Syndicate content


studio

m&t meilenstein

Reinmar Wagner

Mit schöner Regelmässigkeit werden von der Entdecker-Werkstatt der Stiftung «Palazetto Bru Zane» vergessene Perlen der französischen Romantik ans Tageslicht befördert. Ein besonders gelungenes Beispiel ist die Ausgrabung der Oper «La Reine de Chypre» von Fromental Halévy, die unter der Leitung von Hervé Niquet ein von Véronique Gens fulminant angeführtes Ensemble vereint, mit einem Cyrille Dubois als für mich phänomenale Entdeckung als lyrischer Tenor. Schon die Qualität der Interpretation – technisch-musikalisch auf denkbar bestem Niveau, stilistisch sattelfest mit viel Sinn für instrumentale Klangfarben, sängerisch mitreissend und auf allen Positionen adäquat besetzt – spricht für diese Einspielung. Vor allem aber staunt man über das kompositorische Handwerk des 42-jährigen Halévy: «La Reine de Chypre» stellt «La Juive», mit der Halévy sechs Jahre zuvor seinen Durchbruch als ernsthafter Opernkomponist feierte, noch in den Schatten durch Einfallsreichtum, Originalität in der Variabilität der Formensprache oder in der Raffinesse der Stilmittel.

Gleich das einleitende Duett offenbart ein wahres Feuerwerk an geschmeidiger Melodik, die sowohl lyrische wie virtuose Qualitäten der Stimmen fordert. Dazu kommen eine erstaunliche Delikatesse im Spektrum der Klangfarben, eine charmant-raffinierte Harmonik und sogar eine ganze Palette kontrapunktischer Spezialitäten. In diesen einleitenden Nummern mutet das Stück noch so gar nicht an wie eine Grande Opéra – die kommt später umso mehr zu ihrem Recht.

Dass Halévy 1841 in Paris damit Erfolg hatte, erstaunt kein bisschen. Die Oper wurde begeistert aufgenommen, verschiedentlich nachgespielt, konnte sich aber gegen Ende des 19. Jahrhunderts nicht mehr im Repertoire halten und verschwand total von den Spielplänen, bis die Forscher vom «Palazetto» das Stück in einer sehr gut dokumentierten Neu-Edition herausbrachten und Hervé Niquet es 2017 im Théâtre des Champs Elysées konzertant wieder aufführte.

Die historische Figur der Catherine Cornaro, die als eine der schönsten Frauen ihrer Epoche galt und in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts als Königin von Zypern in ziemlich turbulente, intrigen-geschwängerte Polit-Machenschaften verwickelt war, kam Mitte des 18. Jahrhunderts in der europäischen Opernszene übrigens sehr in Mode: Derselbe Stoff inspirierte nicht nur Donizetti zu seiner Oper «Caterina Cornaro», sondern auch Franz Lachner und Michael Balfe.

 

Halévy: «La Reine de Chypre». Véronique
Gens, Cyrille Dubois, Etienne Dupuis,
Eric Huchet, Christophoros Stamboglis,
Artavazd Sargsyan, Tomislav Lavoie,
Orchestre de Chambre de Paris,
Flemish Radio Choir, Hervé Niquet.
Ediciones singulares ES 1032

Ausgabe: 09 - 2018