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Giuseppe Verdi als erfolgreicher Komponist, fotografiert von Gaspard-Félix Tournachon.

 

Die St. Galler Festspiele spielen Verdis «Il Trovatore» im Klosterhof
Leidenschaft 
und Hass
Halb oder ganz vergessene Opernraritäten zu neuem Bühnenleben zu erwecken – das haben sich die St. Galler Festspiele auf ihre programmatische Fahne geschrieben. Dieses Jahr weichen sie mit Verdis «Il Trovatore» für einmal in bekanntere Gefilde aus. 
Der spektakuläre Spielort vor der barocken Kathedrale bleibt als besondere Herausforderung. M&T begleitet die Festspiele auch 2019, mit zwei umfangreichen Strecken zu den Schwerpunkten des diesjährigen Programms.

Stephan Thomas

Als Giuseppe Verdi den Trovatore vollendete, war sein Ruf als Komponist gefestigt. Die Oper wird – zusammen mit Rigoletto und La Traviata – als Trilogia poplare, als glänzendes Dreigestirn einer schöpferisch fruchtbaren Zeit wahrgenommen – ohne deswegen abzuwerten, was danach an Meisterwerken noch folgen sollte. Für den Trovatore vertraute Verdi, bereits zum vierten Mal, auf die Dienste des neapolitanischen Librettisten Salvatore Cammarano (1801 - 1852). Zuvor hatte Cammarano schon die Libretti von La Battaglia di Legnano, Alzira und Luisa Miller verfasst. Cammarano verstarb 1852 über seiner Arbeit am «Trovatore»; sein Libretto brachte der, ebenfalls aus Neapel stammende, Publizist Leone Emanuele Bardare, zu Ende. Er war schon dem erkrankten Cammarano behilflich gewesen.

Die Zusammenarbeit von Verdi und Cammarano gestaltete sich schwierig; Differenzen bestanden namentlich zur Frage der Kohärenz und Plausibilität der Handlung mit ihren extremen Umschwüngen und Brüchen – was auch der fertigen Oper immer wieder angekreidet wurde.

Cammarano hatte den Auftrag, ein Libretto «aus einem Guss» zu verfassen, schrieb es dann aber doch in der Form einer konventionellen Nummernoper. Man hat sich gewundert, dass Verdi, der in anderen Fällen entschieden in die Gestalt der entstehenden Libretti eingriff, hier nicht entschlossener opponierte.

Als Vorlage diente das fünfaktige Drama El Trovador des spanischen Dichters Antonio Garcia Guttiérrez (1813 – 1884). Später verwendete Verdi auch Guttiérrez’ Drama Simon Boccanegra als Vorlage für eine seiner Opern, wobei dann Francesco Maria Piave – und in der späteren Überarbeitung noch Arrigo Boito – als Librettisten fungierten.

Bei der Suche nach einem Ort für die Uraufführung für seinen «Trovatore» verhandelte Verdi erfolglos mit Bologna und Neapel. Dort waren ihm keine ausreichenden Garantien für die Qualität der beteiligten Sänger zugestanden worden. Bessere Bedingungen fand er in Rom, wo die Uraufführung am 19. Januar 1853 im Teatro Apollo über die Bühne ging. Ihr war ein triumphaler Erfolg beschieden, dies trotz einer Indisposition des Sängers, der den Conte di Luna verkörperte. Das Werk breitete sich aus wie ein Lauffeuer und wurde noch 1853 an Dutzenden von italienischen Bühnen gespielt. Auch in Paris, der «Hauptstadt des 19. Jahrhunderts», wurde die Oper in verschiedenen Versionen aufgeführt: 1854 im Théâtre-Italien in italienischer Sprache, 1857 an der Opéra in einer französischen Fassung Le Trouvère, die sich dort bis ins 20. Jahrhundert im Répertoire hielt.

In Frankreich waren neben Zustimmung auch kritische Töne zu vernehmen, etwa von Jules Verne, der seinen Romanhelden Quinsonnas sagen lässt: «Und hier nun der Mann des harmonischen Lärms, der Held des musikalischen Getöses, der grobschlächtige Melodien schrieb, so wie man damals grobschlächtige Literatur schrieb, Verdi, der Schöpfer des unermüdlichen Troubadour, der für seinen Teil auf einzigartige Weise dazu beigetragen hat, den Geschmack des Jahrhunderts irrezuleiten.»

