetan, die sich offensichtlich durch verwandte Ensemble-Qualitäten auszeichnen: Wie aus einem Guss wirkt der Streicherklang im Sextett, und selbst die Klarinette, die sich von der Faktur des Quintetts her durchaus des Öfteren solistisch vorwagen darf, schmiegt sich stets gleich wieder gerne in den Gesamtklang ein. Trotz der sinfonischen Dimensionen, die Reger sich vor allem im Sextett erlaubt, bleibt der Klang durchhörbar und bei aller Intensität prägnant, ist bisweilen geprägt von ausgesuchter Schlichtheit und schlanker Reinheit, was gerade die weitgespannten Entwicklungslinien dieses zauberhaften Largo-Satzes auf überaus angenehme Weise unterstreicht. Man könnte Regers vielschichtige Musik sicher deutlich stärker auf Kontraste trimmen, man könnte insbesondere die zahlreichen Momente dezidierter heraustreten lassen, in denen Reger die Grenzen der spätromantischen Harmonik heftig ankratzt. Nötig aber, das zeigt diese exemplarische Einspielung, hat Regers Musik das überhaupt nicht: Sie wirkt hier rundum stimmig und auf beeindruckende Weise vollkommen.

 

Max Reger: Streichsextett op. 118,
Klarinettenquintett op. 146. Diogenes
Quartett, Thorsten Johanns (Klarinette),
Roland Glassl (Viola), Wen-Sinn Yang (Cello).
Cpo 555 340-2

Ausgabe: 07 - 2020