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editorial

Liebe Leserin, lieber Leser

Ganz vehement wehre ich mich dagegen, in einen larmoyanten Klagemodus zu verfallen. Auch wenn nun langsam die letzten Reserven an Gelassenheit und Zuversicht angezapft sind. Zu oft wurden in den letzten Monaten leise Hoffnungen auf grössere Freiräume, auf eine zaghafte Normalisierung enttäuscht und wieder zugeschaufelt. Zu unsicher und zu labil erleben wir die gegenwärtige Situation, als dass einem jeder Gedanke an einstige Lebensgewohnheiten nicht beinahe schon als frivol und aus einer andern Welt vorkommen müsste.

Längst geht es ans Eingemachte. Zuerst natürlich so vielen im Kulturbereich aktiven und davon lebenden Menschen. Normalerweise erfahren sie Erfüllung nicht zuletzt dadurch, dass sie mit ihrer Tätigkeit – ob auf oder hinter der Bühne, dem Podium, an der Kamera oder wo auch immer – Prozesse anregen, das Leben anderer Menschen bereichern. Das ist ihnen nun gänzlich verwehrt. Hinzu kommt für viele von ihnen ganz reale wirtschaftliche Not und die Angst, durch das soziale Netz durchzufallen. Wie sollte man auch gegen Desillusionierung imprägniert sein, wenn einem alle Regieaufträge ersatzlos wegfallen, wenn einem Monat für Monat alle Konzertauftritte verunmöglicht werden?

Aber genauso gilt das für uns als Publikum: Wie wird uns doch Tag für Tag bewusst, wie viel an Lebensqualität wir ohne kulturellen Austausch verloren haben. Gleichwohl müssen wir konstatieren, dass Kultur im politischen Diskurs weit hinten rangiert und höchstens als Freizeit-Feigenblatt anerkannt wird. Bernd Feuchtner hat dies vor einiger Zeit im Berliner «Tagesspiegel» folgerichtig kommentiert: «Auch in der Krise soll die Wirtschaft brummen, Kultur aber sei nicht systemrelevant. Für welches System? Sind die Menschen nur noch zum Produzieren und Konsumieren da?

Zu diesem System kann die Kultur gar nicht gehören wollen. Die Kultur, das sind die gemeinsamen Träume der Menschen, die Glücksmomente wie die Albträume. Die Kultur ist die Fantasie, ohne die auch Wirtschaft und Technik keine Zukunft haben.» In diesem Sinne lassen Sie uns alle durchhalten, dagegenhalten, aufbegehren für unsere Träume und Glücksmomente! Für eine Zukunft.

Wir wollten wissen, wie Schweizer Bühnen und Veranstalter – Festivals klammern wir diesmal aus – ihre Zukunft in diesen planungsfeindlichen Zeiten angehen. Wie sie eine solche Zukunft in der Spielzeit 2021/22 gestalten wollen. Das Resultat dieser umfassenden Umfrage lesen Sie ab Seite 7 dieser Ausgabe. Tragen Sie Sorge zu sich und bewahren Sie Ihre Lebensfreude!

Herzlich, Ihr Andrea Meuli

Ausgabe: 03 - 2021