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Reinmar Wagner

Was für ein schöner Auftakt zum Reformationsjahr 2017! Luther hat Vieles aus der Kirche entfernt, die Musik aber mochte er sehr, und Luther hat seinen grossen Beitrag zum reformierten Choral mit zahlreichen Texten (über 30) und auch ein paar Melodien geleistet. Natürlich gehörten diese Choräle auch zum Kernrepertoire von Bachs Aufgaben als Thomaskantor in Leipzig. Rund ein Viertel seiner über 200 Kirchenkantaten enthalten nicht nur Choräle, sondern haben einen Choral als Ursprung und Kern, als textliche wie musikalische Grundlage und Inspiration. Dreizehn von diesen «Choralkantaten» haben einen Lutherchoral als Basis, und diese dreizehn hat Christoph Spering in Köln mit seinen Ensembles sowie einem sehr sorgfältig ausgesuchten Ensemble von Gesangssolisten eingespielt.

Natürlich gibt es die grandiose Gesamtaufnahme der Bach-Kantaten von Ton Koopman. Natürlich ist sie noch immer legendär – wenn auch in ihrer Zeit verhaftet – die Totale, die Harnoncourt und Leonhardt in den 60er-Jahren begannen. Gardiner und Suzuki haben den Kantatenkosmos Bachs, mindestens, was die Werke für die Kirche angeht, vollständig ergründet. Dennoch ist die Neubegegnung, die Spering ermöglicht eine Bereicherung, weil er sich auch durch seinen interpretatorischen Ansatz von den Genannten abhebt.

Sein Klangbild ist flächiger, er sucht nach Einheitlichkeit innerhalb einer Kantate, und muss nicht um jeden Preis die Originalität jeder Nummer betonen. Spering präsentiert stets eine überlegte, liebevolle Annäherung an jedes einzelne Werk. Zum Beispiel variiert er die Begleitung der Rezitative nicht nur, was die Continuo-Instrumente Orgel und Cembalo betrifft, sondern kehrt hin und wieder auch zur unter den Originalklang-Spezialisten verpönten Praxis der ausgehaltenen Akkorde zurück. Nicht ohne Reiz, wenngleich man das lieber nicht mehr als permanente Begleitmethode hören möchte. Und die Orgel wird durch oft prägnante Registrierung immer wieder prominent in den Vordergrund gerückt, auch das unüblich, aber klanglich durchaus reizvoll, so lange es nicht ständig gleich gemacht wird.

Spering ordnet seine Einspielung nach dem Kirchenjahr, was natürlich sinnvoll ist, aber nicht wirklich von zentraler Bedeutung. Denn egal wie man sich durch Bachs Kantaten hört, es gibt kein Stück, das nicht seine besonderen Reiz hätte, permanent staunt man über den Reichtum an Satztechniken, Besetzungen und Bachs musikalischem Einfallsreichtum, der immer stark von den Texten ausgeht und sie in ihrer Dramatik und in ihrem geistlichem Gehalt virtuos zum Sprechen bringt. Grandiose Chorsätze sind da zu finden, wie etwa der Eingang zur Weihnachtskantate «Christum wir sollen loben schon», immer wieder freut man sich über kunstvolle Fugenkünste («Wär Gott nicht mit uns in dieser Zeit») oder über die bei Bach so typischen virtuosen Soloinstrumente, die dem Gesang duettierend zur Seite stehen. Die spiel- und gesangstechnischen Qualitäten aller Beteiligten sind durchwegs hoch, sodass man sich einfach nur freuen kann über diese diskografische Bereicherung von Bachs Kantatenuniversum.

 

J. S. Bach: Lutherkantaten. Chorus Musicus
Köln, Das Neue Orchester, Solisten, Christoph
Spering.
Deutsche Harmonia Mundi 889853 208326
(4 CDs)
Ausgabe: 01 - 2017