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Bild: Origen/Benjamin Hofer

Giovanni Netzer:«Vor dem Berg hat man andere Fragen, als wenn man vor dem Einkaufszentrum steht». Der Julierturm von Origen erwartet seinen ersten Winter.

 

Warum der Julierpass für Giovanni Netzer ein besonderer Ort ist und der Turm deshalb gerade hier stehen muss
«Man spürt 
die Kraft»
Origen, das Kulturfestival zieht es in die Höhe, an magische alpine Orte. Der im Sommer eröffnete Turm steht sichtbar und sinnbildlich dafür. Im Gespräch erläutert Festival-Gründer und -Intendant Giovanni Netzer seine Visionen 
und Ideen – und weshalb Musik- und Bewegungstheater in derart exponierter Natur unsere existenziellen Urfragen eindringlicher erlebbar machen kann als im urbanen Alltag.

Andrea Meuli

«Bewegung ist vielleicht die fundamentalste Art 
des Ausdrucks, über die 
der Mensch verfügt»

 

M&T: Giovanni Netzer, ist man Mythischem in den Bergen näher als in der Stadt?

Giovanni Netzer: Definitiv! Das ist die Erfahrung, die ich selber gemacht habe. Ich bin in den Bergen aufgewachsen. Und es ist auch die Erfahrung, die wir mit den Künstlern machen, die eine Zeit lang in den Bergen arbeiten, vor allem, wenn es auch noch extreme landschaftliche Situationen sind. Vor dem Berg hat man andere Fragen, als wenn man vor dem Einkaufszentrum steht.

M&T: Was reizt Sie an ungewöhnlichen Spielorten?

Giovanni Netzer: Für mich tragen Orte Geschichten in sich. Das ist eine Erfahrung aus meiner Kindheit. Im romanischen Sprachbereich, wo ich aufgewachsen bin, gibt es viele Legenden, die mit einem Ort in Verbindung gebracht werden. Es gibt Kristallpaläste, einen Julierpalast auf dem Pass, der natürlich nie gebaut wurde. Aber man merkt, dass die Fantasie der Menschen, die in und mit einer Landschaft leben und wohnen, Figuren und Geschichten anzusiedeln beginnen. So entstehen Mythen, so entstehen Sagen. In diesem Fluidum bin ich letztlich aufgewachsen. Das heisst, wenn ich durch die Landschaft fahre, sehe ich beispielsweise die Ruine eines Hauses und erinnere mich an die Geschichte, die mein Grossvater dazu erzählt hat. Oder ich sehe ganz bestimmte Wetterstimmungen auf dem Julier, die Assoziationen auslösen oder die geradezu danach drängen, dort eine Geschichte zu erzählen und die Kraft dieser Landschaft erlebbar zu machen wie es kein Theater vermag.

M&T: Warum ist das so, können Sie das erläutern?

Giovanni Netzer: Wenn man über Ewigkeit redet, und es erscheint eine Figur aus einer grossen Landschaft heraus auf der Bühne, dann betritt sie die Szenerie mit dem ganzen Gewicht des Berges und der Steinwüste, wie sie etwa den Julier beherrscht. Sie bündelt also eine unglaubliche Prominenz und grosse Kraft, die aus der Realität der tatsächlich vorhandenen Landschaft gespeist wird und nicht von der Illusion einer Kulisse lebt. Diesen Ansatz finde ich für jemanden, der in Graubünden Theater macht, wo es keine grossen Theaterhäuser gibt, sehr spannend, auch naheliegend. Und ich glaube je länger je mehr daran, dass er vielleicht auch eine alpine Eigenständigkeit dokumentieren kann, die nicht nur im Bereich romantischer Erfahrung oder des Heidihaften funktioniert, sondern eine individuelle eigene Position verkörpert.

M&T: Näher dem Existenziellen?

Giovanni Netzer: Ja. Fährt man im Winter – vielleicht in einer Novembernacht bei grossen Schneeverwehungen und wenig Verkehr – über den Julier, dann weiss man: Wenn ich jetzt von der Strasse abkomme, dann muss man mich finden, sonst erfriere ich. Diese Dimension hat die Landschaft, auch wenn sie kultiviert ist.

M&T: Ist der Julierpass ein besonderer Ort für Sie?

