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Attila Csampai

Unter den grossen Dirigenten der Gegenwart ist Herbert Blomstedt der Dienstälteste. Der 1927 in den USA geborene Schwede feierte im Juli seinen 90.Geburtstag, was ihn aber nicht hindert, im Herbst eine strapaziöse Welttournee zu planen. Als Dirigent debütierte er 1954 in Stockholm, und leitete dann diverse skandinavische Orchester, bevor er 1975 die Dresdner Staatskapelle übernahm. 1985 ging er nach San Francisco und gab dann nach 1998 auch dem Leipziger Gewandhausorchester entscheidende neue Impulse: So führte er u.a. die alte «klassische» Sitzordnung wieder ein, und verlieh dem sächsischen Traditionsorchester ein ganz neues Profil historisch informierter Transparenz. Wie sich das bei Beethoven auswirkt , kann man jetzt in einem zu seinem Jubiläum erschienenen CD-Zyklus nachhören, den das deutsche Label Accentus jetzt aus Leipziger Rundfunkproduktionen der letzten drei Jahre zusammengestellt hat.

Er unterstreicht mit Nachdruck Blomstedts Bedeutung als einer der führenden Beethoveninterpreten unserer Zeit. Natürlich erwartet man von einem (fast) 90-jährigen Weltbürger keine revolutionären Sprengsätze, aber was Blomstedt da mit unerschütterlicher Souveränität und einer elektrisierenden Frische aus diesen noch immer munter brodelnden Vulkanen an dramatischen Energieschüben herausholt, ohne dabei die objektive Ebene des Materiell-Faktischen, also des strukturellen Kontexts zu verlassen, das verleiht diesen Heiligtümern eine völlig neue innere Logik und Sogkraft: Selten klangen Beethovens Sinfonien so stringent, so druckvoll fliessend und so spannungsgeladen, wobei Blomstedt sein Ego ganz zurücknimmt, und Beethovens ganz speziellen Kompositionsprozess, also die grosse Gedankenlinie in den Mittelpunkt rückt: Das unterscheidet seinen Zyklus entscheidend von allen derzeit angesagten Beethovenrebellen, die sich allzu gerne in spektakuläre Details verlieren, die von aussen emotionalen Zündstoff zuführen.

Blomstedts Zyklus dagegen wirkt wie aus einem Guss, in jedem Detail frappant logisch und zielgerichtet, und er unterstreicht auch die inzwischen wieder erlangte Weltgeltung des Gewandhausorchesters: Und so fügen sich hier auch die prominenten Schlüsselwerke wie die «Eroica» oder die Fünfte ganz nahtlos ein in einen organischen Entwicklungsprozess, der auf alles übertriebene Pathos, auf allen Titanismus, aber eben auch jeglichen Effekt und spektakuläre Klangprofile verzichtet und aus wissender Überlegenheit sich eine letzte Spur von emotionaler Distanz bewahrt.

Selbst die den üblichen sinfonischen Rahmen sprengende, emphatische Neunte klingt frisch, schlank und präzise fokussiert, fast wie ein rational begründeter Durchbruch zu einem neuen kollektiven Musikempfinden. So schärft Blomstedt den Blick auf das Wesentliche, auf das, was Beethovens eigentliche Grösse ausmacht. Ein Zyklus mit Referenzqualität.

 

Beethoven: Sinfonien Nr.1 – 9. Saturova,
Fujimora, Elsner, Gerhaher; MDR
Rundfunkchor, GewandhausChor, Gewandhausorchester
Leipzig, Herbert Blomstedt
(Aufnahmen: 2014–17)
Accentus 80322 (5 CD)
Ausgabe: 09 - 2017