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m&t meilenstein

Reinmar Wagner

So hat seit Harnoncourt niemand mehr Schubert gespielt: Aufsässig, rhythmusbetont, akzentuiert, dabei aber durchdrungen von einer warmen Klanglichkeit, die auch ganz rund und weich sein kann, mit einer Spielkultur, die schmeichelt, wenn sie will, und die – angeführt von den ausgezeichneten Holzbläsern – immer wieder für aparte Klangmischungen sorgt. Michi Gaigg und ihr Originalklang-Ensemble «L’Orfeo Barockorchester», das seit 1996 besteht, sorgten schon einmal, vor fünf Jahren, mit Ouvertüren und der 5. Sinfonie von Schubert für Furore. Ansonsten sind sie eher in der Klassik und im Barock zu Hause, aber dass sich diese Spieltechniken auch in der Romantik bestens bewähren, wissen wir unter anderem ebenfalls dank Nikolaus Harnoncourt längst.

Aufhorchen lässt auf ihrer neuen Schubert-CD jetzt aber nicht nur das Klangbild, sondern zwei weitere Elemente: Zum einen das Repertoire, das wieder einmal die erstaunliche Bandbreite von Schuberts Oeuvre aufzeigt und mit selten gespielten bis völlig unbekannten Ausschnitten aus seinen Singspielen und Opern aufwartet. «Claudine von Villa Bella», schon mal gehört, nicht im Zusammenhang mit Goethe, sondern Schubert? Eine bezaubernde Arie aus dem Fragment serviert uns diese CD, und ermöglicht die Begegnung mit Adrast, einem unglücklichen Helden aus Herodots «Historien». Ein Libretto seines Freundes Johann Mayrhofer hat Schubert ebenfalls als Fragment liegen gelassen. Vollendet hat er hingegen die Komödie «Die Freunde von Salamanka» aus Mayrhofers Feder. Bekannter sind die Opern «Fierrabras» und «Alfonso und Estrella», aus der «Zauberharfe» gibt’s neben der bekannten Ouvertüre, eine zauberhafte Romanze und ein weiteres fulminantes Orchesterstück.

Und zum zweiten lässt eine Stimme aufhorchen, die man zwar mit Schuberts Liedern schon sehr gut kennt: Daniel Behle. Der deutsche Tenor hat mit seinem natürlichen, unaffektierten Gesang und der Geschmeidigkeit und klangfarblichen Vielfalt seines Tenors wiederholt auf sich aufmerksam gemacht. Klug, auch hier, wie er seine Gestaltungsmittel dosiert und variiert, wie er manches in der etwas naiven Einfachheit stehen lassen kann, aber durchaus auch kurz tenoralen Strahlenglanz aufscheinen lässt, dabei aber immer kontrolliert bleibt und stets den Eindruck hinterlässt, noch über grosse Reserven zu verfügen. Zusammen mit seiner vorbildlichen Diktion, die dem Verständnis dienlich ist, ohne demonstrative Deutlichkeit zu suchen, lässt er Schuberts oft zweifelnde, unsichere, manchmal verträumte oder melancholische Figuren lebendig werden, ganz ohne seine sängerische Virtuosität in irgendeiner Weise in den Vordergrund zu stellen.

 

Schubert: Arien und Ouvertüren aus
«Die Zauberharfe», «Die Freunde von
Salamanka», «Adrast», «Lazarus», «Alfonso
und Estrella», «Fierrabras» u.a. Daniel
Behle (Tenor), L’Orfeo Barockorchester,
Michi Gaigg.
DHM Sony 889854 072124
Ausgabe: 07 - 2017