Giovanni Netzer: Für mich ist es ein Ort, an dem sich sehr viel verdichtet. Zunächst denkt man an eine historische Dimension. Man weiss, dass durch Jahrtausende illustre Figuren – grosse Heerführer, Händler, Krieger und alles mögliche – auf einer ganz schmalen Strasse über diesen Pass gezogen sind. Darüber hinaus treffen an diesem Punkt grosse Kulturräume zusammen. Es gibt kontinentale Plattenverschiebungen, die am Julier sichtbar sind und die Jahrmillionen abbilden. Und der Julier ist auch so etwas wie ein Nabel. Die Bäche hier oben fliessen in vier Weltmeere. Kommt hinzu, dass die Erfahrung hier oben so etwas wie eine Antihaltung zum heutigen Begriffsverständnis bedeutet: Der Nabel der Welt bezieht sich eigentlich immer auf grosse Städte und Metropolen. Doch von diesem kargen Ort aus gibt es Quellpunkte, wovon etwas in die Welt hinaus geht – das fasziniert mich. Auch die Frage der Wetterscheide ist für mich zentral. Es gibt am Julier unglaublich schnelle Wetterwechsel, die der Landschaft eine hohe dramatische Dimension geben. Innerhalb einer Vorstellung kann sich das Wetter mehrmals ändern. Wetter bedeutet auch die Präsenz von etwas Numinosem, wie etwa der Berg in schnell vorbeiziehende Wolken gehüllt wird. Mir als Alttestamentarier fallen dabei bestimmte Bilder ein – das Lokalisieren der Götter auf den Bergen, das Sinnbild eines Geistes im Nebel. Das sind Urbilder, die in vielen Kulturen vorkommen, zu denen wir heute einen gewissen Abstand haben, die aber trotzdem ihre starke Wirkung bewahrt haben und nach wie vor funktionieren.

M&T: Die Apokalypse szenisch auf dem Julier aufzuführen geschah mit solchen Gedanken im Hintergrund?

Giovanni Netzer: Auf jeden Fall. Fahren während einer Vorstellung rund fünfzig Blitze nieder, kann man noch so abgeklärt sein, sich jedoch der elementaren Wirkung, die ein solches Wetter auf die Menschen hat, nicht entziehen können.

M&T: Wetter, Kraft der Natur – vieles lässt sich messen und ist erklärbar. Aber ist der Mensch – sowohl jener, der hier etwas aufführt wie jener, der als Zuschauer aufnimmt – an einem solchen Ort dem Unerklärlichen näher, lässt es sich eher künstlerisch umsetzen?

Giovanni Netzer: Auf jeden Fall. Es geht gar nicht immer um die grossen Effekte, sondern beispielsweise auch um Stille. Eine Stille, die man heute sonst fast nicht mehr kennt. Hier oben ist es nachts auch wirklich dunkel. Die Präsenz der Sterne, die Reflexion des Schnees – wenn man da eine Zeit lang steht, spürt man die Kraft der Natur, auch die Gefahr und kommt sich sehr klein vor. Diese Dimension, von der ich glaube, dass sie den Menschen in seiner Eigenwahrnehmung zurechtrückt, finde ich spannend. In einer Stadt, in der alles Sichtbare menschengemacht ist, lässt sich dieses Gefühl so nicht herstellen.

M&T: Sie haben immer wieder Spielorte gesucht und gewählt, an denen die Überforderung als Möglichkeit latent ist. Was fasziniert Sie an der Herausforderung eines Spiels hart an der Grenze des Scheiterns?

Giovanni Netzer: Bei den grossen Freilichtaufführungen haben wir den Anspruch an uns selber gestellt, bei jedem Wetter zu spielen. Dabei wurde uns rasch klar, dass dies eine extreme und auch unterschätzte Anforderung an die Darsteller bedeutet. Denn die völlige Kontrollierbarkeit, wie man sie sonst beim Theater hat und an deren Perfektion man fortwährend arbeitet – dass man auf eine tadellose Akkustik zählen kann, dass kein Geräusch eindringt, all das gibt es hier nicht. Vielmehr sehen wir uns einer Natur gegenüber, die sich nicht beeinflussen lässt. Einmal scheint die Sonne, dann prasselt der Regen nieder, einmal haben wir null Grad, am nächsten Tag zwanzig Grad – und so weiter. Das führt dazu, dass man als Schauspieler oder Tänzer diesen elementaren Herausforderungen gegenüber stets offen sein muss. Was den grossen Vorteil mit sich bringt, dass das Spiel nie routiniert wird.

M&T: Eine Grundspannung, gegeben durch die äusseren Voraussetzungen?

Giovanni Netzer: Die ist immer da. Und sie ist auch gefährlich. Wenn Nebel auf dem Julier auftritt und die Bühne innert weniger Minuten nässt, wird es für einen Tänzer bedrohlich. Doch damit muss er umgehen. Letztlich geht man aus solchen Situationen bereichert hervor, weil sie einem die Möglichkeit bieten, sich zu behaupten. Auch wenn es physisch ungemein anstrengend sein kann. Ich erinnere mich beispielsweise an eine Winteraufführung in Silvaplana am See, als der Schnee immer weicher wurde und allein das Gehen auf dieser Unterlage den Darstellern alles abverlangte.

M&T: Starke Bildwirkungen sind Ihnen wichtig. Eignet sich die Sprache der Bewegung besonders gut, um solche Inhalte zu vermitteln?

