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Kolsimcha & London Symphony Orchestra

 

m&t meilenstein

Attila Csampai

Der Basler Pianist und Komponist Olivier Truan ist ein Musikbesessener, ein Multitalent und ein Mann mit Visionen. Seit nunmehr 28 Jahren prägt er das musikalische Profil des Schweizer Klezmer-Quintetts «Kolsimcha», das die jüdische Traditionsmusik zunächst auf Hochzeiten spielte, doch bald danach die internationalen Konzertsäle eroberte. Im Unterschied zu den meisten anderen in alten Mustern dümpelnden Klezmer-Bands aber pflegte «Kolsimcha» von Anbeginn eine faszinierende, wirklich weltumspannende stilistische Offenheit, die neben den jüdischen Musiktraditionen Folklore und Tanzmusik aus dem gesamten Balkanraum bis hinunter in die Türkei und den vorderen Orient mit einbezog, und diesen südosteuropäischen Musikteppich mit Jazzimprovisationen und Anleihen aus der abendländischen Klassik zu einer Art neuer Weltmusik, zu «Contemporary Klezmer», weiterentwickelte. Diese verwirrende stilistische Vielfalt und dieser unerschöpfliche Einfallsreichtum ist aber stets eingebunden in einen betörenden Rausch improvisatorischer Virtuosität und überbordender Spielfreude, die wie Funken des wirklichen Lebens sofort jeden Zuhörer, jedes Publikum elektrisieren und mitreissen. Dafür bürgen auch die beiden Top-Solisten Ariel Zuckermann (Flöte) und Michael Heitzler (Klarinette).

Nach zehn erfolgreichen CDs wollte «Kolsimcha» jetzt einen langgehegten Traum verwirklichen: Schon zuvor hatten sie immer wieder Konzerte mit klassischen Sinfonieorchestern gegeben, und diesen fertige Arrangements vorgelegt. Für das erste sinfonische Album aber wollte Truan gleich das London Symphony Orchestra engagieren. Und da die nicht ganz billig sind und er auch die Abbey-Road-Studios buchen wollte, gab es nur einen Ausweg: Crowdfunding. Über das britische Internetportal «kickstarter» sammelte er in wenigen Tagen die nötige Summe, und so kam es in London im vergangenen August zu der denkwürdigen Studiosession zwischen der Schweizer Klezmer-Band und 70 hochmotivierten britischen Klassik-Cracks: Fast alle 16 Tracks des Albums hatte Truan selbst komponiert und für das LSO orchestriert. Und danach waren alle, Musiker wie Tonmeister, restlos begeistert.

Dieses Album fällt wirklich mit der Tür ins Haus. Schon nach wenigen Takten des wilden Eröffnungsstücks «Autostrada» ist man schier überwältigt von der geballten Power und der unglaublichen rhythmischen Präzision dieser musikalischen Hochgeschwindigkeitsorgie für 75 Solisten. Wie wenn man in einem Ferrari auf einer imaginären Balkanautobahn von Budapest bis Istanbul mit 300 Sachen durchrasen – und heil ankommen würde: Ein einziger Ausbund an Lebensfreude, schlicht unwiderstehlich. Und dann folgt ein 70-minütiges Abenteuer quer durch alle Stile, Landschaften, Rhythmen und Spielfiguren des modernen «Klezmer», der eindringlich belegt, dass auch ein solches Weltklasse-Orchester zirzensisch brillieren und auf hohem Niveau unterhalten kann, wenn man es nur richtig «füttert».

Ausgabe: 05/06 - 2014