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editorial

Liebe Leserin, lieber Leser

Wenn Sie diese Ausgabe in Ihren Händen halten, ist die Premiere von Verdis «Simon Boccanegra» mit Christian Gerhaher in der Titelrolle am Opernhaus Zürich über die Bühne gegangen – sofern in den wenigen Tagen bis zu diesem Datum nicht noch jemand aus der Besetzung am Coronavirus erkrankt und damit den Abbruch der surrealen Übung provoziert. Aber stellen wir uns vor: eine ambitionierte, grosse Neuproduktion einer der interessantesten Opern von Giuseppe Verdi, inszeniert vom Hausherrn Andreas Homoki, dazu der deutsche Bariton Christian Gerhaher, der sich zum ersten Mal mit der tiefgründigen Figur dieses Genueser Dogen auseinandersetzt, und Fabio Luisi, der seine letzte Premiere als musikalischer Chef des Opernhauses dirigiert. Voraussetzungen für eine ambitionierte Gala also. Aber ohne eine einzige Zuschauerin, ohne einen einzigen Zuschauer. Zudem Chor und Orchester via Glasfaserkabel aus dem externen Proberaum zugeschaltet. Und das Ganze erst noch in der Ungewissheit, ob überhaupt eine einzige der geplanten Vorstellungen nach der gestreamten Premiere stattfinden kann. Auch auf der Bühne muss derzeit nach besonderen Voraussetzungen gespielt werden. Klar, Chorszenen sind tabu, alle Volksaufstände sind verbannt oder werden als innere Monologe der Protagonisten inszeniert. Diese dürfen sich auch in den emotionalsten Momenten – in Verdis «Boccanegra», wenn sich Vater und Tochter nach Jahrzehnten wieder erkennen – nicht in die Arme fallen und ihren Gefühlsaufwallungen hingeben. Ja, es ist eine seltsame Zeit, in der die unterschiedlichsten Experimente versucht werden, um den kulturellen Lockdown-Kahlschlag wenigstens einen Wimpernschlag lang zu überlisten. Die Ungewissheit und Unsicherheit, was morgen ist und noch sein kann und darf, sie bleiben wie eine düstere Wolke im Raum hängen. Und doch bleibt uns keine Wahl, wir müssen damit leben, versuchen, für uns alle den verträglichsten Weg aus dieser grössten Krise und Herausforderung heraus zu finden. Und den Mut nicht zu verlieren.

Auch wir nehmen das zu Herzen, auch wir müssen improvisieren, unsere Inhalte nach den labil sich ändernden Bedingungen ausrichten. Und darauf hoffen, dass wir alle möglichst bald den ganzen Spuk hinter uns haben. Dass wir wieder unbeschwert unser Leben geniessen können. Und uns über die nächste Premiere, das nächste Konzert, die nächste Vorstellung freuen dürfen. Trotz allem – oder erst recht! – wünsche ich Ihnen einige besinnliche, ruhige und gesunde Festtage – und einen hoffnungsvollen Beginn des neuen Jahres. Und bleiben Sie uns treu!

Herzlich, Ihr

Andrea Meuli

Ausgabe: 01 - 2021