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studio

lebendige vergangenheit

Werner Pfister

Nein, Jacques Offenbach nahm nicht mit seiner fantastischen Oper «Hoffmanns Erzählungen» Abschied von der Bühne (und letztlich auch vom Leben), sondern mit der Opéra-comique «Belle Lurette». Statt seinen «Hoffmann» zügig zu vollenden, fokussierte er seine Energien nämlich immer wieder auf den viel leichter geschürzten Stoff der «Belle Lurette», auf die amüsant-turbulente Story rund um eine Wäscherin, die im Ancien Régime gezielt Adlige um den Finger wickelt. Eine einfache Frau aus dem Volk – aber eine starke Frau, wie sie in Offenbachs Bühnenwerken oft im Zentrum stehen. Genau diese Einfachheit, diese Herkunft aus dem Proletariat, mochte den Rundfunk der DDR dazu bewogen haben, im Dezember 1958 eine rundfunkeigene Produktion der «Schönen Lurette» – also in deutscher Sprache – zu produzieren.

Nun liegt sie erstmals auf 2 CDs vor, ergänzt (als Bonus) durch einige Szenen einer französischen ORTF-Produktion aus dem Jahr 1965. Die deutsche Version braucht sich im Vergleich dazu überhaupt nicht zu verstecken – im Gegenteil: Die leichte Muse hatte in der DDR eine respektable Tradition auf hohem künstlerischen Niveau. Das zeigt sich vor allem musikalisch: Gespielt und gesungen wird mit Pfiff und Schmiss, Leichtgewichtiges kommt federleicht daher, und das schelmische, zuweilen durchaus ein- resp. zweideutige Augenzwinkern in Wort und Ton zeigt uns Offenbach ganz auf der Höhe seiner unvergleichlichen Operettenkunst.

Bekanntlich erleben heute Opern und Operetten in deutschsprachigen Versionen zumindest auf Tonträgern wieder eine überraschende Renaissance. Die Leipziger Rundfunkproduktion der «Schönen Lurette» reiht sich hier respektheischend ein – ein nostalgisches Wiederhören mit der guten alten Rundfunkzeit.

 

Offenbach: Die Schöne Lurette. Hella
Hansen, Wilhelm Klemm, Lutz Jahoda,
Frank Folter u.a. Rundfunk-Chor und
Grosses Grundfunk-Orchester Leipzig;
Dirigent: Gottfried Kassowitz.
Relief CR 2005

Ausgabe: 03 - 2020