Syndicate content


festival

Bilder: Priska Ketterer/Lucerne Festival

Riccardo Chailly: «Rachmaninow hatte ein weit moderneres Selbstverständnis als wir dies glauben.»

 

Riccardo Chailly über die Klarheit, Modernität und Originalität von Sergej Rachmaninow
Modern, aber doch tonal
Er residierte bekanntlich in Hertenstein am Ufer des Vierwaldstättersees, unmittelbar gegenüber von Luzern. Dennoch wurde Sergej Rachmaninows Musik von der Avantgarde oft übergangen und geschmäht. Riccardo Chailly setzt diesen Sommer nun mit dem Lucerne Festival Orchestra einen markanten Schwerpunkt mit Werken des russischen Komponisten.

Kai Luehrs-Kaiser (Text) & Priska Ketterer (Fotos)

Seltsam, aber auf eine ganze Generation miesepetriger Granden der alten Zeit – von Reiner, Stokowski oder Szell bis Karajan – ist heutzutage eine Garde höchst umgänglicher, freundlicher und netter Maestros gefolgt. Abbado, Blomstedt und Chailly führen das ABC der Dirigier-Darlings nun an. Leute wie Haitink, Jansons, Nelsons oder Rattle gehören genauso dazu. Unter ihnen dürfte Riccardo Chailly – als Chefdirigent der Mailänder Scala und des Lucerne Festival Orchestra – der zurzeit am höchsten Gestiegene sein.

Als Abbado-Nachfolger in Luzern hat Chailly nie ein Hehl daraus gemacht, dass er das kammerorchestrale Erbe seines Vorgängers respektieren und weiterpflegen will. «Alles geht um Balance», so Chailly im Gespräch. «Nicht umsonst hat Claudio Abbado das Orchester, das ja im Kern aus Musikern des Mahler Chamber Orchestra besteht, dazu aufgefordert, vor allem aufeinander zu hören.» Dieser Anspruch besteht bis heute. Die Folge ist, dass die Leitung dieses Orchesters für ihn sogar einfacher sein dürfte als bei einem traditionellen Klangkörper.

Zu neuen Repertoire-Ufern führt Chailly das Lucerne Festival Orchestra in Gestalt eines Rachmaninow-Zyklus, in dessen Zeichen das diesjährige Eröffnungskonzert steht. «Das Orchester hat bisher wenig Rachmaninow gespielt, obwohl dieser über einen so ausgeprägten Luzern-Bezug verfügt», so Chailly. Besonders Werke, die mit dem Wohnort des Komponisten am Vierwaldstättersee zusammenhängen, machen den aktuellen Schwerpunkt unwiderstehlich.

Rachmaninow residierte und komponierte bekanntlich in Hertenstein am Ufer, direkt gegenüber von Luzern. Er liess das Haus, in dem er lebte, das er «Villa Senar» taufte (als Akronym aus seinem eigenen Vornamen Serge und dem seiner Ehefrau, Natalia), nach eigenen Entwürfen bauen. Und zwar im Bauhausstil. «Für mich war der Besuch des Hauses ein Schlüsselerlebnis», erzählt Chailly, «denn ich stand verdutzt vor der Tatsache, dass sich Rachmaninow, den wir doch meistens für einen Spätromantiker halten, ein sehr modernes Haus gebaut hatte.» Offenbar ein Statement, so Chailly.

«Rachmaninow hatte ein weit moderneres Selbstverständnis als wir dies glauben», fügt Chailly an. «Die Eleganz und die klaren Linien des weissen Gebäudes, das er sich baute, finden sich auch in seiner Musik wieder.» Die wird von uns, mit anderen Worten, nur deswegen für unmodern gehalten, weil Rachmaninow streng zur tonalen Welt hielt und ungeachtet aller Modernität weiterhin harmonisch komponierte. «Wir müssen, um Rachmaninow zu verstehen, einen Weg finden, Tonalität und Moderne zusammen zu denken – nicht aber als Widersprüche.»

Das ist ein im Grunde rasend interessanter Ansatz. Er könnte, ganz nebenbei, aus der Zwickmühle dürrer und dogmatisch gewordener Atonalität herausführen. Und das mit einem Komponisten, dessen Musik vom Kollegen Richard Strauss seinerzeit als «gefühlvolle Jauche» verspottet wurde. Sie war damit fast erledigt – bis heute.

