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studio

lebendige vergangenheit

Werner Pfister

Dreimal ging Herbert von Karajan mit Beethovens Missa solemnis ins Aufnahmestudio: 1958 in Wien, 1966 in Berlin und 1985 ebenfalls in Berlin, dieses Mal aber digital. Und dies stets mit demselben Chor, dem Wiener Singverein, dem Karajan ein Leben lang sozusagen die Nibelungentreue hielt – obwohl er als Laienchor kaum seinen hohen Ansprüchen gerecht zu werden vermochte. Die erste Aufnahme – glaubt man den Erinnerungen der Solosopranistin Elisabeth Schwarzkopf – stand unter keinem guten Stern. In der Tat: Dickflüssig wälzt sich die Musik dahin, und das Soloquartett findet kaum zu einem gemeinsamen Klang zusammen. Die dritte Aufnahme wiederum war dem Digital-Zwang geschuldet, der in Karajans letzten Lebensjahren zu so vielen Remakes führte – klangtechnisch nun auf dem neuesten Stand, interpretatorisch eher nicht.

Bleibt also die zweite. Sie erschien fast gleichzeitig mit Klemperers EMI-Einspielung, was die Musikkritiker selbstredend zu Vergleichen herausforderte und selbst einen Theodor W. Adorno zu einer Wortmeldung im «Spiegel» veranlasste: «Das Werk ist abgründig, bis heute von niemand ganz enträtselt … Sein Ansehen steht in umgekehrtem Verhältnis zur Verständlichkeit … Karajan verhüllt das Rätselhafte durch Wohllaut, mit Hilfe der schönsten verfügbaren Gesangsstimmen: Gundula Janowitz, Christa Ludwig, Fritz Wunderlich, Walter Berry. Die Sorge um den Klangspiegel überwiegt jede andere … Der Primat des Klanges verschleiert, bei aller Meisterschaft, Umriss und Phrasierung.»

Meisterschaft immerhin. Und die schönsten Gesangsstimmen. Ja mehr noch, das homogenste Solistenquartett, das man sich für die Missa solemnis nur vorstellen kann. Jeder hört auf jeden, keiner fällt durch Profilierungsneurose auf, keiner fällt durch stimmliche Defizite ab. Zu allerhöchstem Glanz schwingt sich dieses Soloquartett im Benedictus auf – von Michel Schwalbés Solovioline gross­artig umrankt. Hat man das einmal gehört, kann man sich kaum mehr für eine andere Interpretation erwärmen. Der Primat des Klanges ist keineswegs abzustreiten, nur fragt sich, wie einseitig man ihn bewertet: Auch Schönheit kann subversiv sein. Sicher, beim Anhören dieser Aufnahme, einst ein Meilenstein, fühlt man sich weit zurückversetzt – zurück in eine Epoche, deren Interpretationsideal noch nicht im oft geistlosen Abbilden historischer Entstehungs- und Aufführungsbedingungen der Werke lag, sondern diesen, jedenfalls den bedeutenden, auch einen «utopischen Überschuss» (Ernst Bloch) zubilligte, der meilenweit über solche Entstehungsbedingungen hinausreicht. Sicher gilt das für Beethovens Missa solemnis, deren zuweilen fast manische Ausdrucksintensität beinahe in jedem Takt an Grenzen des Realisierbaren stösst. Nicht zufällig fragte sich Klemperer in diesem Zusammenhang: «Wie überträgt man ein Werk in die Realität, das die Realität nicht berücksichtigt?» Karajan gelingt es, etwas von diesem «utopischen Überschuss» jenseits der rein historischen Faktizität erlebbar zu machen. Und darin jedenfalls bleibt sie ein grosser Wurf.

 

Beethoven: Missa solemnis. Janowitz,
Ludwig, Wunderlich, Berry, Wiener
Singverein, Berliner Philharmoniker;
Herbert von Karajan.
Deutsche Grammophon 4838221
(CD + Blue-ray Disc)

Ausgabe: 07 - 2020