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«Wenn ein ‚Trovatore‘ klingt wie Puccini, dann hat man wirklich etwas falsch gemacht.»

 

Michael Balke: Warum eine absurde Geschichte derart erfolgreich sein kann
«Leise spielen 
ist keine Strafe»
Michael Balke, Ständiger Gastdirigent am Theater St. Gallen, wird im Juni die Festspiel-Produktion auf dem Klosterplatz 
dirigieren: Verdis «Trovatore» steht diesmal auf dem Programm. Über seine Sicht auf dieses Stück, auf Verdi, aber auch über 
vieles andere spricht der deutsche Dirigent im M&T-Interview.
«Ich reise gerne so weiter.»

Reinmar Wagner (Text) & Priska Ketterer (Fotos)

M&T: Michael Balke, es soll Enrico Caruso gewesen sein, der sagte: Für den «Trovatore» braucht man die vier besten Sänger der Welt. Von einem Dirigenten hat er nichts gesagt. Welche Rolle spielt der Dirigent in Verdis «Trovatore»?

Michael Balke: Ich denke, er ist wichtiger als etwa in der «Traviata» oder im «Rigoletto», den beiden anderen Opern von Verdis «Trilogia popolare». Dort geht mehr von den Sängern aus als im «Trovatore», der in seiner Dramaturgie mehr aus dem Graben gesteuert wird. Natürlich braucht man fantastische Stimmen und fantastische Darsteller auf der Bühne, aber als Dirigent hat man die Zügel eher mehr in der Hand.

M&T: Betrifft das vor allem die Tempi?

Michael Balke: Ja, die Tempi, aber auch die Phrasierung und Artikulation. Dieses Stück ist so dramatisch und schnell, dass man es als Dirigent in der Hand hat, diese permanente Spannung hoch zu halten. Die «Traviata» ist weit mehr ein Kammerspiel, das darauf angelegt ist, die Entwicklung der Figuren aufzuzeigen. Im «Trovatore» dagegen entwickelt sich kaum etwas: Luna ist ein sehr starker Charakter, den wir aber das ganze Stück hindurch gleich erleben, ebenso Manrico. Am facettenreichsten ist die Azucena. Sie ist vielschichtiger in ihrem permanenten Konflikt zwischen Rache und Mutterliebe.

M&T: Und Leonora ist einfach nur das Opfer?

Michael Balke: Musikalisch ist die Leonora natürlich etwas vom Grössten, was für Sopran geschrieben wurde, aber von ihrem Charakter werden nur einige Facetten beleuchtet. Zudem steht sie entgegen der Tradition im vierten Akt nicht mehr im Zentrum, sondern Azucena. Verdi wollte das Stück eigentlich ursprünglich auch auf sie konzentrieren. Sie ist eine sehr spannende Figur, unfassbar, unheimlich, vom Stimmtypus her ein Vorläufer von Eboli oder Ulrica.

M&T: Warum kommt diese Oper beim Publikum so gut an?

Michael Balke: Es ist ein sehr schnelles Stück, mit einem immensen Sog. Die Handlung ist ja eigentlich recht absurd: Eine Mutter wirft das falsche Kind ins Feuer (ihr eigenes!), zwei Brüder erkennen sich nicht, als sie voreinander stehen, Leonore gesteht in der Dunkelheit dem falschen Mann ihre Liebe. Es ist an den Haaren herbeigezogen, aber durch diesen Sog und Drive funktioniert das Stück.

M&T: Müssen Sie als Dirigent dieses Tempo eher abbremsen, oder wollen Sie es im Gegenteil noch anheizen?

Michael Balke: Weder noch. Ich will möglichst genau herauslesen, was Verdis Absichten waren. Beim Aufbauen der Tempi muss man schon helfen, dann gibt es Momente des Innehaltens, wie das zauberhafte Miserere, die aber nur funktionieren, wenn vorher genügend Tempo aufgenommen worden ist. Man spürt in diesem Stück, dass in Verdis Leben sehr viel passiert ist in jener Zeit. Es ist eine Rastlosigkeit, so als ob er keine Sekunde zu verlieren hätte.

M&T: Spürt man den Einfluss seiner Geliebten, Giuseppina Strepponi, mit der er in St. Agata zusammenlebte?

Michael Balke: Gut möglich. Das war ein kleines Dorf, man hat getratscht. Es ist wohl kein Zufall, dass die Hauptfiguren in diesen drei Opern alle Aussenseiter der Gesellschaft sind: die Kurtisane, der Bucklige, die Zigeunerin. Aber Verdi war überhaupt stark beschäftigt: sein Landgut, sein politisches Engagement, Verträge mit Paris, Sorgen um die Eltern.

M&T: Wie schreibt Verdi im «Trovatore» für die Stimmen?