Verdi liess sich von den seltenen kritischen Tönen nicht beirren. Es ist überliefert, dass er auf seinem Landgut Sant’Agata drei Bäume zur Erinnerung an die Opern seiner Trias gepflanzt hat: eine Weide für La Traviata, eine Platane für Rigoletto und eine Eiche für den Trovatore. Wie man die Eiche – ein Sinnbild für Kraft, Festigkeit und tiefe Verwurzelung – mit dem Trovatore in Verbindung bringen will, ist wohl Sache der individuellen Auslegung. Man tut wohl gut daran, in seinen Interpretationen die Symbolik nicht über Gebühr zu strapazieren.

In Italien wurde Il Trovatore – wie verschiedene andere Opern Verdis auch – als patriotisches Manifest wahrgenommen, wenn auch weniger stark als beispielsweise sein Attila. Dennoch liess das Werk bei zeitgenössischen Aufführungen mehrmals die Volksseele aufwallen. «Der Kampf zwischen Manrico und Luna ist einer um die politische Macht. Dass Luna diesen Kampf gewinnt, verschlägt angesichts der Niedelage in der Gunst Leonoras wenig. Die Sympathien gelten der Rebellion Manricos, der auf der Seite des unterdrückten Volkes steht. Da Manrico durch sein Künstlertum und seine scheinbare Zugehörigkeit zu den Zigeunern ein Aussenseiter ist, gerät Il trovatore zur ‚Parabel über die Unterdrückung der Minderheiten‘», so formulierte es der Musik- und Theaterkritiker Ulrich Schreiber.

Nördlich der Alpen wurde Il Trovatore unterschiedlich rezipiert. Eduard Hanslick zählte ihn zusammen mit La Traviata, Rigoletto und Un ballo in maschera zum Besten, was die italienische Bühne hervorgebracht habe. Andernorts mokierte man sich über das leierkastenartige «Hm-ta-ta». Der Musikwissenschaftler Guido Barbieri nimmt Verdi in Schutz: «Tatsächlich ist der Part der Azucena von Walzerrhythmen geprägt, langsame, schnelle und Mazurken. Doch Verdi wollte keineswegs Trivialmusik schreiben. Er wollte einfach die Figur realistisch schildern.»

In der Oper dominieren die dunklen Töne, sie wurde daher auch schon als «Nachtstück» bezeichnet. Nach der durchaus erfolgreichen Uraufführung wurde verschiedenenorts die grosse Anzahl der Toten moniert. Verdi hatte dieser Auffassung allerdings mit seiner brieflichen Aussage Vorschub geleistet: «Der wichtigste Teil des Dramas verbirgt sich in einem einzigen Wort: Vendetta!» Die düstere Grundstimmung kondensiert sich in Azucenas berühmter Arie «Stride la vampa», doch gibt es durchaus auch lichtere Momente, besonders im wohl noch bekannteren Zigeunerchor. Es dominieren die Tableaux, wobei gleichermassen Innen- und Aussenbilder vorkommen. Dies trifft sich mit dem Umstand, dass ein guter Teil des Geschehens in die Vorgeschichte ausgelagert wird. Anderes – etwa das Duell und die Gefangennahme Manricos – ereignet sich abseits der Bühne.

Nach Ansicht des Musikwissenschafters Julian Budden lebt die Oper von der Spannung zwischen den beiden Polen Leonora als lyrischer Sopran und Azucena als dramatischer Mezzo. «Manrico oszilliert ein wenig zwischen diesen Polen. Als Geliebter Leonoras ist er lyrisch und von grosser Intensität. Azucena ist ein vielschichtigerer Charakter als Manrico. Verdi hat sie als Figur konzipiert, die zwischen Mutter- und Tochterliebe hin- und hergerissen ist. Wenn sie von ihrer Mutter spricht, hat die Musik eine Qualität wie sonst nirgendwo. Eine interessante Rolle, und wir wissen, dass Verdi sie der Leonora vorgezogen hat. Es gibt einen Brief, wo Verdi gesagt hat, wenn ich Sängerin wäre, würde ich am liebsten die Azucena singen.»

Eine besondere Herausforderung stellt die Besetzung des Trovatore dar. Von Enrico Caruso ist das Bonmot überliefert, es sei ganz einfach, diese Oper auf die Bühne zu bringen, man benötige dazu nur die vier besten Sänger der Welt. Anspruchsvoll ist besonders die Rolle des Manrico. Für Guido Barbieri braucht es dazu einen Heldentenor mit einer durchschlagskräftigen Stimme, aber gleichzeitig lyrisch-kantable Qualitäten. Heute gälten diese Qualitäten aber oft als entgegengesetzt und kaum vereinbar: «Gute Tenöre fehlen nicht, hingegen die Fähigkeit, den Canto di forza und den Canto lirico zu verbinden. Dies ist aber eine Frage der Kultur, nicht der Musik.» ■

Ausgabe: 03 - 2019