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Schubert: Sonaten A-Dur D 959 und B-Dur D 960. Krystian Zimerman (Klavier).

 

m&t meilenstein

Werner Pfister

Ganze 25 Jahre ist es her, seit Krystian Zimerman sein letztes Solo-CD-Rezital veröffentlicht hat (die Préludes von Debussy). Doch das Publikum hielt ihm, dem kompromisslosen Perfektionisten, dennoch die Treue, auch wenn die Hoffnung auf eine neue Solo-CD in Richtung Null schrumpfte. Liveaufnahmen mit Orchester – ja. Aber Studioeinspielungen von Solowerken – nein.

Doch kein Entscheid ist so definitiv, dass man nicht auf ihn zurückkommen könnte. Was Krystian Zimerman im Hinblick auf seinen 60. Geburtstag nun getan hat, und im fernen Japan im Studio die beiden letzten Schubert-Sonaten einspielte. Vielleicht sei es sonst bald einmal zu spät, meinte er. Hört man sich die Aufnahme an, kann man getrost sagen: Sie kam zur richtigen Zeit. In nachhaltiger Erinnerung ist Zimermans Einspielung der Schubert-Impromptus von 1991, mit der er sich als begnadeter Schubertinterpret ein Denkmal setzte. Nun also die beiden letzten Sonaten. Und Zimerman wäre nicht Zimerman, wenn er einfach an seinen früheren Schubert-Erfolg angeknüpft hätte. Im Gegenteil – er nutzte die Zeit, um neue Einsichten vor allem in die Klang-, aber auch in die Ausdruckswelt von Schuberts Musik zum Reifen zu bringen.

Das Ergebnis: Er spielt die Schubertsonaten zwar auf seinem Steinway, baute sich dafür aber eine eigene Klaviatur. Das verändert den Klang, geht manchmal in Richtung Bösendorfer, bleibt aber dennoch Steinway, allerdings mit einem anderen Oberton-Spektrum. Das mag beim ersten Anhören etwas verunsichern, überzeugt und fasziniert aber spätestens beim zweiten. So haben wir Schuberts pianistische Schwanengesänge noch nie gehört: ungemein kantabel, jeder Ton inspiriert und diszipliniert, kristallin klar und lebendig artikuliert. In Zimermans Schubertspiel manifestiert sich ein Höchstmass an Reife und Einsicht, an geistiger Durchdringung und – bei Zimerman eh eine Selbstverständlichkeit – an manueller Perfektion. Eigentlich ist es paradox: Immer mehr tritt beim Hören Schubert in den Vordergrund, und den genialen Pianisten scheint man mehr und mehr fast ganz zu vergessen – nur noch Schuberts Musik ist da.

Zimerman gelingt es, dem Beginn der B-Dur-Sonate, diesem grossen, oft düsteren, zuweilen fast jenseitigen Mysterium, auch einen heiteren Optimismus abzugewinnen. Vor allem das Seitenthema perlt und glitzert – bis die Stimmung von einem jähen Basstriller zerstört wird. Ähnliche Eindrücke in der A-Dur-Sonate: Nichts wird zergrübelt; Zimerman bauscht die Musik nicht sentimental auf, verzichtet (meistens) auch auf die Pranke des grossen Virtuosen, obwohl Vieles sehr virtuos und lebensfreudig daherkommt. Die himmlischen Längen werden unter seinen Händen zu himmlischen Schuberterlebnissen, zu einem vielfältigen Kosmos emotionaler Befindlichkeiten. Das kann an Grenzen gehen – besonders beeindruckend, ja fast verstörend im Andantino der A-Dur-Sonate, auf erschütternde Art hochexpressiv. Schubert für die einsame Insel.

Ausgabe: 11 - 2017