Michael Balke: Es ist seine 17. oder 18. Oper, er hatte mittlerweile eine grosse Erfahrung und wusste, wie Sänger funktionieren. Neuerungen sind vor allem formal: Er schreibt weniger Verzierungen, weniger Koloraturen und versucht, sich von der Belcanto-Tradition mit ihren geschlossenen Formen zu verabschieden. Letzteres gelingt ihm jedoch nicht, da er aufgrund des Librettos von Cammarano zurück in die Nummern-Form gedrängt wird. Das Hohe C hat er den Tenören noch zugestanden, aber er wollte sich weiterentwickeln.

M&T: Was erlauben Sie beim Hohen C?

Michael Balke: Es gibt ein paar Stellen, da bin ich nicht so streng. Kategorisch Nein zu sagen, halte ich für falsch. Verdi hat ja auch einiges zugelassen, wenn es schön war. Ich würde mich fragen, was Verdi dazu sagen würde.

M&T: Und wo finden Sie die Antwort auf diese Frage?

Michael Balke: Wir sind als Künstler ständig auf der Suche. Im Lauf der Karriere entwickelt man ein gewisses Sensorium, aber die Suche geht weiter bis zum Ende des Lebens. Ich habe in Schweden gerade «Don Carlo» dirigiert. Als ich diese Oper vor fünf Jahren zum ersten Mal leitete, habe ich überall geschaut, wie man was machen kann, habe CDs gehört, Youtube geschaut. Diesmal habe ich nichts mehr angeschaut, sondern nur die Partitur als Schlüssel genommen. Wir haben alle Traditionen eliminiert. Das kostete viel Überzeugungsarbeit, aber am Ende hat es sehr gut funktioniert.

M&T: Sie sind also ein Dirigent, der die Sänger an der Hand nimmt und den Sängerzirkus ausbremst?

Michael Balke: Es gibt Spielregeln. Dass man zum Beispiel im Belcanto eine Arie transponiert, damit sie einem Sänger besser liegt, war Tradition. Aber im «Trovatore» verabschiedet sich Verdi vom Belcanto. Natürlich ist es der Sänger, der auf der Bühne steht, und ich will ihn durchtragen und unterstützen. Jede Stimme hat andere Fähigkeiten und Bedürfnisse, da gehe ich schon darauf ein. Aber ich darf den Blick auf das Ganze nicht aus den Augen verlieren, nur dann geht ein Opernabend auf, und das spürt auch das Publikum. Wenn man es im «Trovatore» nicht schafft, einen Spannungsbogen zu bauen, dann verliert man den Zuschauer. Aber das ist das Schöne im deutschsprachigen Raum, dass man lange Probenphasen hat, und eine Interpretation zusammen entwickeln kann.

M&T: Dafür muss man sich gegen die Regisseure und ihre Ideen durchsetzen.

Michael Balke: Ich habe da keine Berührungsängste. Wenn man kollegial miteinander umgeht, profitieren alle voneinander. Wenn sich die Sänger musikalisch wohlfühlen und weniger zu mir schauen müssen, dann trauen sie sich auch, die Regie besser umzusetzen. Je besser man studiert hat, desto mehr Freiheiten traut man sich auch zu und kann die besonderen Momente auskosten. Wenn es immer gleich schon wackelt, wenn ich da unten fast nur noch Verkehrspolizist spiele, dann haben wir diese Chance nicht, dann sind alle darauf bedacht, nur möglichst alles zusammenzuhalten. Wenn aber alle wissen, wohin die Reise geht, können ganz tolle Momente entstehen.

M&T: Verdis Partituren erscheinen nicht sehr komplex. Ist er leicht zu dirigieren?

Michael Balke: Das kann man nicht sagen, jedes Repertoire hat seine Herausforderungen. Manche sagen, Puccini sei schwer mit all den Rubati und Übergängen. Aber dadurch, dass diese Momente so dehnbar sind, ist es oft einfacher, als zum Beispiel ein stringentes Tempo bei Rossini vom ersten Moment an hinzukriegen. Wenn das nicht absolut präzis ist, hört man das in der letzten Reihe, wenn Puccinis Rubato nicht ganz präzis ist, klingt es vielleicht etwas weicher, was ihm aber nicht schlecht stehen muss. Und wenn der Rossini mal läuft, ist es wichtig, die Energie nicht zu verlieren, zum Beispiel darauf zu bestehen, dass eine Begleitfigur, die Dutzende Male wiederkommt, jedes Mal dieselbe Intensität hat. Sonst wird die Musik sofort langweilig.

M&T: Wo ist Verdi am originellsten in dieser Partitur?

Michael Balke: Schon im Aufbrechen der Form. Man spürt, dass er sich am konventionell gestrickten Libretto störte. Und dann gibt es Finessen in der Instrumentierung, nicht nur die berühmten Ambosse, auch die düstere Stimmung in den Nachtszenen mit dunklen Farben, tiefen Instrumenten, auch vielen schönen Bratschen-Stellen. Aber auch das Eingängige der Volks-Chöre ist mitreissend, man geht aus dem Stück und singt diese Melodien nach. Auch deswegen geht die Geschichte auf. Das Emotions-Getriebene der Figuren hat etwas Einnehmendes, das sieht man ja heute auch bei gewissen Staatslenkern.