«Ein Weg zum Verständnis des wahren Rachmaninow bestand für mich in der Art, wie er selber seine Musik spielt.» Rachmaninow, auch einer der grössten Pianisten aller Zeiten, hat ja alle seine vier Klavierkonzerte auf Schallplatten eingespielt. Er war dabei äusserst selbstkritisch und diffizil bei der Freigabe der Bänder (Zum Vergleich: Die Beethoven-Sonaten mit dem Geiger Fritz Kreisler hätten nach Rachmaninows eigenem Willen nie erscheinen sollen; er fand sie nicht gut genug. Nur Kreisler setzte es durch).

«Rachmaninows Spiel war sehr vorwärtsdrängend, niemals süsslich, immer klar in der Struktur», so Chailly. «Er vermied alles Rückwärtsgewandte. Sein Pech war nur, dass seine ersten Interpreten, zum Beispiel Alexander Glazunov, ihn zu romantisch dirigiert haben.» Entsprechend abschätzig wurde er dann von Strawinsky, Adorno und anderen Wortführern späterer Generationen aufgefasst. Und abgelehnt.

«Ich dirigiere Rachmaninows drittes Klavierkonzert aus jener Partitur, die bei Willem Mengelberg auf dem Pult lag, als Rachmaninow selber spielte – und in die zahlreiche Hinweise des Komponisten eingetragen sind.» Das Ergebnis: ein schlankerer, struktureller Rachmaninow, der für die Tonalität einen ganz eigenen Weg in die Moderne bahnte. Mit dieser Vorstellung, man muss es zugeben, hatte Rachmaninow kaum Erfolg. Er gilt trotzdem als hoffnungsloser Postromantiker.

Mit seinem Rachmaninow-Schwerpunkt bewirkt Riccardo Chailly für das Lucerne Festival Orchestra, das unter seinem Vorgänger Abbado nur mit den Klavierkonzerten in Berührung gekommen war, einen Fortschritt. Freilich, 1993 veranstaltete man bereits einen Rachmaninow-Schwerpunkt zum 50. Todestag und zugleich 120. Geburtstag mit der Tondichtung «Die Toteninsel», zwei Klavierkonzerten, der Kantate «Die Glocken» sowie Vespern und einem Klaviermarathon. Auch die zweite, nicht aber die dritte Symphonie, wurde aus diesem Anlass gespielt. «Die Dritte markiert einen grossen Fortschritt Rachmaninows schon in Bezug auf seine Orchestrierungskunst», erläutert Chailly. «Er hatte inzwischen den amerikanischen Jazz kennengelernt und vollzog einen weit entschiedeneren Schritt weg von Tschaikowsky.» Auch das dritte Klavierkonzert, in Luzern gespielt von Denis Matsuev, verfolgt diese Bewegung. «Das Klavierkonzert Nr. 3 ist ein echtes Monster», so Chailly. «Ich habe es vor vielen Jahren mit Martha Argerich am Klavier auf Schallplatten aufgenommen, und selbst Martha Argerich sagte mir anschliessend: ‚Nie wieder!’ Es war ihr zu schwer.»

Mit Denis Matsuev steht dagegen ein echter Rachmaninow-Missionar zur Verfügung. Matsuev hat oft am Klavier Rachmaninows in Hertenstein gesessen (und sogar CDs dort produziert). Und mit Chailly schon Grieg und Tschaikowsky an der Mailänder Scala aufgeführt. Das Dritte von Rachmaninow sei immerhin so anspruchsvoll, dass der Komponist selber eingeräumt habe, Vladimir Horowitz und Walter Gieseking könnten es besser spielen als er selbst. «Schon für diese Ehrlichkeit, muss ich sagen, verehre ich ihn», so Chailly.

Dass er diese Werke – einschliesslich einer Orchesterfassung der berühmten «Vocalise» – in Luzern zu einer Superdosis Rachmaninow kombiniert, stellt ein enorm starkes Votum dar. «Rachmaninows Originalität bestand darin, dass er Melodien nicht über die harmonischen Strukturen legte wie sonst üblich. Er bildete durch Akkorde die Melodien. Das ist einzig in seiner Art», so Chailly über Rachmaninow. Und soll in diesem Festspielsommer konzertiert und konzertierend bewiesen werden. Wie schön, dass es noch echte Ziele gibt. ■

«Das Klavierkonzert Nr. 3 
ist ein echtes Monster»

Ausgabe: 09 - 2019