Giovanni Netzer: Das war eine Entdeckung unserer Freilichtaufführungen. Dass Bewegung vielleicht die fundamentalste Art des Ausdrucks ist, über die der Mensch verfügt. Mag es auf dem Pass noch so sehr stürmen, dass die Stimme und erst recht alle Instrumente versagen, kann sich diese sehr archaische Art der Kommunikation dennoch behaupten. Man muss sich auf die wesentlichen Dinge konzentrieren, um auch neben einem grossen Steinblock in seiner archaischen Kraft bestehen zu können. Das kann funktionieren, wo Sprache und Musik scheitern müssten.

M&T: Biblische Stoffe sind gleichsam ein Leitfaden durch «Origen». Warum?

Giovanni Netzer: Das hat weitgehend mit mir zu tun. Es sind die Stoffe, mit denen ich aufgewachsen bin. Es sind vor allem alttestamentarische und vor allem auch mythische Stoffe, die in anderen Kulturen in ähnlichen Varianten auch vorkommen. Diesen Zugriff aus einer spezifisch europäischen Sicht zu wagen hat mich immer fasziniert. Allerdings – und das war genauso immer mein Anspruch – ohne in einen historisierenden Nazarener-Stil zu verfallen, sondern die Figuren unverstellt auf die Bühne zu stellen und herauszufinden, ob sie heute noch taugen.

M&T: Archaik zieht Sie demnach auch inhaltlich an…

Giovanni Netzer: … das Alte Testament ist in seiner ganzen Härte und Brutalität irgendwo auch sehr menschlich. Es gibt kaum Ideologien in diesen Geschichten. Vielmehr handeln sie von Menschen, die Probleme miteinander haben, und die ihre Götter zu verstehen und einzuordnen versuchen, die Kriege führen und scheitern und scheitern und scheitern. Von daher waren das für mich immer Stoffe, die etwas allgemein Menschliches ausdrücken.

M&T: Diesen Herbst handelt Ihre neue Produktion von Herodes. Was interessiert Sie an dieser Figur?

Giovanni Netzer: Herodes ist ein Diktator aus alten Zeiten, wie es sie heute wieder gibt. Beim Studium seines Lebens war es spannend und erschreckend, zu sehen, dass er einen Typus Machthaber darstellt, von dem wir vor zwanzig Jahren noch glaubten, er hätte sich in einem modernen demokratischen System überlebt. Herodes ist ein Urtyp eines politisch fast schon genialen Menschen, der es irgendwie schaffte, in den Macht-Vakua seiner Zeit über Jahrzehnte hinweg so zu lavieren, dass er politisch überlebte. Gleichzeitig ist er zu einem der ganz grossen Bösewichte in der Weltliteratur geworden, von dem man heute weiss, dass er genau für das, was ihm überall unterstellt wird – den Kindermord in Betlehem – nicht zuständig ist. Den hat er nachweislich nicht angeordnet. Hingegen liess er gleich mehrere seiner Söhne umbringen. Solche Figuren sind für die Bühne natürlich spannend. Das erschreckende Moment für mich war, zu erkennen, dass es eine Verwandtschaft gibt zwischen Herodes und Diktatoren, die heute ihr Unwesen in ähnlichen Weltregionen treiben. Dass der eigene Machterhalt über das auch nur rudimentäre Wohl des Volkes gestellt wird. Daher lohnt es sich über solche Herrscher-Archetypen nachzudenken.

M&T: «Origen» hat sich programmatisch nie mit leicht konsumierbarer Kost angebiedert. Dennoch ist das Festival erfolgreich, Jahr für Jahr. Wird die Neugier, die Offenheit des Publikums üblicherweise unterschätzt?

Giovanni Netzer: Ich denke, ja. Wir waren lange sehr konsequent und haben fast ausschliesslich neue Dinge produziert. Das interessiert natürlich ein eingeschränktes Publikum, diese Leute hingegen vielleicht umso mehr. Das Schöne daran ist, dass wir inzwischen mit einem Publikum rechnen können, das genau diese Neugier mitbringt. Und sich auf etwas einlässt, was es nicht kennt und von dem es nicht wissen kann, was es ist und wie es sein sollte. Das inspiriert auch die Darsteller: ein grundsätzlich waches, fragendes, auch kritisches Publikum zu haben, das sich auf immer neue Wagnisse einlässt.

M&T: Abschliessend eine etwas provokante Frage: Wie geht es nach dem Turm weiter? Müsste sein logisches Ende nicht tatsächlich die Apokalypse sein?

Giovanni Netzer: Man wird von einem solchen Bau natürlich beeinflusst, und wenn die Apokalypse zur Einweihung auftaucht, mag das etwas befremdlich wirken. Aber gerade ein solches Projekt muss sich intensiv mit dem möglichen Scheitern auseinandersetzen. Dieser exponierte Ort regt fraglos ein apokalyptisches Denken an. Wie das Ende des Turmes aussehen wird – da habe ich noch keine Ahnung. Vielleicht hat es dann auch die umgekehrte Wirkung und wird etwas Hoffnungsvolles sein…■

 

www.origen.ch

Ausgabe: 11 - 2017