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Reinmar Wagner

Das Beethoven-Jahr wirft seine ersten Schatten voraus, und schlägt gleich mal mit grosser Geste an den Geburtstags-Gong. René Jacobs ist dafür verantwortlich, der sich nach seinen wirklich weltbewegenden Einspielungen von Mozarts späten Opern nun der einzigen Oper von Beethoven zugewendet hat. Wir wir es von ihm kennen, will er zuerst einmal alles wissen, was sich nur in Erfahrung bringen lässt über die Entstehungs- und Aufführungsgeschichte des Werks. Und diese akribische Vorbereitungs-Arbeit hat nun dazu geführt, dass er sich nicht auf die etablierte letzte Fassung von Beethovens «Fidelio» eingelassen hat, sondern im Gegenteil sich auf die ganz erste der in drei verschiedenen, recht stark unterschiedlichen Fassungen überlieferten einzigen Oper von Beethoven konzentriert hat.

1805 kam Beethovens «Leonore» zur Premiere. Leider war der lokale Adel vor dem Einmarsch der napoleonischen Truppen geflohen, sodass fast nur Franzosen im Publikum sassen. Und Orchester wie Sänger waren überfordert, was sich vor allem in offenbar sehr schleppenden Tempi äusserte. Fazit der Zeitgenossen: Das Stück ist zu langweilig und zu lang. Also kürzte Beethoven stark, fasste die drei Akte in zwei zusammen und brachte im Jahr darauf «Leonore» wieder zur Aufführung.

Ein grosser Verlust an Substanz, findet Jacob, und man muss ihm recht geben: Langweilig oder langatmig wirkt in seiner Fassung nun wirklich gar nichts, aber sie bietet dem Rotstift zum Opfer gefallene Raritäten wie Roccos «Gold»-Arie oder ein zauberhaft von Violine und Cello umspieltes Duett von Leonore und Marzelline. Und auch das Finale, das deutlich länger spannend und ungewiss bleibt, hat in dieser Fassung einiges für sich, zumal es Jacobs auch hier versteht, mit musikalischen Mitteln und seiner klugen Tempo-Dramaturgie selbst auch für zusätzliche Spannungen zu sorgen.

Die Dialoge hat Jacobs grösstenteils beibehalten, aber sprachlich modernisierte. Stark betont wird dadurch vor allem zu Beginn der Singspiel-Charakter des Stücks, auch deshalb, weil Jacobs oft flirrend schnelle Tempi wählt und seine Solisten in rasende – aber immer souverän gemeisterte – Koloraturen zwingt, was wiederum die Leichtigkeit der Partien betont. Auf seine Besetzungen kann sich der belgische Maestro auch hier verlassen, von einer fulminanten Marlis Petersen als Leonore über Maximilian Schmidt als Florestan und Robin Johannsen als Marzelline bis hin zur Zürcher Sing-Akademie und natürlich dem mit ihm längst innigst vertrauten Freiburger Barockorchester.

 

Beethoven: «Leonore» 1805. Marlis
Petersen, Maximilian Schmidt, Dimitry
Irashchenko, Robin Johannsen, Johannes
Weisser, Tareq Nazmi, Johannes Chum,
Zürcher Sing-Akademie, Freiburger
Barockorchester, René Jacobs.
Harmonia Mundi 902 414 15 (2 CDs)

Ausgabe: 01 - 2020