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Bild: Vera Markus

«Es wäre unwahrscheinlich gewesen, dass ich kein Instrument gespielt hätte»: Chiara Enderle wuchs in einer Musikerfamilie auf.

 

Die Cellistin Chiara Enderle prägt den Boswiler Sommer und spielt Bach in Flims
«Meine Finger sind meine Athleten»

Reinmar Wagner

Vom 29. Juni bis zum 7. Juli dauert der «Boswiler Sommer» dieses Jahr. Elf Konzerte umfasst das Klassik-Festival insgesamt, und in nicht weniger als sieben davon hat Chiara Enderle einen Auftritt. Das Spektrum reicht vom Solokonzert über das Streichquartett bis zum Duo. Eine geradezu sportive Herausforderung, zu der bestens passt, dass der erste Auftritt während der musikalischen Festival-Wanderung stattfindet: Chiara Enderle spielt zusammen mit dem jungen Bratschisten Timothy Ridout – dem anderen Residenz-Künstler des Festivals – Beethovens «Duett mit zwei obligaten Augengläsern», ein musikalischer Spass des wohl etwa 25-jährigen Beethoven, der leider unvollendet blieb.

In Tschaikowskys «Rokoko-Variationen» und einem Cellokonzert von Vivaldi ist Chiara Enderle zu hören, aber auch als Mitglied der farbig besetzten diversen Kammermusik-Ensembles. Und auch im Streichquartett, was ein spezieller Auftritt sein wird. Ihre Eltern Matthias Enderle und Wendy Champney gründeten vor über 30 Jahren das mittlerweile legendäre «Carmina»-Quartett. 2017 erkrankte der Cellist Stephan Goerner, im Jahr darauf starb unerwartet die Geigerin Susanne Frank. Chiara Enderle, die auch zuvor schon in loseren Besetzungen mit ihren Eltern und dem Quartett musiziert hatte, ist nun die Cellistin des Ensembles, als neue zweite Geige spielt darin die ebenfalls 1992 geborene Polin Agata Lazarczyk.

So rundet sich in diesem Ensemble die noch junge Biografie der Cellistin: Als kleines Kind schon war sie ständig dabei auf den Konzerttourneen des Carmina-Quartetts. Dass sie Musikerin werden würde, zeichnete sich schon früh ab, vermutet man. Aber Chiara Enderle relativiert: «Stimmt nicht unbedingt. Zwar wäre es sehr unwahrscheinlich gewesen, wenn ich kein Instrument gespielt hätte. Alle Verwandten und Freunde in meiner Umgebung haben Musik gemacht, viele im Amateurbereich, alle mit viel Spass an der Sache. Natürlich wollte ich das auch. Dass ich professionelle Musikerin geworden bin, war hingegen nicht von Anfang an vorgezeichnet. Ich habe viele Interessen, es wären auch andere Berufe für mich sehr gut in Frage gekommen.»

Der Gedanke, Musikerin zu werden, reifte langsam heran, es gab keine plötzliche Erleuchtung: «Lange war mir nicht wirklich bewusst, was es bedeutet, professionelle Musikerin zu sein, erst während dem Studium habe ich gründlich darüber nachgedacht, ob ich das wirklich will. Und es tat gut zu merken, dass es für mich stimmt. Die grossen Solokonzerte begleiten uns während des Studiums ständig, und man möchte sie schon irgendwann im Konzert aufführen. Aber ich konnte nicht erwarten, dass ich als Solistin erfolgreich sein würde. Ich habe es gehofft, aber sah die Möglichkeiten realistisch. Umso glücklicher bin ich, dass es möglich geworden ist.»

Auch auf CD hat Chiara Enderle bereits ihre Visitenkarte abgeliefert: Zum einen hat sie das bis dahin praktisch unbekannte Konzert des Beethoven-Zeitgenossen Anton Wranitzky eingespielt. Wenig bekanntes Repertoire spielt sie auch auf ihrer zweiten CD, die beim Migros-Label «Musiques Suisses» erschien: Neben den hin und wieder gespielten «jüdischen» Cellostücken von Ernest Bloch hat sie auch die drei hintergründigen und introspektiven Cello-Solosuiten aufgenommen. Solche Herausforderungen mag Chiara Enderle, wie etwa auch beim Cellokonzert von Schönberg, das in seiner gewollt lächerlichen Virtuosität höchste Schwierigkeiten an die Solistin stellt: «Es macht mir Spass, an meine technischen Grenzen zu gehen. Ich fühle mich dann wie ein Sporttrainer und meine Finger und mein Körper sind meine Athleten.»

Sie sind gut trainiert, diese Athleten, anders wäre ein so dicht gepacktes Konzertprogramm wie am Boswiler Sommer nicht machbar. Und Chiara Enderle setzt noch einen drauf: Am 7. Juli, gleich nach der Abschluss-Matinee in Boswil, fährt sie nach Winterthur und spielt am Abend im Rychenbergpark mit dem Musikkollegium Tschaikowskys «Rokoko-Variationen» unter der Leitung von Roberto Gonzales Monjas. Tschaikowskys «Cellokonzert» spielt sie auch schon am 2. Juli, begleitet vom Festival-Ensemble Chaarts in Boswil. Körperlich fit und geistig beweglich – so ist sie, die Jugend von heute. Jedenfalls hat Chiara Enderle in dieser Beziehung im Haifischbecken der internationalen Klassik-Szene nichts zu befürchten.

 

Chiara Enderle in Boswil

• «Walk & Wonder», 29.6., 10–15 h, 
Beethoven: Duett für Viola und Cello • «Himmel und Erde», 29.6., 19.00 h, Kammerversionen von Holsts «Planeten» und Mahlers «Lied von der Erde» • «Pioniere», 30.6., 11.00 h, Oboenquartett von Mozart, Glasunow: Streichquintett • «Casanova», ... Weiter
Ausgabe: 07 - 2019