Syndicate content


studio

m&t meilenstein

Werner Pfister

Als sich vor sechs Jahren ein junger Pianist – 26 Jahre alt war Igor Levit damals – erlaubte, sein CD-Debüt ausgerechnet mit Beethovens späten Klaviersonaten, dem heiligen Gral der Klavierliteratur, zu geben, erntete er viel missbilligendes Kopfschütteln, aber auch viel enthusiastische Bewunderung. Weitere Aufnahmen folgten, die Bewunderung wuchs und wuchs – und das Kopfschütteln verlor sich fast ganz. Denn mittlerweile war es klar geworden: Da ist ein ganz Grosser herangereift. Zwar noch jung, aber trotzdem reif und manuell wie geistig gleichermassen mit beneidenswerten Sondergaben ausgestattet. Denn er verfügt über atemberaubende technische Fähigkeiten, aber er ist in keinem Takt ein durch die Notenblätter rauschender Virtuose.

Nun legt er – das Beethoven-Jahr 2020 steht an – den gesamten Torso der 32 Beethoven-Klaviersonaten vor und tritt damit an die Seite von Maurizio Pollini, András Schiff und Alfred Brendel. Diese Nachbarschaft macht es denn auch sofort deutlich: Igor Levit ist eine, ja zwei Generationen jünger als diese Altvorderen. Und das prägt seinen Beethoven. Bricht er, jugendlich stürmisch, Rekorde? In den Tempi zuweilen; aber er ist nie auf Weltrekorde aus (die mag Friedrich Gulda in seiner frühen Decca-Einspielung für sich beanspruchen). Altersweise kommt Levits Beethoven sicher nicht daher, aber weise trotzdem. Und risikofreudig. Er reizt die dynamische Palette affektbetont aus, wobei nicht jedes Sforzato gleich den ganzen musikalischen Verlauf aus den Angeln heben muss. Staubfreie Präsenz, luzide Klarheit, sorgsam austarierte Akzente und feinsinnig phrasiertes Melos geben hier den Ton an, strukturelle Präzision und ein exaktes Timing kommen hinzu.

Das zeigt sich in einzelnen Detaillösungen, vor allem aber im grossen Zug, im Drive von Levits Spiel, der den Hörer packt und sozusagen mit sich zieht selbst dort, wo die Musik praktisch an Ort tritt. Dieses Klavierspiel in seiner fast ultimativen, fast grenzenlosen, aber doch jederzeit souverän kontrollierten Expressivität wurzelt den Pianisten sozusagen in der Musik Beethovens fest und lässt ihn von diesem Fundament aus zu einsamen, oft sehr lustvoll geprägten, zuweilen gar himmlischen Höhenflügen ansetzen. Und wie er dabei singen kann auf den weissen und schwarzen Tasten! Und das selbst im hineilenden Prestissimo. Ab und zu nimmt er sich auch Zeit zum Innehalten mit einer unerwarteten Kunstpause zwischen einzelnen Motivsegmenten: Es ist dann, als müsste er dem Klang noch einmal nachhören, nachdenken, bevor er weiterschreitet. Und der Hörer denkt mit.

 

Beethoven: 32 Klaviersonaten.
Igor Levit (Klavier).
Sony 190758431826

Ausgabe: 11 - 2019