M&T: Also hat Verdi uns auch heute etwas zu sagen?

Michael Balke: Genau das: Rache funktioniert nicht, Blindheit ist schädlich, Zuhören wäre hilfreich. Wenn die nur einmal miteinander geredet hätten, wäre die Geschichte ganz anders ausgegangen.

M&T: Spannender wäre das aber nicht.

Michael Balke: Natürlich nicht, letztlich ist es eine moralische Botschaft: So weit kommt es, wenn ... Die Kontraste sind sehr stark: Liebe und Rache, Dunkel und Feuer. Es gibt sehr viele dunkle Stellen in diesem Stück, und irgendwo lodert und flackert es doch immer in der Partitur. Das ist schon sehr toll gemacht von Verdi.

M&T: Sie haben in St. Gallen schon «Tosca» oder «Norma», aber auch Franz Schrekers Oper «Die Gezeichneten» dirigiert.

Michael Balke: Eine sehr komplexe Partitur. Das Orchester in St. Gallen ist in guter Verfassung und es mag es, an den Klangfarben zu arbeiten. Es ist sehr befriedigend zu sehen, wie viel zurückkommt, wenn man das verlangt. Aber das geht auch bei italienischem Repertoire oder bei Haydn.

M&T: Sie dirigieren ganz unterschiedliches Repertoire: ein Bekenntnis zur Vielseitigkeit?

Michael Balke: Ich hoffe, dass ich mich nie festlegen muss. Ich habe gerade «Salome» dirigiert in Verona, ich liebe das grosse deutsche Repertoire, gerade Richard Strauss. Je vielseitiger man ist, desto souveräner ist man in den einzelnen Fächern, weil man gefordert ist, das abzugrenzen. Wenn ein «Trovatore» klingt wie Puccini, dann hat man wirklich etwas falsch gemacht. Und wenn man sich nur in einem Repertoire bewegt, wird man schnell etwas betriebsblind. Ich mag es, mir zu überlegen, welche Farben welches Repertoire verlangt, und warum. Ich liebe die Sinfonien von Mahler, aber ich mache auch gerne Mozart und Haydn.

M&T: Als Kritiker schreibt man oft den Satz: Das Orchester ist zu laut. Warum spielt man so laut?

Michael Balke: Weil es schwer ist, leise zu spielen. Man muss fair sein: Fast alle Stücke wurden für ganz andere Instrumente geschrieben, als wir sie heute haben. Und in der Editionspraxis hat man sehr oft einfach dynamische Angaben, die in einer Stimme stehen, gleich in alle anderen auch übernommen. Und dann sehen die Posaunen Fortissimo und spielen Fortissimo. Das bedeutet, dass man solche Angaben jedes Mal neu überlegen und zwischen den Instrumentengruppen ausbalancieren muss. Richard Strauss hat solche Dinge minutiös ausnotiert, deswegen klingen seine Partituren von sich aus schon gut. Bei anderen müssen wir diese Arbeit selber machen. Ich sage oft zu den Musikern: «Leise spielen ist keine Strafe.» Und noch etwas kommt hinzu: Wenn eine halbe Note gedruckt steht, hält man den Ton heute eine halbe Note lang. So hat man das aber nicht gespielt früher, bis hin zu Wagner. Der hat extra «sostenuto» hingeschrieben, weil er genau das haben wollte. Sonst aber spielte man einen Klang, selbst im Fortissimo, immer mit einer Entspannung gegen das Ende hin, was den anderen Instrumenten und den Sängern viel mehr Raum gibt.

M&T: Wo geht Ihre Reise hin?

Michael Balke: Das weiss ich nicht. Ich geniesse mein Leben gerade sehr. Ich mag es, regelmässig nach St. Gallen zu kommen, ich fühle mich ein bisschen zu Hause hier. Aber ich liebe es auch, die Möglichkeit zu haben, in der Welt Eindrücke zu sammeln. In Moskau Tschaikowsky zu dirigieren beispielsweise, oder Ravel in Frankreich, oder eine «Bohème» in Italien. Vor Kurzem habe ich zum ersten Mal im Concertgebouw dirigiert, ich konnte beim Royal Stockholm Philharmonic Orchestra debütieren. Bald wird die Aufnahme der «Traviata» mit Marina Rebeka erscheinen, mit ihr werde ich in St. Gallen eine weitere CD mit französischem Repertoire aufnehmen. Das sind grosse Bereicherungen, also reise ich gerne so weiter. ■

«Zuhören wäre hilfreich»

Ausgabe: 03 - 2019