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m&t meilenstein

Reinmar Wagner

Haydns «Sieben Worte», eine Satz-Folge aus lauter «lento», «grave» oder «adagio»-Sätzen mit dem finalen «Terremoto», erzählen ohne Text, nur mit den Mitteln des Orchesters, das Leiden Christi am Kreuz nach. Aber langsam heisst nicht langweilig, schon gar nicht bei Riccardo Minasi. Das Leiden des Erlösers wird hier musikalisch überaus sensibel gefasst mit Barmherzigkeit, süsser Heilsgewissheit und einer ahnungsvollen Ehrfurcht vor der Grösse dieses göttlichen Menschenopfers.

Es ist eines der ungewöhnlichsten Werke aus Haydns Feder. Der Auftrag kam auch von einem eher exotischen Ort, aus Cádiz an der andalusischen Atlantikküste, wo sich der Bischof für den Karfreitag zehnminütige musikalische Meditationen zu den sieben Worten Christi am Kreuz wünschte. Sieben langsame Sätze, umrahmt von einer Introduktion und dem abschliessenden Erdbeben, das laut dem Matthäus-Evangelium auf Jesu Tod folgte.

«Die Aufgabe, sieben Adagios, wovon jedes gegen zehn Minuten dauern sollte, aufeinanderfolgen zu lassen, ohne den Zuhörer zu ermüden, war keine von den leichtesten», schrieb Haydn später. «Jedwede Sonate, oder Jedweder Text ist bloss durch die Instrumental Music dergestalten ausgedruckt, dass es den unerfahrensten den tiefsten Eindruck in Seiner Seel Erwecket.» Aber kreativ und originell, wie Haydn immer war, schafft er es bemerkenswert souverän, für klanglichen Reichtum und emotionale Abwechslung zu sorgen. Später veröffentlichte er das Stück auch für Streichquartett, erlaubte eine Klavier-Version und sanktionierte eine vertextete Version aus Passau.

Interessant an dieser wundervollen Einspielung ist, dass zwar Riccardo Minasi aus der Originalklangszene stammt, das Hamburger Ensemble Resonanz aber auf modernen Instrumenten spielt. Es agiert ohne Chefdirigenten, arbeitet mit dem italienischen Geiger aber gerne zusammenarbeitet und hat mit ihm bereits mit Musik von C. Ph. E. Bach nachhaltig für Aufmerksamkeit gesorgt. Und es schafft es hier dennoch auf beeindruckende Weise, die musikalische Rhetorik des klassischen Stils in all seinen Facetten einzubringen, die stilistischen Erkenntnisse subtil anzuwenden, klanglich dabei durchaus «modern» klingt, aber derart elegant und ansprechend spielt, dass man sich dem Charme dieses Spiels trotz des eigentlich nachdenklichen Sujets in keinem Moment entziehen kann.

 

Haydn: Die sieben letzten Worte».
Ensemble Resonanz, Riccardo Minasi.
Harmonia Mundi 902633

Ausgabe: 05 - 2019